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FDP-Spitzenkandidat für Berlinwahl Die letzte Karte des Christoph Meyer


Die Umfragen sind katastrophal, die FDP könnte aus dem Berliner Abgeordnetenhaus rausfliegen. In letzter Minute versucht Spitzenkandidat Meyer die Kurve zu bekommen. Mit dem Angstthema Euro.
Von Benjamin Weiße

Sie sind nicht in eine Arena gegangen, nicht auf einen Marktplatz, nicht einmal in ein öffentliches Gebäude. Nein, die Liberalen halten ihre Abschlusskundgebung zur Berlin-Wahl in der eigenen Parteizentrale ab, im Thomas-Dehler-Haus. Aber selbst dort fallen am Donnerstag hässliche Worte. "Wie heißt der, der vor Rösler geredet hat?", raunt eine TV-Journalistin. "Christoph Meyer, M-E-Y-E-R", sagt ihr Teamkollege geduldig. Die Umfragewerte für die FDP waren bislang so miserabel, dass niemand glaubte, sich dieses Gesicht merken zu müssen. Drei Prozent, selbst die Piratenpartei steht besser da.

Christoph Meyer, der Kandidat, versucht die Stimmung noch auf den letzten Metern zu drehen. Der aktuelle Slogan, den er plakatieren lässt, lautet: "Berlin-Wahl ist auch Euro-Abstimmung." Es ist ein bundespolitisches Thema, es spielt mit Ressentiments der Bürger, aber das ist dem Landespolitiker Meyer egal. Es geht für ihn um Sein oder Nichtsein in der Politik. Also polemisiert er gegen Eurobonds, also knöpft er sich mit markigen Worten den Hauptschuldner vor. "Ob die Halbwertszeit der Versprechen aus Griechenland länger ist als bis zur nächsten Zahlung von Hilfsgeldern, wird sich noch zeigen", giftet Meyer. Sein Publikum, von trippelnden Kellnern mit Rot- und Weißwein versorgt, klatscht artig Beifall.

Kurz von "Doodle Jump" abgelenkt

Rudern ist der Sport, den Meyer privat betreibt, da kommt es Kraft und Ausdauer an, aber im liberalen Wahlkampf kurz vor dem Wahlsonntag ist nur noch Hysterie zu erkennen. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass Meyer einer der Prototypen der jungen Nur-Noch-Politiker ist. Im Grunewald zur Schule gegangen, Lehre bei der Dresdner Bank, Jura-Studium in Berlin, 1993 Eintritt in die FDP. Inzwischen ist Meyer 36 Jahre alt, er trägt Anzüge und Schuhe von der Sorte, die ihn als Teil der "Yuppie-Boygroup" ausweisen. Mit diesem Schmähbegriff umschrieb CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel im Wahlkampf mal die gesamte Berliner FDP.

Meyer hat alle Kennzahlen Berlins im Kopf, er kann sie nach Belieben abrufen, von der Arbeitslosenquote bis zur Haushaltsverschuldung, und rhetorisch geschickt ist er auch. Aber was hilft es, wenn er sich dem Härtetest stellen muss. "Schreien sie doch nicht so!" bittet er inständig, als er auf einer Podiumsdiskussion im Charlottenburger "Oberstufenzentrum Recht" sitzt. Doch Walter Mayer, Bezirksvorsitzender der Linken, lässt sich nicht bitten. Mit flatterndem Walrossschnurrbart haut Mayer seinem Kontrahenten Meyer alle Fehler der schwarz-gelben Regierung um die Ohren, von der Steuerleichterung für Hoteliers bis zum Bahn-Chaos. Der FDP-Kandidat würde stattdessen gerne über die Vorteile von Privatisierungen reden, kommt aber gegen den Linken nicht an. Immerhin ist der Lärm so laut, dass die Schüler aufmerksam werden. Einige blicken kurz von ihren iPhones auf, mit denen sie, versteckt hinter dem Vordermann, "Doodle Jump" spielen. Ob sie den FDP-Meyer wählen würden? "Er hat gute Argumente, aber ich finde ihn arrogant. Ich bin für die Linke", sagt einer der Schüler.

37 Prozent vergrault

Eigentlich müsste Meyer mit Umgang mit Jung- und Erstwählern geübt sein, er klappert im Wahlkampfendspurt Schule für Schule ab, manchmal macht es fast den Eindruck, als wolle er Vorsitzender der Schülerparlaments werden und nicht Chef einer Regierungsfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Trotz der tristen Lage rechnet sich Meyer Chancen aus: "Über 37 Prozent der ehemaligen FDP-Wähler überlegen, zu Hause zu bleiben", sagt er. Das ist, so der Subtext, die Schuld der Bundespartei. Nun soll es, mit Hilfe der Bundespartei, doch noch klappen. Das Thema ist der Euro, ist die Angst.

Es ist die letzte Karte, die Christoph Meyer noch auf der Hand hat.

Mitarbeit: Lutz Kinkel

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