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Familienstreit um Altkanzler Helmut Kohl: Die Kohls und ein bisschen Frieden

Altkanzlersohn Walter Kohl stellt sich in einem Buch als Versöhner dar. Seine Einlassungen haben einen Schönheitsfehler: Noch vor drei Monaten ließ er kein gutes Haar an der neuen Frau seines Vaters.

Von Thomas Schmoll

Es ist gerade ein Vierteljahr her, da saßen die Söhne von Helmut Kohl gemeinsam bei Markus Lanz und ließen die Öffentlichkeit abermals wissen, wie sehr sie die neue Frau ihres Vaters verabscheuen und verdammen. Aus fast jedem Satz über Maike Kohl-Richter war das zu hören. Walter Kohl formulierte das Ziel des gemeinsamen Auftritts: "Wenn man so will, ist das heute Abend eine Demonstration ohne Fahnen und ohne Plakate für unsere Mutter." Hannelore Kohl, die sich 2001 das Leben genommen hatte, erklärten sie zur Säulenheiligen, die Nachfolgerin zur schrulligenTyrannin, die den Altkanzler quasi in die Isolation und die Hochzeit mit ihr getrieben habe. "In dem Moment der größten Schwäche (des Vaters), nehme ich mal an, hat sie die Seinsfrage gestellt und gesagt, das muss jetzt so und so sein und dann wurde es so gemacht", mutmaßte Walter Kohl über das Vorgehen seiner Stiefmutter. Sein Bruder Peter scheute nicht einmal den Bereich um die Gürtellinie: "Ich weiß nicht, ob das eine Beziehung im klassischen Sinne auch ist, ganz ehrlich."

Wut und Zorn in geballter Ladung

Die Sendung bei Lanz, in der nur die zwei Brüder zu Wort kamen, war der Höhepunkt eines weiteren Akts im Familiendrama Kohl. Seit der Altkanzler mit Maike Richter zusammen ist, haben sich die Kinder von ihrem Vater kontinuierlich entfernt. Trafen sich die Söhne anfangs noch mit Helmut Kohl und seiner Freundin in Berlin, ist der Kontakt inzwischen abgebrochen. Peter Kohl schrieb sich die Wut und den Zorn über die Entwicklung in einem Vorwort für die Neuauflage der Biografie "Hannelore Kohl - ihr Leben" von der Seele. Er warf Maike Kohl-Richter vor, "alle Verbindungen oder Erinnerungen an Hannelore Kohl, ihre Kinder und Enkel möglichst zu kappen bzw. auszulöschen". Peter Kohl rückte die Frau sogar in die Nähe einer Stalkerin mit Hang zum Huldigungswahn. "Ich war in eine Art privates Helmut-Kohl-Museum geraten", urteilte er über die Wohnung seiner Stiefmutter. "Ich war einer der Bösen, dem der Zugang zu seinem Vater nach und nach verwehrt wurde."

Peter Kohl spricht vom "schleichenden Tod unserer Familie". Er ist in der Wortwahl radikaler und unversöhnlicher als Walter Kohl. Aber es ist nicht so, dass Walter Kohl ihn zur Mäßigung aufgerufen hätte. Gerade bei Lanz war in jeder Minute zu spüren, dass die Geschwister an einem Strang ziehen - einem, der wegführt von Maike Kohl-Richter. Eine versöhnliche Geste: Fehlanzeige. Nur Wut, Zorn und Anflüge von Hass.

"Versöhnung beginnt stets in uns selbst"

Und nun ist es genau der Walter Kohl, der sein zweites Buch ("Leben, was du fühlst" - Scorpio Verlag) vorgelegt hat, in dem er Ratschläge gibt, wie man zu Versöhnung und inneren Frieden gelangen kann. Etwa diesen: "Versöhnung beginnt stets in uns selbst. Wer keinen Frieden mit sich selbst hat, der kann auch keinen Frieden mit anderen Menschen finden." In dem Buch geht er der Frage nach: "Was, wenn ungelöste, schmerzende biographische Erlebnisse wie Scheidung, Konflikte in der Familie, Streit im persönlichen und beruflichen Umfeld oder persönliches Scheitern auf uns lasten?" Er erklärt auf seiner Homepage: "Kampf oder Flucht lauten die üblichen Reaktionen. Beide Strategien aber halten uns in unserem Schmerz gefangen. Sie sind nicht Teil einer Lösung, sondern führen uns in unser Opferland. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist dort wieder herauszukommen."

Vom Stiefmutter-Verächter zum Versöhner und Bringer des oder eines inneren Friedens? "Ich habe gespürt, dass ich anderen helfen kann" sagt Peter Kohl in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur (DPA), um sein Buch zu promoten. "Ich denke, dass man Versöhnung lernen kann. Es ist wie eine Sprache, eine Sprache mit uns selbst, mit unserem inneren Kern. Um sie sprechen zu können, muss man erst einmal etwas Grammatik und Wörter lernen. Daher nun dieses zweite, praxisorientierte Buch." Sein erstes Werk mit dem Tiel "Leben oder gelebt werden" war autobiografisch. Darin beschrieb er seine persönliche Lebenskrise nach einer gescheiterten Ehe und dem Tod seiner Mutter. Das Werk war als Appell an den Vater gedacht, die ausgestreckte Hand des Sohnes zu nehmen. Der Untertitel ist bezeichnend: "Schritte auf dem Weg zur Versöhnung".

"Konzept der einseitigen Versöhnung"

Walter Kohl plädiert "für das Konzept der einseitigen Versöhnung, in dem der eigene Friede Vorrang hat. Dies gilt auch für mich und meinem Verhältnis zu meinem Vater." Der Satz hat einen wahren und zugleich tieftraurigen Kern. Da es bisher so scheint, als habe Helmut Kohl kein Interesse an einer Versöhnung, bleibt den Söhnen auch gar kein anderer Weg als die "einseitige Versöhnung". Aber Einseitigkeit versteht sich hier auch auf das innere Verhältnis der Familie Kohl. In dem DPA-Interview erwähnt Walter Kohl einmal mehr Maike Richter-Kohl mit keinem einzigen Wort. Er möchte eben schlicht nicht über die Frau reden. "Einseitige Versöhnung ist dann gelungen, wenn man keine Empörung mehr verspürt und den aktuellen Zustand gelassen und friedlich in sein Leben integriert hat. Versöhnung bedeutet, Frieden mit dem Erlebten und sich selbst zu schließen und an die anderen Beteiligten keine weiteren Erwartungen oder Bedingungen zu stellen."

Heute Abend ist Walter Kohl wieder bei Markus Lanz zu Gast. Dieses Mal ohne seinen Bruder. Man darf gespannt sein, ob dem inneren ein äußerer Friede folgt. Die Chancen stehen schlecht. Helmut Kohl jedenfalls möchte das neue Buch seines Sprosses nicht kommentieren: Der Altkanzler betrachtet es als Privatangelegenheit - und zwar offenbar nur die seines Sohnes.