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Fall el-Masri: Neu-Ulm, ein Einsatzgebiet der CIA?

Anfang 2004 verschleppte der CIA den deutschen Staatsbürger Khaled el-Masri in ein Geheimgefängnis. Zuvor erkundeten laut stern.de und "Report Mainz" getarnte CIA-Agenten womöglich den Raum Ulm/Neu-Ulm, in dem der Deutsch-Libanese lebte.

Von Rainer Nübel und Hans-Martin Tillack

Die CIA-Entführer waren erstaunlich gut informiert, als sie im Frühjahr 2004 Khaled el-Masri in einem Foltergefängnis im afghanischen Kabul wiederholt verhörten. Gezielt fragten sie nach konkreten Lokalitäten im Raum Ulm, unter anderem nach dem Multikulturhaus, dem Islamischen Informationszentrum und sogar danach, ob er in Neu-Ulm in einem bestimmten Geschäft regelmäßig Fisch eingekauft habe. Sie wussten sogar, wo sich im Neu-Ulmer Multikulturhaus die Tiefkühltruhe befand. Bereits in Mazedonien, wo el-Masri im Januar 2004 festgehalten worden war, war er nach seiner eigenen Darstellung nach konkreten Vorgängen und Personen im Raum Ulm befragt worden.

Bei den Verhören in Kabul wurde el-Masri gezielt auch nach mehreren islamistischen Führungspersonen aus dem Raum Ulm gefragt: darunter Reda Seyam, der im Verdacht steht, den Bali-Terroranschlag im Oktober 2002 mitfinanziert zu haben - und Yehia Yousif, laut Sicherheitsbehörden ein Hassprediger im Multikulturhaus - und el-A., ein ägyptischer Arzt, der kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Donaustadt Richtung Sudan verlassen hatte. Dieser hatte bereits 1998 in Neu-Ulm Kontakt zu dem mutmaßlichen al-Kaida-Finanzchef Mamduh Mahmud Salim.

CIA wusste selbst von Autokauf

Zu el-Masris Überraschung hatten seine amerikanischen Entführer Kenntnis von Dingen, die eigentlich nur er oder engste Vertraute aus Neu-Ulm wissen konnte: dass er einmal aus Norwegen für einen Autokauf 40.000 Euro überwiesen bekommen hatte oder dass das von Reda Seyam benutzte Auto auf el-Masris Frau zugelassen war. Die Amerikaner hätten ihn "nahezu nur über Ulm/Neu-Ulm ausgefragt", sagt el-Masris Anwalt Manfred Gnjidic.

Gezielt interessierten sich die CIA-Agenten auch für drei Islamisten aus dem Raum Ulm, die als Gotteskrieger nach Tschetschenien gegangen und dort getötet worden waren. Sie seien im Neu-Ulmer Multikulturhaus zum Dschihad aufgehetzt worden, soll in Kabul el-Masri vorgehalten worden sein.

Besuch von falschen Polizisten

Dem US-Geheimdienst war offenkundig vor der Entführung des Deutsch-Libanesen klar, dass es sich bei der Region Ulm um ein wichtiges radikal-islamistisches Zentrum handelte. Mit möglichen Verbindungen zu al-Kaida-Figuren. Doch woher hatte der US-Geheimdienst solche detaillierten Kenntnisse? Deutsche Sicherheitsbehörden betonen bis heute unisono, sie hätten keine Informationen an die CIA weitergegeben. Die andere Möglichkeit: Amerikanische Terrorfahnder ermittelten auf eigene Faust im Raum Ulm - was einen massiven Verstoß gegen bundesdeutsche Hoheitsrechte bedeuten würde. Deutsche Ermittler sagen seit längerem hinter vorgehaltener Hand, dass diese Variante "durchaus realistisch" sein könne. Ein Vorgang, der sich im Frühjahr 2003 im bayerischen Neu-Ulm ereignete, könnte tatsächlich auf eigene Ermittlungen der Amerikaner hindeuten. Die Neu-Ulmer Eheleute Wolfgang und Birgit Bauer (Namen von der Redaktion geändert) bekamen damals verdächtigen Besuch: "In den ersten Apriltagen 2003 klingelte ein Mann an unserer Tür und verlangte Zutritt zu unserer Wohnung", berichtete jetzt das Ehepaar gegenüber stern.de und dem ARD-Magazin "Report Mainz". Er komme von der deutschen Polizei, habe er behauptet, und er müsse eine gegenüberliegende Wohnung observieren. "Einen Dienstausweis zeigte er jedoch nicht." Der Mann habe seine Lederjacke geöffnet und auf eine beige Weste gezeigt, auf der in ungewöhnlicher Pinkfarbe das Wort "Polizei" gestanden habe. Er sei circa 35 Jahre alt gewesen, etwa 1,80 Meter groß, mit fast schulterlangen dunkelblonden Haaren und Schnauzbart.

