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Debatte um Mindestlohn: Kein Leben mit 6,89 Euro

Jetzt will sogar die CDU einen Mindestlohn. Wird nun alles gut für Geringverdiener? Anne Steins arbeitet am Fließband und bekommt Mindestlohn. Eine Erfolgsstory ist das nicht.

Von Manuela Pfohl

Kurz vor fünf Uhr morgens. Der Wecker schrillt erbarmungslos in die Dunkelheit hinein. Von nun an läuft alles im engen Takt bei Anne Steins*. Maja wecken. Die zweijährige Tochter quengelt, will weiterschlafen. Ihre Mutter redet ihr gut zu. Wie jeden Morgen. Waschen, anziehen, Stullen schmieren, Kind kuscheln. Schuhe an. Schlüssel ins Schloss, los. Ein Kuss zum Abschied. Maja ist eine der ersten im Kindergarten. Blick zur Uhr. Oh Gott, schon so spät. Ab sechs Uhr beginnt Anne Steins Dienst. Die nächsten acht Stunden wird die 30-Jährige in einem Fischverarbeitungsbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern am Fließband stehen. Mit schmerzenden Füßen, klammen Fingern vom kalten Fisch und der Fixierung auf die Norm im Kopf, die sie schaffen muss und die jeden anderen Gedanken verdrängt. Akkordarbeit für 6,89 Euro die Stunde. Mindestlohn. "Naja", sagt die Alleinerziehende, "ist nicht grad mein Traumjob. Aber was soll ich machen. Hier gibt es nichts anderes und ich bin ja froh, überhaupt eine Arbeit zu haben."

Jeder kennt Beispiele von Niedriglöhnen

In Mecklenburg-Vorpommern sind die Jobs rar und werden im bundesweiten Vergleich auch oft besonders schlecht bezahlt. Tariflicher Mindestlohn Ost heißt für die Frauen in der Wäscherei 6,75 Euro die Stunde. Für die Männer vom Werkschutz im Betrieb 6,53 Euro und für die Frauen, die sich im Kindergarten um Maja kümmern 7,50 Euro. Vorausgesetzt, sie erhalten überhaupt einen Tariflohn. Als im vergangenen Jahr die Meldung durch die Medien ging, dass ein Stralsunder Gastronom einer Kellnerin, zwei Küchenhelfern und zwei Pizzaboten jeweils Stundenlöhne von gerade mal 1,32 Euro gezahlt hatte, hat Anne Steins den Kopf geschüttelt. Aber gewundert hat sie sich nicht. Fast jeder in ihrem Häuserblock kennt Beispiele von ausgesprochenen Niedriglöhnen.

Das Problem in Deutschland: Immer mehr Arbeitgeber treten aus den Arbeitgeberverbänden aus und entziehen sich damit der Tarifbindung. Der DGB hat festgestellt, dass im Westen der Republik schon jetzt 36 Prozent der Beschäftigten nicht mehr von Tarifverträgen geschützt werden. Im Osten sind es sogar 49 Prozent.

"Ich hab mich so elend gefühlt"

Eigentlich hat die Mecklenburgerin eine Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation bei der Bundesbahn gemacht. Aber keiner der Lehrlinge ist damals übernommen worden. Also hat sich Anne Steins nach anderen Jobs umgesehen, landete irgendwann bei einer Fastfoodkette mit 5,80 Euro die Stunde. "Die blanke Ausbeutung", sagt sie. "Da kam der Tipp, es mal bei dem Fischverarbeitungsbetrieb zu versuchen, gerade recht. Einen Euro mehr. "Das kommt dir erstmal richtig viel vor, wenn du mit jedem Cent rechnen musst." Anne Steins plant nicht in Kategorien wie Sommerurlaub und Weihnachtsgeschenke. Sie plant die Zeit bis zum nächsten Ersten, zur nächsten Miete, zur nächsten warmen Jacke für ihre Tochter und bis zur Reparatur der Waschmaschine.

Etwas mehr als 700 Euro netto bleiben ihr von ihrem Monatsverdienst. Plus Kindergeld. Minus alle Abzüge, wie Miete, Strom, Wasser, Auto, Telefon und natürlich Lebensmittel. Vor einem Monat hat sie es aufgegeben, damit klar zu kommen. Anne Steins hat sogenannte ergänzende Leistungen bei der Agentur für Arbeit beantragt. Aufstocker. Fast alle Frauen, die mit ihr am Fließband stehen, sind Aufstocker und brauchen zusätzliche Sozialleistungen. "Klar, steht mir das zu. Klar, muss ich mich dafür nicht schämen, dass ich Geld vom Staat will", sagt Anne Steins. "Aber trotzdem. Als ich da im Amt stand, habe ich mich so elend gefühlt, so gedemütigt, das kann man gar nicht beschreiben." Arm trotz Arbeit. Tausendmal hat sie das gehört. "Wenn die CDU jetzt über einen flächendeckenden Mindestlohn redet, finde ich das gut", meint sie. "Nur entscheidend wird sein, wie hoch dieser Mindestlohn ist. Alles was unter 8,50 Euro liegt macht gar keinen Sinn. Das ist Leute verschaukeln." Und: "Es muss endlich aufhören, dass die Leute im Osten weniger bekommen, als im Westen. Wir sind schließlich ein Land."

Arm trotz Arbeit passt nicht

Immerhin: Der europaweite Vergleich zeigt, dass die Gewerkschaftsforderung nicht unbegründet ist. 20 der 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben laut DGB einen gesetzlichen Mindestlohn. Und zwar von minimal 8,58 in Belgien bis 10,16 Euro in Luxemburg.

"Deutschland braucht den Mindestlohn", hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) immer wieder gefordert. Als er seine jüngste Kampagne startete, hat Anne Steins sich die Argumente genau angeschaut: Mehr als jeder Fünfte arbeitet in der Bundesrepublik für einen Niedriglohn. Rund 3,5 Millionen Menschen bekommen einen Stundenlohn unter 7 Euro. Etwas über eine Million Beschäftigte müssen sogar mit einem Verdienst von unter 5 Euro auskommen. Und: Die Zahl der Jobs im Niedriglohnsektor steigt permanent an. Für Claus Matecki vom Geschäftsführenden Bundesvorstand des DGB ein Skandal.

"Wir müssen einfach Druck machen."

Anne Steins hat darüber nachgedacht, sich ein paar Studien angesehen und meint: "Von einem anständigen Mindestlohn würden alle etwas haben. Wenn die Politik das nicht begreift, werden die Leute auf die Straße gehen. Das lässt sich doch keiner ewig gefallen." Sie selbst hat sich jedenfalls bei einer der Parteien in ihrem Ort gemeldet, gesagt, dass sie sich engagieren will. "Wir müssen einfach Druck machen."

* Name von der Redaktion geändert, weil "Anne Steins" fürchtet, ihren Job zu verlieren, wenn ihr Arbeitgeber erfährt, dass sie über ihren Lohn gesprochen hat.