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Der Fall Mohamed Hajib: Wie ein Deutsch-Marokkaner zum muslimischen Helden wird

Seit fast anderthalb Jahren sitzt der Deutsch-Marokkaner Mohamed Hajib in Marokko in Haft. Unschuldig, wie er behauptet. Und gefoltert, wie Amnesty International befürchtet. Doch Deutschland scheint das wenig zu interessieren. Für Islamisten wie Pierre Vogel ein gefundenes Fressen.

Von Manuela Pfohl

Noch vor ein paar Wochen kannte ihn kaum jemand. Inzwischen ist Mohamed Hajib in der muslimischen Community Deutschlands fast schon ein Held geworden. "Möge Allah diesem Bruder Standhaftigkeit geben und alle Muslime auf den richtigen Weg leiten", ist unter einem Video gepostet, das auf Youtube zu sehen ist. Auf der Homepage des vom Verfassungsschutz mit Argwohn beobachteten konservativen islamischen Vereins "Einladung zum Paradies" stand das Video bis zum Freitag ebenfalls noch. Inklusive der Verlinkung zur Facebookgruppe, die sich gegründet hat, um "Freiheit für Mohamed Hajib" zu fordern. Und durchs Netz wandert ein Video mit einem "Gefangenenchor", der für Gerechtigkeit für Mohamed Hajib singt. Ein Politikum.

Denn der Deutsch-Marokkaner, der seit dem Jahr 2000 in Duisburg lebte, an der Uni Duisburg Maschinenbau studierte und danach eine eigene Firma gründete, sitzt seit Februar 2010 in Marokko im Gefängnis. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schreibt in ihrem jüngsten Public Statement vom 17. Juni 2011, es gebe Hinweise darauf, dass der Mann in der Haft gefoltert wurde. Mohamed Hajib selbst erhebt schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden: Sie würden ihm trotz erwiesener Unschuld nicht helfen, freigelassen zu werden.

Von Duisburg nach Pakistan

Der Fall ist einigermaßen merkwürdig und wirft die Frage auf, ob hier jemand leichtfertig in die Arme radikaler Islamisten getrieben wird.

Angefangen hat die Geschichte offenbar im Juni 2009. Damals reiste Mohamed Hajib laut eigener Aussage von Duisburg nach Pakistan, um sich gemeinsam mit einer Gruppe eifriger Missionare fit zu machen für die "Rechtleitung gestrauchelter Muslime". Ein Vorhaben, das schon nach knapp anderthalb Monaten in der pakistanischen Stadt Quetta endete, als der Duisburger einen Anruf von seiner Mutter aus Marokko bekam, in dem sie ihm sagte, sein Sohn sei schwer krank und er müsse sich um das Kind kümmern. Mohamed Hajib erzählt, er habe sich auf die Heimreise gemacht und sei kurz vor der iranischen Grenze von pakistanischen Beamten verhaftet worden. Der Vorwurf: Er habe kein gültiges Visum besessen.

Nach Überwindung mehrerer bürokratischer Hürden zwischen Pakistan und Deutschland sei er schließlich am 17. Februar 2010 freigelassen worden und von Islamabad nach Frankfurt ausgereist, wo ihn zwei Polizisten in Empfang genommen hätten - und das Drama begann.

Ein Abendessen für die Polizei

"Nachdem sie mich sehr vieles gefragt hatten, sagten die beiden, sie könnten mir helfen ein günstiges Last-Minute-Ticket nach Marokko zu bekommen. Darüber habe ich mich so gefreut, dass ich dem Polizisten sogar noch ein Abendessen ausgegeben habe." Hajib zahlt 250 Euro für den Flug, der noch am selben Tag, dem 18. Februar 2010, geht. Um 23.30 Uhr sitzt er im Flieger und glaubt, dass Allah die Dinge glücklich gefügt hat. Doch bei der Landung in Casablanca hätten am Flugzeug bereits fünf Angehörige der Geheimpolizei gewartet, um ihn postwendend festzunehmen. Vorwurf: "Bildung einer kriminellen Vereinigung" und "Finanzterrorismus". Der Duisburger habe in Pakistan und Afghanistan den Kampf gegen die US-Soldaten unterstützt. Im Juni 2010 wird er deshalb von einem Gericht in Marokko zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Die Nachrichtenagentur AFP meldet am 26. Juni 2010: "Laut Justizkreisen in Salé wurde Mohamed Hajib im September 2009 an der pakistanisch-afghanischen Grenze mit einer Kalaschnikow festgenommen und später an Deutschland ausgeliefert."

Hungerstreik und eine angekündigte Selbstverbrennung

Nichts davon sei wahr, versichert Hajib. "Anfangs dachte ich noch, dass sich der Irrtum schnell klären wird und Deutschland mir hilft, aus dem Gefängnis zu kommen. Die deutschen Behörden haben doch das Schreiben der Pakistaner, aus dem hervorgeht, dass ich kein Terrorist bin." Doch die Botschaftsangehörigen, die ihn besuchten, hätten ihm nicht helfen wollen. "Einer sagte mir im Gefängnis, dass er eine marokkanische Frau habe und deshalb keinen Ärger mit den Behörden wolle", berichtet Mohamed Hajib in seinem Video. Dreimal habe ein Rechtsanwalt versucht, den pakistanischen Bericht zu erhalten, der die Unschuld beweise. "Doch das Konsulat weigerte sich weiter, uns den Bericht zu übergeben."

