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DJERBA-EXPLOSION: Tatverdächtiger aus Duisburg wieder auf freiem Fuß

Im Zusammenhang mit der Explosion auf der Ferieninsel Djerba plant Bundesinneminister Otto Schily nach eigenen Angaben eine Reise nach Tunesien. Ob und wann die Reise stattfinden soll, ist allerdings noch unklar.

Tatverdacht konnte nicht bestätigt werden

Der im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Anschlag von Djerba im Raum Duisburg vorläufig festgenommene Mann ist wieder frei. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kündigte an, sich in Tunesien persönlich ein Bild von den Ermittlungen machen.

Der am Montagabend als mutmaßliche Kontaktperson vorläufig Festgenommene sei wieder auf freiem Fuß, weil sich weder aus seiner Vernehmung noch aus den übrigen bislang ausgewerteten Beweismitteln ein dringender Tatverdacht gegen ihn ergeben habe, teilte der Generalbundesanwalt am Dienstagabend mit.

In Sicherheitskreisen hieß es, es handele sich bei dem Mann um einen »zum Islam konvertierten Deutschen«. Einem Bericht des Magazins »stern« zufolge könnte es sich bei ihm um einen Anhänger des Moslem-Extremisten Osama bin Laden handeln. In tunesischen Regierungskreisen wurde der LKW-Fahrer von Djerba als Tatverdächtiger bezeichnet.

Bei der Explosion eines mit Gas beladenen Lastwagens waren auch zehn deutsche Urlauber getötet worden. Mehrere Schwerverletzte schwebten weiter in Lebensgefahr.

Hinweise auf Terroranschlag »weiter verdichtet«

»Die Hinweise, dass es sich bei dem Ereignis am 11. April um einen Terroranschlag handelt, haben sich weiter verdichtet«, teilte der Generalbundesanwalt weiter mit. Zur Aufklärung des genauen Tathergangs bedürfe es aber weiterhin intensiver Ermittlungen. Ein der Zeitung Al-Quds Al-Arabi vorliegendes Bekennerschreiben werde zurzeit ausgewertet. Der Generalbundesanwalt habe am 13. April die Verfolgungszuständigkeit für den Fall übernommen, nachdem es einen Hinweis der tunesischen Behörden gegeben habe, dass der mutmaßliche Attentäter wenige Stunden vor dem Anschlag nach Deutschland telefoniert habe. In diesem Zusammenhang habe auch die vorläufige Festnahme des Mannes in Deutschland als mutmaßliche Kontaktperson gestanden. Neben der Wohnung des Beschuldigten seien auch Unterkünfte von Personen aus seinem Umfeld in Mülheim, Haan und Duisburg durchsucht worden.

In Sicherheitskreisen wurde ein »stern«-Bericht bestätigt, dem zufolge deutsche Sicherheitsbehörden ein Telefonat des Fahrers oder Beifahrers des Lasters nach Deutschland kurz vor der Explosion abgehört haben. Zudem wurde bekräftigt, es habe sich wahrscheinlich um einen Anschlag gehandelt.

Zu einer möglichen Verbindung des mutmaßlichen Attentäters zu Bin Ladens Netzwerk El Kaida, über die ebenfalls der »stern« berichtet hatte, hieß es in den Kreisen, es könnte sich »um die Handschrift von El Kaida« gehandelt haben. Darauf deute hin, dass es sich um einen Selbstmordanschlag ohne Rücksicht auf zivile Opfer gehandelt habe. Es sei aber offen, ob der mutmaßliche Attentäter alleine oder als Teil eines Netzwerkes gehandelt habe. Die tunesische Regierung ist bislang nicht von ihrer Darstellung abgerückt, die Explosion sei ein Unfall gewesen.

Tunesische Behörden neigen zur Annahme eines Selbstmordanschlag

In tunesischen Regierungskreisen in Tunis wurde der Fahrer des Lastwagens, der am Donnerstag vor einer Synagoge explodiert war, als Tatverdächtiger bezeichnet. Das legte den Schluss nahe, dass die Behörden inzwischen dazu neigen, dass es sich um einen Selbstmordanschlag handelte. Die französische Zeitung »Liberation« berichtete, Tunesiens Präsident Zine al-Abidine Ben Ali habe Deutschland und Frankreich darüber informiert, dass es sich bei der Explosion auch um einen Anschlag handeln könnte. Bundesinnenminister Schily sagte, er könne dies nicht bestätigen.

Schily plant in den nächsten Tagen Reise nach Tunesien

Schily kündigte an, er werde möglicherweise in den nächsten Tagen nach Tunesien reisen. Es sollten alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, damit die Aufklärung zum frühestmöglichen Zeitpunkt gelinge. Der Minister sagte vor Journalisten weiter, er kenne zwar Hinweise auf telefonische Äußerungen, habe aber kein Bekennerschreiben in der Hand gehabt.

Die in London ansässige arabisch sprachige Zeitung »El Hajat« hatte berichtet, sie habe ein Bekennerschreiben einer Gruppe namens »Islamische Armee zur Befreiung Heiliger Stätten« erhalten, die El Kaida nahe stehe. Eine unabhängige Bestätigung für das Bekennerschreiben war nicht zu erhalten. In Moslem-Kreisen in London mit Verbindungen zu tunesischen und anderen Moslem-Gruppen und in den tunesischen Regierungskreisen wurde die Echtheit der Erklärung indes bezweifelt.

Explosions-Opfer schweben weiter in Lebensgefahr

Der bei der Explosion zerstörte Lastwagen wurde den deutschen Behörden inzwischen zur Untersuchung überlassen. Dies habe die Bundesregierung in einer Sondersitzung des Tourismus-Ausschusses des Bundestages mitgeteilt, sagte der Ausschuss-Vorsitzende Ernst Hinsken (CSU). Der Lkw sei bereits auf einem Schrottplatz gewesen.

Der ärztliche Leiter des Unfallkrankenhauses Berlin-Marzahn, Walter Schaffartzik, sagte, drei Patienten befänden sich weiter in einem äußerst lebensbedrohlichen Zustand. Auch die Sprecherin des Universitätskrankenhaus Lübeck sagte, einige Patienten befänden sich nach wie vor in einem kritischem Zustand: »Es kann sich jederzeit in die eine oder andere Richtung entwickeln.« Beim Unfallkrankenhaus Boberg bei Hamburg hieß es, die Lage eines 16-jährigen Jungen aus Lübeck sei weiterhin stabil.