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Der Abwasch der Woche Zieht euch warm an


Wenn Thilo Sarrazin Tacheles redet, dann kann man was erleben. Er allerdings auch. Von seinem Genossen Steinmeier lässt sich das leider nicht sagen. Von Genuss, Gewinn und (unfreiwilligem) Grinsen. Zeit für den Abwasch.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Tschingderassa bumm! Tschingderassa bumm bumm! Ja, hereinspaziert, meine Damen und Herren, der Zirkus Sarrazini ist wieder in der Stadt. Kommen Sie, sehen Sie, hören Sie, staunen Sie: The one and only, the dirty social-democrat, der fürchterliche, schreckliche Thilo Sarrazin in seiner besten, seiner beliebtesten, seiner bekanntesten Nummer - er rummst mit langem Anlauf und vollem Karacho "gegen viele Mauern der politischen Korrektheit", um mit dem Meister selbst zu sprechen. Satisfaction guaranteed. Bei Nichtgefallen Geld zurück.

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So, und jetzt mal ein bisschen nüchterner: Normalerweise werben wir hier nicht für andere Produkte; für die jüngste Ausgabe von "Lettre International" mit dem Schwerpunkt "Berlin auf der Couch" machen wir aber mal eine kleine Ausnahme. Kost' elf Euro, das Blatt, wird im Schnitt von etwa 15.000 Menschen gekauft, ist immer lesenswert und enthält diesmal sogar einen echten Brüller: ein Interview mit Thilo Sarrazin at his best. Ein langes, schlaues, aneckendes wie anregendes Gespräch über Berlin, Deutschland und die Welt, den Zusammenhang zwischen Subventionskultur und Denkfaulheit, über Eliten und Ausländer, Architektur und Integration, schlechte Schulen, dumme Menschen - und was ER dagegen tun würde. Eine Mischung aus schlichten Wahrheiten (okay, manchmal sind's auch nur Halbwahrheiten) und weniger schlichten Schlussfolgerungen.

Wer sich nur für die "Stellen" über die Hammelreste im Tiergarten, die Produktion "kleiner Kopftuchmädchen" und die bildungs- wie integrationsunwilligen Araber und Türken interessiert - selber Schuld, aber bitte: Gibt's deutlich billiger fast jeden Tag in "Bild". Aber es entgeht einem was. Als würde man im Zirkus nur auf den Salto mortale warten - und die Nummer mit dem Kopf im Löwenmaul gar nicht beachten.

Es gibt nicht viele Interviews mit Politikern, die man mit soviel Genuss, Grinsen und Gewinn (und zuweilen leichtem Kopfschütteln) liest. Was vielleicht auch daran liegt, dass Sarrazin, eine kühl kalkulierende Krawallschachtel, zwar die Gesetze der Öffentlichkeitsarbeit kennt und beherzigt ("Die Medien lieben es, wenn Krach ist"), aber kein Politiker durch und durch ist, jedenfalls kein sozialdemokratischer. Der Mann kann rechnen, hat den Berliner Haushalt saniert und arbeitet seit wenigen Monaten als Vorstand der Bundesbank. Noch jedenfalls. Denn nach seinem "Lettre"-Gespräch fordert das große politische Korrektorat in SPD und Bundesbank, vermutlich nur in Kenntnis der "Stellen": Weg mit! Raus mit! Gehtjagarnicht! Gehdochnachdrüben! (Pardon, das nicht. Gehtjanichmehr).

Wie wir diese Thilo-Raus-Rufe finden? Sagen wir mal so: Zwischen Reflex und Reflektion, da liegt dann doch ein sehr weites Feld...

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Und damit zu einem ganz anderen, ganz anders denkenden und formulierenden Sozialdemokraten: Mister 23 Prozent, Frank-Walter Steinmeier. Das ist der Mann, dem nach elf Jahren Regierung gerade die Wähler in Scharen davongelaufen sind, weil sie die Schnauze davon voll hatten, dass ausgerechnet unter SPD-Beteiligung in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klaffte. Der führt jetzt die SPD-Fraktion und schon mal ein erstes Interview mit "Bild". Last man talking. Und wie. Von den drei großen Gs - Genuss, Grinsen und Gewinn, siehe oben - wollen wir allerdings nicht reden. Obwohl, grinsen - aber dazu gleich.

Zunächst mal das: "Wir müssen aufpassen, dass Union und FDP unser Land nicht aus der sozialen Balance bringen", sagt der Neu-Oppositionelle Steinmeier, während die vergeblich bekämpfte schwarz-gelbe Koalition in spe gerade darüber verhandelt, mit welchen Gräueltaten sie in nächster Zeit das deutsche Volk traktieren wird. Als da, unter anderem, wären: höheres Kindergeld, höherer Kinderfreibetrag, höheres Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger...

Da kann dem Sozi schon mal der Kamm schwellen. Wir aber gestehen kleinlaut: Soziale Kälte haben wir uns immer anders vorgestellt, irgendwie.

Auch den entmerkelten Steinmeier muss diese neue Unordnung ordentlich in Wallung gebracht haben - und wir haben davon wenigstens ein bisschen was zu Grinsen: "Und denen, die uns angesichts der Wahlniederlage jetzt belächeln, sage ich: Zieht euch schon mal warm an. Wir werden euch gehörig einheizen."

Wir lernen daraus zweierlei: Manches, was ein Bild sein soll, hinkt schief. Und: Die SPD ist doch noch eine Wärmestube. Aber vielleicht wusste der fürsorgliche Herr Steinmeier einfach nur schon, was "Bild" am Tag seines Interviews auf Seite eins ankündigen würde: "Kältewelle zieht über Deutschland". Er muss es nur falsch verstanden haben - von einem Tief Guido war da nichts zu lesen.


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