Der politische Abwasch der Woche Guido ist der neue Oskar


Leistungslos rutscht Westerwelle auf der Unpopularitätsskala der Deutschen nach oben. Was würde Strauß dazu sagen? Was ist dirkniebeln? Und wo ist Köhler schon wieder? Zeit für den Abwasch.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Ist Ihnen das eigentlich auch schon aufgefallen? Diese Stille, dieser Frieden? Muss an den ersten Frühlingssonnenstrahlen liegen, die unser aller milden Seiten zu Tage fördert, oder an der bevorstehenden Karwoche, der Zeit also, in der selbst unkaputtbare Querfeldeinquatscher wie der als Södermarkus reinkarnierte Dirkniebel mal Ferien machen oder sonstwie zum Innehalten zwangsverschickt werden. Jedenfalls: Es ist nahezu himmlisch. Also irgendwie auch: laaangweilig! Denn darüber, dass unser Außenminister demnächst die "Gay Games" eröffnet, darf man ja keine Witze machen. Will man aber eigentlich auch gar nicht. Das hier ist schließlich eine Kolumne mit Niveau oder wie immer das heißt.

Aber vielleicht liegt die plötzliche Ruhe in der schwarz-gelben Rappelkiste ja auch an Horst "Monster" Köhler, dem Bundespräsidenten mit dem unvergleichlich kühnen Humor, der dem Kabinett am Dienstagabend bei sich am Hofe zum Dessert reinen Wein der anspielungsreichen Marke "Übermut 2004" - ja, da wurde was weggeschmunzelt! - einschenkte, nachdem er die Regierungskombattanten und sein Volk tags zuvor über "Focus" hatte wissen lassen, dass es ihn erstens noch gibt und dass er zweitens irgendwie nicht so richtig amused ist über das, was die Koalition da in ihren ersten hundert Tagen zusammenregiert hat. Die Kritik, die die gefühlten 2356 Leidartikel der letzten Wochen zusammenfasste, gipfelte in den erkenntnistheoretisch dann doch eher schlichten Zwei-Satz: "Das Volk erwartet jetzt tatkräftiges Regieren. Daran gemessen, waren die ersten Monate enttäuschend."

Und was sollen wir sagen: Das präsidiale Rüffelchen hat gewirkt. Das nennen wir mal Autorität! Pruusst! Nee, nee, keine Sorge. War jetzt nur ein Scherz. Viel wahrscheinlicher ist dann doch, dass Mutti Merkel beim letzten Treffen im Kanzleramt dem Zappel-Guido und dem Quengel-Horst klammheimlich eine ordentliche Portion Ritalin in den Kaffee geschüttet hat. Die Frau steht schließlich für pragmatische Lösungen.

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Wo wir gerade beim Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom sind: Am Montag tagte in der Großen Halle des Vol..., ach Quatsch, im Hotel Berlin der Kleine Parteitag der CDU, um, tja, äh, also - er tagte jedenfalls und irgendeinen Sinn wird es auch gehabt haben, auch wenn der sich halbwegs neutralen Beobachtern auf den ersten Blick nicht erschloss. Auf den zweiten eigentlich auch nicht, aber die Hauptsache war: Angela Merkel hat geredet und danach gab es eine Aussprache mit zwei Wortmeldungen, von denen aber eine zurückgezogen wurde, nachdem auch noch Jürgen Rüttgers - tja, wie soll man das denn jetzt nun wieder nennen? - sagen wir mal so: aufgetreten war. Zwischenzeitlich hätten wir den Mann fast bewundert, weil es so aussah, als würde er das weltweit einzigartige Kunststück vollbringen können, sich selbst während seiner eigenen Rede einzuschläfern. Hat er dann aber auch nicht geschafft.

Nur so ein Verdacht am Rande: Kann man Ritalin mittlerweile in Luft auflösen? Und was treibt der Herr Sauer (Chemiker!!!) eigentlich so in seiner Freizeit zusammen mit der Physikerin M.?

Die Form der schwer gelebten innerparteilichen Demokratie in der CDU erinnert uns jedenfalls erheblich an die glorreichen Zeiten des bayerischen Maximo Lider Franz Josef Strauß selig, der gerne mal seine CSU am Samstagvormittag zum Parteitag antreten ließ, nach Totenehrung und Wahl des Tagungspräsidiums in die Bütt ging und anhub zu schimpfen, schwitzen und schwadronieren, zu berserkern und beleidigen und drei Stunden lang nicht mehr aufhörte, bis auch dem Letzten Frack und Ohren sausten… und dann, dann verkündete Strauß, jetzt sei es doch ein bisserl spät geworden, für die eigentlich vorgesehene Diskussion sei jetzt leider, leider keine Zeit mehr, schließlich hätten die Delegierten ja alle Familie und wollten sicher nach Hause…

Ja, so war das, in den wilden Achtzigern, als Jürgen Rüttgers noch Erster Beigeordneter für Stadtentwicklung, Finanzen und Umweltschutz war. War nicht alles schlecht damals, out of Pulheim zumindest.

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Franz Josef Strauß, das den Jüngeren hinter die grünen Ohren, war der rabenschwarze Vorgänger des tiefroten Oskar Lafontaine als eine Art Lord Voldemort der deutschen Politik: von den eigenen Anhängern innigst verehrt, vom Rest der Republik gefürchtet bis verachtet. Man kann ja sagen, was man will: Aber los war immer was bei und mit ihm. Eine Krawallschachtel erster Güte. Und wenn nach den beliebtesten Politikern gefragt wurde, dann kam seinerzeit meist der Außenminister, dann eine Weile nichts, dann Hinz und Kunz und Kohl, dann lange nichts - und dann Strauß. Die herzliche Abneigung hatte er sich redlich verdient. Später, viel später löste ihn dann Lafontaine in der Rolle des Buhmanns der Nation ab.

Tja, und jetzt heißt Oskar plötzlich Guido. Im ZDF-Politbarometer hat Westerwelle den unterirdischen Beliebtheitswert von minus 1,3 erreicht. Ja, wofür das denn eigentlich? Was hat der Mann getan? Wir dachten, Leistung muss sich lohnen. Also, bei Lafontaine war das so: Der hatte erstens eine Rotlicht-, zweitens eine Pensions-, und drittens allerhand auch angedichtete andere Affären am Hals, er war der Blockadeführer gegen Kohl, zeitweilig als Finanzminister "der gefährlichste Mann Europas", gilt als irgendwie mordsmäßig links, hat eine Partei fast zugrunde gerichtet und eine andere aufgebaut (und fast wieder…), kurzum: eine 1a-Hassfigur. Gemessen daran, muss man Westerwelle fast leistungslose Unpopularität attestieren. Dessen liberale Freunderlwirtschaft und spätrömische Rhetorik hätte einem bestechenden Charakter und Schreihals wie Strauß nicht mal ein müdes Arschrunzeln abgerungen.

Aber da ist ja noch Luft nach oben. Ritalin wirkt auch nicht ewig, bald wird das Wetter wieder schlechter und am Ende der Karwoche legen die Ratschen und Räppler los. Diese Stille, dieser Frieden - muss ja nun wirklich nicht sein. Westerwelle, tun Sie was für Ihren schlechten Ruf! Uns ist laaangweilig!


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