Deutschland Türkinnen verlangen Bildung


"Viele Welten leben" ist die erste repräsentative Sozialstudie über das Leben junger Migrantinnen in Deutschland. Die Untersuchung hält einige Überraschungen bereit.

Sechs Wochen nach dem Mord an dem niederländischen Regisseur Theo von Gogh läuft die politische Debatte über einen EU-Beitritt der Türkei heiß. Kurz vor der Entscheidung über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen präsentierte das Bundesfamilienministerium eine bisher einmalige Sozialstudie über das Leben von Migrantentöchtern, die mit Überraschungen gespickt ist.

Die Studie gehe auf Datenerhebungen 2001 und 2002 zurück, sagte die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck. Die Untersuchungen reichten also viel weiter zurück als der Mord an dem Urheber des Films über die Behandlung von Frauen im Islam. Der Mord hatte die Debatte über Ausländer, Gettos, Integration und Parallelgesellschaften, aber auch über die Rolle der Türkei in Europa erst richtig angefacht.

Religion muss kein Integrationshemmnis sein

Beck sagte, in der aktuellen Debatte werde die Lebensweise von Migrantinnen als Integrationshemmnis diskutiert. Ihre religiösen Bindungen oder eine starke Familienorientierung würden als Ausdruck mangelnden Interesses an Integration, Bildung oder an ihrem Lebensumfeld gedeutet. Die neue Studie räume mit vielen dieser Bewertungen auf.

Türkinnen sehen ihre Zukunft in Deutschland

"Gerade türkische Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 21 Jahren sind in ihrer Zukunftsplanung auf Deutschland orientiert", sagte die Mitautorin der Studien, Ursula Boos-Nünning von der Universität Essen/Duisburg. Mehr junge Frauen mit türkischem beziehungsweise ex-jugoslawischen Hintergrund wollten oder hätten die deutsche Staatsangehörigkeit als ihre Kolleginnen mit italienischem oder gar griechischem Hintergrund, heißt es weiter. "Am meisten verwoben mit ihrem Heimatland sind die Griechinnen", sagte Boos-Nünning.

Zwangsehen finden keine Akzeptanz

Zwangsehen sind den Angaben zufolge ohnehin Randerscheinungen. Aber auch mit "arrangierten Ehen" könnte sich 87 Prozent nicht anfreunden. 90 Prozent schließen sie für sich aus. Nur fünf der 950 Befragten würden dem Wunsch der Eltern folgen, einen Partner aus dem Heimatland zu heiraten.

Allerdings findet die arrangierte Ehe unter jungen Türkinnen mit elf Prozent immerhin die größte Zustimmung. Zwei Drittel der Türkinnen und 40 Prozent der Griechinnen seien der Auffassung, ihre Eltern würden ihrer Heirat mit einem Deutschen nicht zustimmen. Junge Frauen mit italienischem Hintergrund sehen jedoch kaum, dass ihre Eltern etwas dagegen haben könnten.

Feste Größen: Bildung und Familie

Von außerordentlicher Bedeutung für die jungen Frauen ist laut Studie die Bildung. Dabei klaffen allerdings Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander, wie Beck sagte.

48 Prozent der befragten Aussiedlerinnen und 47 Prozent der Ex-Jugoslawinnen sowie 39 Prozent der Migrantinnen aus den anderen untersuchten Gruppen hätten niemanden, der bei den Hausaufgaben helfe. Dennoch sei die Familienbindung eine der Hauptstützen für das Bildungsstreben. Laut Studie legen die jungen Mädchen und Frauen Wert auf gute Schulnoten und -abschlüsse, obwohl in ihrem Milieu Bildung in der Regel keine Rolle spielt.

Migrantinnen: Vorbild für ihre deutschen Kolleginnen?

Die Studie spricht sogar von "Bildungsaufsteigerinnen". Trotz Rückschläge wie ein- oder mehrmaliges Sitzenbleiben in der Schule und trotz Ausgrenzungserfahrungen verfolgten sie ihren Bildungsweg beharrlich. Die jungen Frauen aus den untersuchten Gruppen könnten mit ihrer Motivation und ihrem Durchsetzungsvermögen sogar als Hoffnungsträgerinnen für den deutschen Bildungs- und Arbeitsmarkt gesehen werden, folgert die Studie.

In der Studie "Viele Welten leben" im Auftrag der Bundesfamilienministeriums wurden in Deutschland geborene oder aufgewachsene, unverheiratete Migrantentöchter von 15 bis 21 Jahren türkischer, griechischer, italienischer, ehemals jugoslawischer Herkunft sowie Aussiedlerinnen befragt. Das 700 Seiten umfassende Werk steht im Internet und erscheint im Frühjahr gedruckt.

Frieder Reimold/AP AP

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