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Die schlimmsten Europawahl-Spots Wenn der Martin in die Ferne starrt


Horst Seehofer inszeniert eine Oper, Angela Merkel feuert Plattitüden ab und die SPD filmt nurn noch in Zeitlupe. Ein Worst of Wahlkampfspots zur Europawahl.
Von Timo Brücken

Dass Wahlwerbespots oft eher zum Fremdschämen anregen als zum Kreuzchen machen, haben wir schon vor der letzten Bundestagswahl festgestellt. Auch zur Europawahl am 25. Mai buhlen die Parteien wieder mit kleinen Filmchen um jede Stimme. Und, sagen wir es mal so, große Kunst ist das alles nicht geworden.

Martin Schulz looking at things

Klaviermusik ab, Weichzeichner auf Anschlag, und los geht’s: Der SPD-Spitzenkandidat schwebt herein und haucht mit sanfter Stimme Worte wie "transparent", "innovativ" und "gerecht". Dabei bewegt sich Martin Schulz wahlweise in Zeitlupe durch moderne Architektur oder darf bedeutungsschwanger in die Ferne starren - ganze fünf Mal in 30 Sekunden. Mit dem gleichen Rezept kann man auch flauschig-weiche Handtücher verkaufen. Oder Kaffee, der besonders schonend für den Magen ist. Wenigstens erwähnt Schulz, dass er "Spitzenkandidat" ist, so dass man zumindest erahnen kann, dass hier wohl irgendwer gewählt werden soll.

Merkels Plattitüdenbomber fliegen wieder

Die CDU verschweigt das nämlich beinahe galant. Stattdessen hat man ein paar Leute so dicht vor die Kamera gestellt, dass sich das Studiolicht in ihren Augen spiegelt. Und sie ganz spontan und authentisch erzählen lassen, was sie an Europa toll finden: keine Passkontrollen mehr. Die Enkelin kann in Wien studieren. Alles wie ein großes Haus, in dem die Deutschen für die schnellen Autos sorgen und die Italiener für die leckere Pasta. Oder um es mit der Kanzlerin zu sagen: "Die wichtigen Dinge erreicht man nur gemeinsam". Kopf einziehen, die Plattitüdenbomber fliegen wieder.

Seehofers bayrische Eur-Oper

Man könnte fast meinen, der große Polterer Horst Seehofer versuche es diesmal mit leisen Tönen, so ruhig fängt der Spot der CSU an. Aber dann lässt er sich doch vom Pathos davontragen: Kaum hat er mit "Europa ist unsere Zukunft" geendet, setzen die Streicher ein. Weil jetzt der wichtige Teil kommt: "Deutschland unser Vaterland." Und dann der noch wichtigere: "Und Bayern unsere Heimat." Damit es auch der letzte kapiert, läutet zwischendurch irgendwo eine Kirchenglocke, die Kamera schwenkt zur Brotzeit auf dem Tisch oder zeigt Seehofers geballte Fäuste, wenn er das Wort "Bayern" hervorpresst. Eine ganz große Oper, die der Horst da inszeniert.

"Ihr seid Waschlappen!"

Die Linke versucht es hingegen mit der Schreitherapie. Ein untersetzter Bartträger zieht am Fenster seiner Wohnung dermaßen vom Leder, dass man froh ist, nicht der Kameramann zu sein und keine Spuckefäden abzubekommen. Gegen Banker, Steueroasen und Waffenexporte wettert er. Erwartbare Linke-Positionen eben, die Gregor Gysi am Ende des Spots natürlich gern goutiert. Aber irgendwie auch charmant vorgetragen, zumindest sympathischer als die Anbiederungsorgien vieler anderer Parteien.

Bonustracks: Die schreiende Ayse und eine Kuh

Noch zwei Goldstücke, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen: Ob die Grünen in Niedersachsen von der Linken geklaut haben (oder umgekehrt, oder niemand vom anderen), ist nicht bekannt. Aber auch Jilet Ayse alias Schauspielerin Idil Baydar kann's nicht unter einer gewissen Dezibelgrenze. Köstlich. Und die CDU-Kuh aus Ahaus? Nun ja, sehen Sie am besten selbst.

Etwas ernsthafter hat der Videoexperte Thomas Wagensonner die Clips der Parteien unter die Lupe genommen. Eine Liste mit allen Wahlspots gibt es hier.

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