Hajib tritt daraufhin mehrfach in den Hungerstreik, versucht sich in einem Akt der Verzweiflung im Februar 2011 selbst anzuzünden und wendet sich immer wieder über Familie und Freunde an die Öffentlichkeit. Er bittet um Unterstützung, denn er sei mehrfach mit sexueller Gewalt bedroht worden. Man habe ihn immer wieder in Isolationshaft gesperrt, an Händen und Füßen gefesselt und gefoltert, um Geständnisse von ihm zu erhalten. Amnesty International schaltet sich ein. Denn der psychische Zustand des Mannes verschlechtert sich zusehends.

Amnesty fordert Aufklärung

Im Public Statement von Amnesty vom 17. Juni 2011 heißt es: "Ein Rechtsanwalt sowie ein Repräsentant des deutschen Konsulates besuchten ihn zwischen dem 31. Mai und dem 8. Juni. Der Rechtsanwalt sagte, dass Mohamed Hajib an den Händen und Füßen Wunden habe, die aus Folterung oder anderen Misshandlungen resultierten." Die Menschenrechtsorganisation fordert Aufklärung.

Interessiert sich Deutschland nicht für den Fall - trotz des möglicherweise falschen marokkanischen Gerichtsurteils und der Foltervorwürfe? Reicht schon der Vorwurf des Terrorismus aus, um bei der Sicherung der Bürgerrechte etwas "nachlässiger" zu sein? Immerhin sind Menschenrechtsverletzungen und Folter in Marokko seit Längerem bekannt und auch mehrfach Teil der parlamentarischen Auseinandersetzung im Bundestag gewesen. Amnesty International und andere Organisationen haben immer wieder Fälle von Willkür und Rechtsbeugung in marokkanischen Gefängnissen sowie Übergriffe der Geheimpolizei dokumentiert.

"Im Einklang mit den marokkanischen Behörden"

Gegenüber stern.de erklärt eine Sprecherin des für den Fall Mohamed Hajib zuständigen Auswärtigen Amtes dennoch: "Wir setzen darauf, dass das Gericht in Marokko nach rechtsstaatlichen Maßstäben geurteilt hat." Sie bestätigt zwar den Besuch eines Konsularbeamten am 8. Juni 2011. Darüber hinaus dürfe sie zu dem Fall aber nichts sagen. Denn "zum Schutz der Persönlichkeitsrechte des Mannes könnten keine Angaben zum Inhalt der konsularischen Betreuung gemacht werden". Nur soviel: "Im Einklang mit den marokkanischen Behörden sind die gesundheitlichen Belange aufgenommen worden." Im Übrigen bestehe seitens der Marokkaner keine Verpflichtung, eine konsularische Betreuung zuzulassen. Mohamed Hajib habe schließlich neben der deutschen auch die marokkanische Staatsbürgerschaft.

Für Teile der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland ist der Fall Hajib ein Skandal - und Grund genug, sich zu radikalisieren. Seit die Videos von Mohamed Hajib erstmals im Internet auftauchten, wurden sie unzählige Male weitergeleitet und kommentiert. "Wenn wir uns nicht bald als Muslime auf der Straße vereinen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen, werden wir in diesem Staat alle untergehen", meint beispielsweise ein Anhänger auf der Homepage von "ahlu-sunnah" und bittet "alle Brüder und Schwestern" am Samstag nach Hamburg zu kommen, um "Solidarität mit unserem Bruder Muhamed Hajib" zu zeigen, "der unschuldig in einem marokkanischem Gefängnis sitzt".

Ein Glücksfall für Pierre Vogel

1500 Leute hatten bis Freitag schon ihr Kommen für die Veranstaltung angekündigt. Ein Event. Denn nun wird sich auch Pierre Vogel, einer der bekanntesten und einflussreichsten deutschen Islamisten, mit Mohamed Hajib befassen. Für den unter ständiger Beobachtung des Verfassungsschutzes stehenden muslimischen Fundamentalisten ist der Fall des Deutsch-Marokkaners ein Glücksfall bei der Suche nach immer neuen Anhängern einer puristisch orientierten islamischen Gesellschaft, die alles Westliche für verdorben hält. Außerdem passt Mohamed Hajib wunderbar in das Bild des stets benachteiligten Moslems. "Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um dafür zu sorgen, dass unser Bruder aus der Haft kommt", verspricht Vogel in einer Videobotschaft. Und: "Wir haben deinen Hilferuf gehört, Bruder. Halte aus." So schafft man sich Sympathien. Sollte Mohamed Hajib tatsächlich frei kommen, dürfte klar sein, wem seine Dankbarkeit gilt und wem er sich moralisch verpflichtet fühlen wird.