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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Nennt es endlich Ehe!

Wie in Irland, ist auch das Gros der Deutschen dafür, Lebenspartnerschaften von Homosexuellen der Ehe gleichzustellen. Die Union muss einsehen: Sie hat den Anschluss an die eigenen Wähler verloren.

Von Laura Himmelreich

Ein kleiner Junge aus Berlin-Mitte trägt sein Haar gerne lang. In seiner Kita nannten ihn andere Kinder "schwul". Zuhause erzählte er seiner Mutter davon und sagte, die Kinder hätten das wie ein Schimpfwort benutzt. Er verstehe das nicht. Er selbst war schon auf einer schwulen Hochzeit, seine Eltern haben oft schwule Paare zu Besuch. Warum soll "schwul" ein Schimpfwort sein? Er konnte das nicht begreifen. Der kleine Junge ist schon heute weiter als die Union.

Noch immer halten Konservative eine Beziehung zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau für etwas Minderwertiges, deswegen könne es keine Ehe sein. Geschaffen wurde die "Lebenspartnerschaft". Ein Kunstbegriff, der sagt: Ihr seid ähnlich, aber nicht gleichwertig und daher nicht gleichgestellt. 2001 war die Lebenspartnerschaft ein Fortschritt. 2015 ist sie ein Anachronismus. Die katholischen Iren machen den Deutschen nun bewusst, wie rückwärtsgewandt und albern diese Gesetzgebung ist.

Sollen homosexuelle Paare in Deutschland heiraten können und klassischen Ehepaaren rechtlich gleichgestellt werden?

Mehrheit unter Union-Wählern

Auch in Deutschland plädieren drei Viertel der Bevölkerung für eine volle Gleichstellung. Selbst unter Unions-Wählern sind zwei Drittel dafür. Aber CDU und CSU ignorieren den Willen der Wähler. Sie warten bis das Verfassungsgericht das Offensichtliche erzwingt.

Etwa 150 Regelungen in 54 Gesetzen und Verordnungen unterscheiden noch zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft. In seinen bisherigen Entscheidungen hat das Bundesverfassungsgericht klar gemacht, dass der Schutz der Ehe nicht dadurch gewährt wird, indem der Gesetzgeber Lebenspartnerschaften diskriminiert. Die größte Benachteiligung schwuler und lesbischer Paare besteht darin, dass sie noch immer nicht gemeinsam Kinder adoptieren dürfen. "Unsicher" fühle sich die Kanzlerin, sagte sie im Wahlkampf, wenn sie an Kinder in homosexuellen Beziehungen denkt. Aber diffuse Ängste und Unsicherheiten einiger Konservativer reichen nicht aus, um Millionen Menschen die Rechte zu verwehren.

In Irland begreifen jetzt sogar Erzbischöfe, dass sie den Anschluss an das Gerechtigkeitsempfinden der eigenen Bevölkerung verloren haben. Will die Union sich nicht völlig blamieren, muss sie endlich begreifen: Eine homosexuelle Lebenspartnerschaft ist eine Ehe. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.

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