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Berlin vertraulich!: Der neue Professor Unrat

Ausgerechnet der sonst so distinguierte Ulrich Wickert griff bei der Buchvorstellung der "Affäre Wulff" zu einem herben Vergleich - und sprach damit etwas Wahres aus.

Von Hans Peter Schütz

Es war die Buchvorstellung der vergangenen Woche: Der ehemalige TV-Moderator Ulrich Wickert präsentierte die "Affäre Wulff", geschrieben von den Bild-Journalisten Martin Heidemanns und Niklaus Harbusch. Wickert nannte das Buch ein "deutsches Sittengemälde" und verglich es mit Heinrich Manns "Professor Unrat". Das war eine saftige nachträgliche Ohrfeige für Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Denn "Professor Unrat" beschreibt einen vom Obrigkeitsstaat geprägten Gymnasiallehrer, der wegen einer Affäre mit einer "Künstlerin" seine großbürgerliche Fassade einbüßt und den Anarchisten dahinter zum Vorschein kommen lässt. Ein Urteil, das die Wulffs schmerzen muss. Aber ein ungerechtes Urteil? Nein, wenn man nachliest, wie Wulff etwa seine Halbschwester Bettina Mertschaft-Wulff, ein Kind seines Vaters Rudolf, aus seinem Leben und seiner Biografie zu verbannen versucht hat. Die Berichterstattung über sie versuchte Wulff mit wilden Drohungen zu verhindern. Der Verlag hat Wulff übrigens ein Freiexemplar geschickt. Ob er es liest? Er sollte es tun, denn er könnte darin viel über sich lernen.

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Eine Frage, einst gestellt von Kanzler Gerhard Schröder an Katrin Göring-Eckhardt, die neue Spitzenkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl 2013, lautete: "Sie sind ja eigentlich ganz vernünftig, wenn sie nur nicht diesen Doppelnamen hätten. Tragen sie ihn aus feministischen Gründen?" Sie antwortete: "Würden Sie gerne heißen wie der Reichsmarschall?"

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Um den guten Ruf Angela Merkels als "schwäbische Hausfrau" zu torpedieren und sie als mitleidslosen Geizkragen darzustellen, erzählen führende Sozis in Berlin neuerdings gerne folgenden Hausfrauenwitz: Kommt ein Bettler bei der schwäbischen Hausfrau an die Türe und fleht: "Ich konnte schon drei Tage nichts mehr essen..." Antwortet die schwäbische Hausfrau: "Kerle, dann muscht du dich halt amol dazu zwinge."

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Kennen Sie Zlatan Ibrahimovic? Es ist jener schwedische Fußballspieler bosnischer Herkunft, angeblich einer der besten Stürmer der Welt, der seine Elf vom 0:4-Rückstand gegen Deutschland zum 4:4 führte. Und der jetzt gegen England per Fallrückzieher eines der schönsten Tore der Fußballgeschichte geschossen hat. Ein Mann, der mit seinem Mundwerk fast noch besser ist als mit dem Ball. Der einem Reporter, der ihn fragte: "Woher haben Sie die Kratzer in Ihrem Gesicht?", antwortete: "Fragen Sie doch mal Ihre Frau."

Aber kennen Sie auch den politischen Ibrahimovic, den jüngst die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" entdeckt hat? Das ist der FDP-Abgeordnete Patrick Meinhardt, der bei der Debatte des Bundestags über das Betreuungsgeld den SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrück austrickste wie der Schwede Ibrahimovic die deutsche Verteidigung beim Fußball. Meinhardt ist seit 2005 Abgeordneter von Baden-Baden, FDP-Experte für Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzung. Nachdem er entdeckt hatte, dass der frühere SPD-Generalsekretär Hubertus Heil 2008 gejubelt hatte, das Elterngeld sei ein "Quantensprung", ging er der früheren SPD-Position in dieser Frage genauer nach und fand heraus, dass auch Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in seiner Zeit als Bundesfinanzminister das Thema Elterngeld als "vernünftigen Kompromiss" gefeiert hatte. Daraus machte Patrick Meinhardt einen rednerischen Gegenangriff, der die an sich verlorene Betreuungsgeld-Debatte im Bundestag noch in ein Unentschieden rettete.

Zu Steinbrück: "Heute das als Schwachsinn darzustellen, was Sie selbst als vernünftigen Kompromiss eingebracht haben, ist an Unverfrorenheit nicht mehr zu überbieten." Damit habe Steinbrück jeden Anspruch verspielt, "auf der Regierungsbank je wieder Platz zu nehmen". Das war ein Volltreffer, ein schlauer politischer Fallrückzieher. CDU/CSU- und FDP-Fraktion bejubelten ihn lautstark. Und noch nie habe er, so Meinhardt, so viele Mails und SMS auf eine Rede bekommen, rund 1000 Stück. Allerdings: Der FDP-Ibrahimovic musste sich am Wochenende mit Platz neun auf der baden-württembergischen FDP-Landesliste für die Bundestagswahl begnügen - sehr unwahrscheinlich, dass der für die Rückkehr in den Bundestag reicht, wenn die Liberalen in Südwest überhaupt die fünf Prozent schaffen.

  • Hans Peter Schütz