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FDP-Krise Eine Partei vor der Abwicklung


Jung, clever - und arbeitslos. So wird es bald wohl nicht nur dem Berliner FDP-Spitzenkandidaten Christoph Meyer ergehen. Immer mehr liberale Politiker bangen angesichts der Parteikrise um ihren Job.
Von Laura Himmelreich

Buh", rufen die Schüler. Christoph Meyer verzieht keine Miene. Meyer ist Spitzenkandidat der Berliner FDP für die Wahl am Sonntag. In einer Oberschule im Bezirk Charlottenburg kämpft er um die Stimmen der Abiturienten. Er redet über Freiheit, Studiengebühren und Tempo 30. Niemand auf dem Podium der Schulcafeteria hat so viele Zahlen parat wie er, kein Kandidat der anderen Parteien ist rhetorisch so geschickt. Den meisten Applaus bekommt trotzdem die Frau von den Grünen.

Nach zwei Stunden haben die Schüler keine Fragen mehr. Meyer eilt zur Schultoilette. Kurz vor der Tür fängt ihn ein Junge ab. "Herr Meyer, ich wollte Ihnen sagen, als Person gefallen Sie mir, auch Ihre Argumente", sagt der Junge. "Aber Ihre Partei wähle ich nicht. Ich mag die FDP nicht." Christoph Meyer kann tun, was er will. Hilft alles nichts. Er kämpft für eine Partei, die nicht gewählt, sondern verhöhnt wird. Die FDP hat "als Marke generell verschissen", formuliert FDP-Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki. Klarer kann man es nicht sagen.

Sinnkrise wird Jobkrise

Die Partei stürzt ins Bodenlose. Aus vier Landtagen ist die FDP in diesem Jahr bereits rausgeflogen. Berlin wird aller Voraussicht nach der fünfte sein. Umfragen sehen die Partei in der Hauptstadt bei drei bis vier Prozent. Wenn heute Bundestagswahl wäre, zögen die Liberalen nicht mal mehr ins Parlament ein. Alle 93 Bundestagsabgeordneten wären ihr Mandat los. Nicht einmal Guido Westerwelle säße mehr im Reichstag. Aus der FDP in der Sinnkrise wird mit jeder weiteren Wahl eine Partei in der Jobkrise.

Die FDP-Bundespolitik sei "nicht gerade hilfreich", sagt Spitzenkandidat Christoph Meyer und lächelt über den Niedergang seiner Partei einfach hinweg. Ein bisschen ironisch, ein bisschen verschmitzt. "Was soll ich denn sonst tun? Ich will ja kein Magengeschwür bekommen", sagt er.

Frühjahr 2011, die Nacht vor dem FDP-Bundesparteitag, Rostocker Ratskeller. Damals konnte man einen Christoph Meyer erleben, der offen über seine Zukunftssorgen sprach. Es wäre schon blöd, wenn er aus dem Abgeordnetenhaus fliegen würde, sagte er. Meyer ist 36 Jahre alt, Anwalt ohne Berufserfahrung, er hat nie etwas anderes gemacht als Politik. Im Sommer bekam er von zwei Parteifreunden bereits Jobangebote für die Zeit nach der Wahl.

Rebellin Canel, barfuß

Die Bundespartei sieht ratlos dabei zu, wie es die Liberalen in den Ländern dahinrafft. Fällt am Sonntag auch noch Berlin, wächst die Angst vor dem eigenen Ende. "Wenn wir bei vier Prozent stehen, geht natürlich die Unruhe los", sagt Parteivize Holger Zastrow. Ein FDP-Präsidiumsmitglied sagt: "Viele machen sich Sorgen. Und dann verlieren sie die Nerven." Die Bundestagsabgeordnete Sylvia Canel war im Sommer die erste, die öffentlich über das Ende der schwarz-gelben Koalition spekulierte. Im Hamburger Regionalfernsehen sagte sie über das vorzeitige Aus der Merkel-Regierung: "Ich finde den Gedanken persönlich sehr sympathisch."

Dabei wirkt die 53-Jährige gar nicht wie von Panik getrieben. Canel betritt ihr Bundestagsbüro, schmeißt ihr Jackett über den Stuhl, streift die Pumps ab und setzt sich barfuss an den Besprechungstisch. "Im Moment sind die Chancen der FDP, einen Wahlerfolg zu erzielen, überschaubar", sagt sie. "Um mich mach ich mir keine Sorgen. Ich bin Lehrerin, und das gerne. Ich kann immer in meinen Beruf zurück. Für mich sind die vier Jahre im Bundestag ein Geschenk und eine Ehre." Hier geht eine Frau mit freudigem Fatalismus dem Untergang entgegen.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie die FDP versucht hat, sich aus dem Schlamassel zu befreien - und was aus Plan A bis D geworden ist

Geld sparen für 2013

Noch formulieren die FDP-Bundestagsabgeordneten nicht reihenweise Bewerbungsschreiben für neue Jobs. Aber bald werden sie sich darüber Gedanken machen müssen. Rund ein Dutzend FDP-Bundestagsabgeordnete sind in der gleichen Situation wie Meyer: Sie sind zwischen Mitte 20 und Mitte 30, sie haben nichts anderes gemacht als Politik. Kreissaal, Hörsaal, Plenarsaal – das Rekordergebnis der FDP 2009 von 14,6 Prozent führte reihenweise zu solchen Karrieren.