Voll bewaffnet am Fenster

Wolfgang Bauer, der 17 Jahre für einen amerikanischen Konzern gearbeitet hat und fließend US-Englisch spricht, fiel auf: "Er sprach sehr gut deutsch, aber mit einem amerikanischen Slang. Das merkte man daran, wie er manche Wörter aussprach und vor allem am rollenden 'r'. Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen in Sprachen gut geschulten Amerikaner handelt.“ Erst zwei Tage zuvor waren der aufgrund eines früheren Unfalls körperlich angeschlagene Neu-Ulmer und seine Frau nach mehrwöchiger Abwesenheit heimgekehrt. Sie hatten den Eindruck, dass ihre Wohnungstür aufgebrochen worden war - ohne dass etwas aus der Wohnung entwendet worden war. Den Eheleuten fiel nun auf, wie gut der mutmaßliche Amerikaner sich in ihrer Wohnung auskannte. "Zielgerichtet ging er in unser Arbeitszimmer, nahm den Computerstuhl und setzte sich in die äußerste Ecke vor ein Fenster." Der Mann habe eine Sporttasche mit sich geführt. "Darin sahen wir ein großes Funkgerät und zwei Teile eines olivgrünen Gewehrs." Zudem habe in seiner Weste eine Pistole gesteckt. Als sie ihn auf seine Bewaffnung angesprochen hätten, habe er gesagt: "In diesem Geschäft muss man gut ausgerüstet sein."

Nach dem Amerikaner kamen Deutsche

Alarmiert berichteten Wolfgang Bauer und seine Frau damals einem Dritten über den Besuch des angeblichen Ermittlers. Und sie informierten die Polizei Neu-Ulm. Dort war über einen solchen Einsatz nichts bekannt. Später bekam das Ehepaar wieder Besuch - jetzt von einem Augsburger Ermittler des Polizeipräsidiums Schwaben, der sich auswies. "Von ihm erfuhren wir, dass im gegenüber liegenden Haus die Witwe eines islamistischen Tschetschenien-Kämpfers lebt." Auf Fragen nach dem "Amerikaner" sei der bayerische Fahnder nicht eingegangen. "Er machte den Eindruck, dass er über diesen Mann und dessen Observierungseinsatz überhaupt nicht in Kenntnis war", berichtet das Ehepaar. Er habe sich über den Vorgang mächtig aufgeregt.

Seit diesem Tag sei der Mann mit dem amerikanischen Akzent nicht mehr gekommen. Dafür hätten, so die Eheleute, im Anschluss deutsche Ermittler 18 Monate lang sie immer wieder benutzt, um die gegenüberliegende Wohnung zu observieren. Darunter auch ein Beamter des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. "Uns wurde nie genau gesagt, warum. Wir lebten ständig in Aufregung. Und auch in Angst." Wiederholt seien sie aufgefordert worden, eigene Beobachtungen weiterzugeben und Autokennzeichen aufzuschreiben.

