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FDP-Wahlkampf: Am Ende hilft nur beten

Geschieht kein Wunder, wird die FDP mindestens die Hälfte ihrer Bundestagsmandate verlieren. Noch drei Tage lang kämpft der Abgeordnete Patrick Meinhardt. Mit allem. Um alles.

Von Laura Himmelreich

Patrick Meinhardt kämpft um seine Zukunft mit Bananen. In den nächsten drei Tagen wird der FDP-Bundestagsabgeordnete 300 Stück verteilen. Er wird außerdem nachts vor einer McDonalds-Filiale herumhängen. Und er wird ins Kloster gehen. Meinhardt glaubt, von den letzten Tagen vor der Wahl hängen ein bis zwei Prozent ab. Es sind die Prozentpunkte, die entscheiden, ob er Politiker bleiben darf oder mit 46 ein neues Leben beginnen muss.

Noch sitzen 93 Abgeordnete für die FDP im Bundestag. Für die Liberalen wäre es schon ein Erfolg, wenn die Hälfte von ihnen ihren Platz behalten dürfte. Patrick Meinhardt ist seit acht Jahren Abgeordneter und Sprecher für Bildungspolitik. Er hat keine abgeschlossene Berufsausbildung. Sein Studium hat er abgebrochen, um seine Oma zu pflegen. "Bundestagsabgeordneter zu sein", sagt er, "ist meine Lebensaufgabe."

Damit er wiedergewählt wird, braucht die FDP bundesweit 7,2 Prozent der Stimmen, in seinem Bundesland Baden-Württemberg sogar neun. Aus Angst es aus eigener Kraft nicht einmal mehr über die Fünf-Prozenthürde zu schaffen, buhlen die Liberalen um Leihstimmen von Unionswählern. Meinhardt buhlt mit. 11.500 Postkarten verschickt er in den letzten Tagen. Die FDP insgesamt sogar vier Millionen. DIN-A5 Warnungen vor Rot-Rot-Grün als letzte Hoffnung.

Keine unchristlichen Gedanken

Meinhardt hat gehofft, für ihn würde es weniger knapp werden. Er bewarb sich um Platz sieben der baden-württembergischen FDP-Landesliste. Seine Parteifreunde wählten ihn auf Platz neun. "Ich musste mit mir kämpfen", sagt er, "dass ich nicht den ein oder anderen unchristlichen Gedanken habe." Das ist das kritischste, was er über seine Partei sagt. Besonnene Menschen wie Meinhardt sind in der FDP selten. In den vergangenen vier Jahren steckte die Partei einen Großteil ihrer Energie in Selbstbeschäftigung. Die Parteichefs wechselten, das Lästern ging weiter.

Fragt man ihn, wie er den Absturz seiner Partei erlebt hat, erzählt er, wie reibungslos doch alles lief bei ihm im Bildungsausschuss. Wäre die FDP ein Auto, wäre sie kurz vorm Totalschaden. Meinhardt dagegen weißt unverdrossen darauf hin, dass das Autoradio noch geht.

7000 Bananen

Er hält sich motiviert. Das muss er. Seinen letzten freien Tag hatte er Anfang Juni. Er schläft er höchstens fünf Stunden am Stück. Im Wahlkampf hat er 22.000 Kilometer zurückgelegt. Seinen Wahlkreis Karlsruhe-Land durchpflügt er mit S-Bahnen und Bussen. Denn er hat keinen Führerschein.

Am Samstag will er in sechs Städten rund 300 Bananen verteilen, 7000 Stück waren es in den Letzten Wochen insgesamt. Auf den Bananen prangt ein Aufkleber mit Meinhardts Gesicht. Die Frucht ist für ihn eine "unkomplizierte Gesprächseröffnung". Mit Banane in der Hand schreitet er auf Passanten zu: "Darf ich Ihnen ein bisschen Energie mitgeben?", sagt er. So bringe er die Wähler zum Lächeln, sagt Meinhardt. Das Lächeln der Wähler gibt ihm Hoffnung.

Der Wahlabend im Kloster

Bis Samstag um Mitternacht will er Wahlkampf machen. Dann steht er vor dem McDonalds in Bretten, an der B294 zwischen einem BMW-Gebrauchtwagenhändler und einem Kaufhaus für Waschmaschinen. Meinhardt sagt, es ist der Ort in seinem Wahlkreis, an dem Samstagabends am meisten los ist. Wahlkämpfer dürfen nicht wählerisch sein.

Wenn am Sonntagnachmittag der Stress und die Aufregung für ihn am größten werden, betritt er den Ort der maximalen Stille: das Kloster. Meinhardt nennt die Kirche im Kloster Lichtenthal in Baden-Baden seinen "Ort der Geborgenheit". Während die Deutschen über seine Zukunft abstimmen, setzt er sich in eine der hinteren Reihen der Kapelle. Seine Hände liegen lose zusammengefaltet in seinem Schoß. Er wird beten, doch immer wieder werden seine Gedanken abschweifen: "Ich werde daran denken", sagt er, "wie gerne ich weiter Bundestagsabgeordneter wäre." Sein Gebet schließt er mit den Worten: "Mein Gott, was du willst, das möge geschehen. Und mach’ dass ich es verstehe."

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