Der Jüngste unter ihnen, der 24-jährige Florian Bernschneider, sieht es nüchtern: "Mir war von Beginn an klar: Niemand hier hat ein Dauerticket. Sicher würde ich gerne wiedergewählt werden und weiter meine Ideen einbringen. Aber wenn es nicht so sein sollte, geht das Leben auch weiter." Damit es im Fall der Fälle nicht so hart wird, legt er seit Beginn der Legislaturperiode einen Großteil seines Abgeordnetengehalts auf die hohe Kante. "Natürlich kann man nicht erwarten, gleich als Vorstandschef eingestellt zu werden, nur weil man mal Bundestagsabgeordneter war", sagt er. "Aber für das Anforderungsprofil vieler Arbeitgeber würde ich ganz gute Voraussetzungen mitbringen: Mitte 20 - und jede Menge Erfahrung."

Mehr als der drohende Jobverlust schmerzt die FDP-Abgeordneten der Verlust ihres Ansehens. Florian Bernschneider hat seiner Mutter geraten, sie solle nicht alle Zeitungsberichte über die FDP lesen, vor allem nicht die Kommentare im Internet. Er will nicht, dass sie sich über die Schmähungen ärgert.

Plan A bis D sind gescheitert

In den FDP-Bundestagsbüros herrscht nicht offene Panik, aber stille Verzweiflung: "Ich leide wie ein Hund daran, dass die Glaubwürdigkeit der FDP in Frage gestellt wird", sagt der Abgeordnete Patrick Meinhardt.

"Die Partei ist verunsichert und ratlos", sagt Vize-Parteichef Holger Zastrow. Plan A ist gescheitert, Plan B, Plan C - jetzt sucht die FDP verzweifelt nach Plan D.

Plan A lautete: Mit der Union erfolgreich durchregieren. War nichts.

Plan B lautete: Den nervigen Parteichef gegen einen netten austauschen. Half nichts.

Plan C lautete: Sozialer werden. Glaubt der FDP keiner.

"Die neue FDP" - so nennen sich die Berliner Liberalen auf ihren Wahlplakaten. Das soll nach Aufbruch klingen, nach neuer Führung und "mitfühlendem Liberalismus". Doch schon beim Wahlkampfauftakt im Nobelrestaurant Tucher am Pariser Platz war klar, dass das Mitfühlen für die FDP nicht so einfach wird. Im Hof des Restaurants feiern 250 Liberale. Unten im Keller sitzt die Klofrau aus Ghana. Und, sind die FDPler großzügig? "Geht so", sagt die Frau und zuckt mit den Schultern.

So wie die Klofrau warten auch die Wähler vergeblich darauf, dass sich die FDP, die Partei der Besserverdienenden, um die "Alltagssorgen" der Menschen kümmert. Aber genau das hatte Parteichef Philipp Rösler versprochen.

"Christian, wo sind die Antworten?"

Jetzt also Plan D: Die FDP will Euro-Retter werden. Für viele Liberale ist es ein Hoffnungsschimmer. Als die Debatte über gemeinsame europäische Anleihen, die Eurobonds, entbrannte, stiegen die Umfragewerte der Liberalen auf sechs Prozent. Keine Partei positioniert sich so eindeutig gegen die Eurobonds wie die FDP. "Bei dem Thema haben wir die Mehrheit der Bevölkerung hinter uns", sagt ein FDP-Landeschef. Er könne sich sogar vorstellen, dass am Thema Eurobonds die Koalition platzt. Er wirkt gar nicht so unglücklich dabei. "Wir hätten wieder ein Thema, mit dem wir Wahlkampf machen könnten", sagt der Landeschef. Weil die Partei ihre Versprechen nicht halten konnte, klammert sie sich jetzt an ein Thema, das kaum ein Bürger versteht.

Generalsekretär Christian Lindner will klar machen, wofür man die FDP heute noch braucht. Deshalb soll die FDP im kommenden Jahr ein neues Grundsatzprogramm bekommen. Im Moment kann Lindner nicht einmal seinen eigenen Leuten erklären, warum es die FDP überhaupt geben muss. Samstagvormittag, der stuckverzierten Saal der Alten Handelsbörse in Leipzig. Lindner präsentiert vor 130 FDP-Mitgliedern die ersten Thesen für sein Programm. "Christian, du stellst die richtigen Fragen", sagt ein Liberaler in der Diskussion. "Aber die Antworten werden hier an keiner Stelle gegeben." Ein anderer wedelt aufgebracht mit Lindners Thesenpapier in der Luft: "Der Bürger versteht das nicht." Ein Dritter wirft dem Generalsekretär vor, in "Worthülsen" zu sprechen. Da klatscht fast der ganze Saal. Ein Mann, der sich als Arzt vorstellt, sagt zu Lindner: "Sie verstehen nichts von der Angst der Leute!"

Eine verzweifelte Partei sucht sich selbst. Nur wird ihr der Wähler kaum Zeit lassen, bis sie sich irgendwann gefunden hat.

Christoph Meyers Wahlkampfstand am Potsdamer Platz. Ein Mann mittleren Alters kommt zum Stand: "Hier ist also die FDP", sagt der Mann, guckt auf die Flyer und fügt hinzu: "Noch."

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