Ehepaar zu Eid bereit

Im zuständigen bayerischen Innenministerium hat man "keine Erkenntnisse" über eine mögliche Observierung durch Amerikaner in Neu-Ulm. Beim Polizeipräsidium Schwaben in Augsburg wird der Auftritt des mutmaßlichen Amerikaners bestritten. Bestätigt wird, dass 2003 in der Wohnung des Ehepaars observiert worden sei. Doch dabei habe es sich um einen Beamten einer anderen Dienststelle gehandelt, nämlich des LKA Baden-Württemberg. Alles sei ordnungsgemäß abgelaufen. Die Observierung habe nur wenige Tage gedauert. Das LKA Baden-Württemberg bestätigt, dass ein Beamter die Neu-Ulmer Wohnung am 9. April 2003 für eine Observierung genutzt habe.

Nach Erinnerung des Neu-Ulmer Ehepaars fand der Besuch des Mannes mit dem US-Slang allerdings früher, nämlich bereits Anfang April statt. Ein LKA-Beamter sei erst einige Tage später gekommen. "Immer wieder haben wir das Polizeipräsidium Schwaben gebeten, uns ein Foto des bewaffneten Mannes zu zeigen, der bei uns observiert hat. Bis heute ist dies nicht geschehen." Und beide betonen: "Wenn es nötig ist, sagen wir vor dem Berliner Untersuchungsausschuss unter Eid aus, was damals passiert ist."

Der Chef des Bundes deutscher Kriminalbeamter, Klaus Jansen, hat sich die von "Report Mainz" gefilmten Aussagen des Ehepaars angeschaut. Er kommt zu dem Schluss, dass deren Schilderungen "sehr glaubhaft" seien.

Verbindungen zu Al Tawhid

Fakt ist: Der CIA-Geheimdienst interessierte sich für alles, was mit der radikal-islamistischen Szene im Raum Ulm zu tun hatte. Auch für die Tschetschenien-Kämpfer, wie Aussagen von Khaled el-Masri zeigen. Der 2002 getötete Tschetschenien-Kämpfer, der in dem Haus gegenüber der Wohnung des Ehepaar Bauers lebte, soll nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden von einem gebürtigen Araber für den Dschihad angeworben worden sein. Gegen ihn wurde im Frühjahr 2003 deswegen ermittelt, er wurde zu dieser Zeit als "Gefährder" eingestuft. Aus polizeilichen Vermerken geht hervor, dass el-Masri zu ihm Kontakt hatte.

Dies war laut Ermittler-Vermerken nicht der einzige Kontakt zu Islamisten, den el-Masri vor seiner Entführung gehabt haben soll. Im Dezember 2005 notiert das Landeskriminalamt Baden-Württemberg: "El-Masri war als Kontaktperson zu allen Gefährdern aus dem kriminalgeografischen Raum Ulm/Neu-Ulm bekannt." Aufgezählt werden neben Reda Seyam und Yehia Yousif sieben weitere Personen - darunter ein gebürtiger Libanese, der als Aktivist von Al Tawhid bezeichnet wird. Al Tawhid gilt bei Ermittlern als Terrororganisation.

Bin Laden-Reden aus dem Netz gezogen

Ein erster Bezug von el-Masri zur islamistischen Szene, so das LKA-Papier, das stern.de vorliegt, habe sich im Sommer 2002 ergeben, als bei Ermittlungen das Auto eines Islamisten aus dem Raum Frankfurt vor seiner Wohnung festgestellt worden sei. Im September 2002 sei El-Masri als Nutzer eines Fahrzeugs aufgefallen, das auf die damalige Firma eines als Gefährder eingestuften Arabers zugelassen gewesen sei.

In seinem Umfeld, so heißt es weiter in den Unterlagen, sei El-Masri spätestens zum Zeitpunkt Oktober 2003 als Vertreter einer fundamentalistischen Linie des Islam und Befürworter des militärischen Djihads bekannt gewesen. "Das ist absurd", sagt el-Masri selbst dazu. Das LKA hielt sogar fest, el-Masri habe damals Reden von Osama bin Laden aus dem Internet heruntergeladen und auch Hetzpredigten radikaler Imame auf Tonbandkassetten mitgeführt. Die Einschätzung, dass el-Masri eine fundamentalistische Linie befürworte, habe auch im engsten Bekanntenkreis im Februar 2004 - als der Neu-Ulmer verschwunden war - zu der Vermutung geführt, er sei als Muhajeddin in die Kampfgebiete Tschetschenien oder Irak gezogen. Deshalb sei im März 2004 die Rückreise seiner Familie in den Libanon organisiert worden. Teile des Hausrats seien dem Multikulturhaus als Spende überlassen worden.

Hamburg, Atta, Neu-Ulm

Von der deutschen Bundesregierung war el-Masri bisher als Figur ohne überregionale "Bedeutung in der islamistischen Szene" eingestuft worden. Die Darstellungen in dem LKA-Papier legen nun nahe, dass el-Masris Entführung nicht auf eine Verwechslung zurück geht - wie es von den Amerikanern gegenüber dem damaligen Innenminister Otto Schily behauptet worden war. Vieles spricht dafür, dass die CIA ganz bewusst den Deutsch-Libanesen für ihre illegale Aktion auswählten. Grund: Sie wussten, dass er zu mehreren Islamisten im Raum Ulm Kontakt hatte. Die detaillierten Fragen bei den Vernehmungen in Kabul lassen eindeutig darauf schließen.

Dass sich die CIA so stark für die Islamistenszene im Raum Ulm interessierte, könnte einen weiteren Grund haben: die mögliche Verbindung der Hamburger al-Kaida-Zelle um den Todespiloten Mohammed Atta nach Neu-Ulm. Während seiner Entführung wurde el-Masri nach der Hamburger Zelle gefragt. Und wiederholt auch nach dem ägyptischen Arzt el-A., der bis Herbst 2001 in Neu-Ulm eine Chirurgiepraxis betrieb. El-Masri sagte nach eigener Darstellung den CIA-Agenten, er habe el-A. nicht gekannt.

Mohammed Atta im Neu-Ulmer Taxi

El-A. stand damals in Verdacht, mit Mitgliedern der Hamburger Terrorzelle in Verbindung zu stehen. Womöglich ein begründeter Verdacht, wie sich jetzt zeigt: Ein Neu-Ulmer Taxifahrer berichtete stern.de und "Report Mainz", er habe im Jahr 2001, wenige Wochen vor den Anschlägen in den USA, drei elegant gekleidete Araber von einem Telekomladen zur Praxis von el-A. gebracht. Einer der Gäste habe ihm erzählt, sie seien aus Afghanistan. El-A. sei "ein sehr guter Freund". Nach den Anschlägen von New York und Washington will der Taxifahrer auf den Fahndungsfotos zwei seiner Fahrgäste wiedererkannt haben: Mohammed Atta - und Said Bahaji, der als Cheflogistiker der Anschläge gilt.

"Ich bin damals nicht zu den Behörden gegangen, weil es nichts mehr gebracht hätte: Die über 3000 Menschen in den USA waren tot, und auch die Terroristen", sagt der Taxifahrer heute.

CIA machte sich frühzeitig kundig

Er ist nicht der einzige Zeuge, der von einem Besuch Attas in Neu-Ulm berichtet. Wie in Sicherheitskreisen bestätigt wird, hatte bereits früher eine Sprechstundenhilfe von Dr. el-A. ausgesagt, Mohammed Atta sei in der Praxis ihres Chefs gewesen. Der ägyptische Arzt selbst bestritt bisher, mit Atta Kontakt gehabt zu haben.

Sicher ist: Neben Hamburg spielte der Raum Ulm/Neu-Ulm im islamistischen Netzwerk eine entscheidende Rolle. Amerikanische Terrorfahnder haben sich frühzeitig nach dem 11. September 2001 über dieses Zentrum an der Donau kundig gemacht - womöglich auch vor Ort, auf eigene Faust.

Von:

Rainer Nübel und