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G20 in Hamburg: G20? Geil! - Positiver Ausnahmezustand an der Elbe

Sicher, in Erinnerung vom G20-Gipfel in Hamburg bleiben vor allem die hässlichen Bilder der Gewalt. In vielen Teilen der Stadt herrschte in den vergangenen Tagen aber auch eine grandios friedliche Stimmung.

Fast eine Woche Sonnenschein, Leben auf den Straßen, Partys - der G20-Gipfel in Hamburg war auch ein positiver Ausnahmezustand. Diese Bilder werden und sollten viele ebenfalls nicht vergessen.

Dienstag, 4. Juli: "Hedonistisches Massencornern"

Noch ahnten die Hamburger nicht, mit welch brachialer Gewalt der G20-Gipfel die Stadt noch verändern wird. Der Dienstagabend war quasi der Startschuss der friedlichen Massenproteste: Zum "hedonistischen Massencornern" gingen auf St. Pauli, in der Schanze und in Altona Tausende Menschen vor die Türen, trafen sich mit Freunden, tranken Bier und feierten. Die Fassaden waren geschmückt mit Protestplakaten, Anwohner stellten ihre Boxen in die Fenster, der freie Radiosender FSK lieferte den Soundtrack. Bei Sommerwetter erlebte Hamburg eine friedliche Open-Air-Party - bis zum Unverständnis vieler Teilnehmer die Wasserwerfer kamen.


Mittwoch, 5. Juli: Nachttanzdemo "Lieber tanz' ich als G20"

Einen Tag später ging die Party weiter, noch lauter, noch größer: Bis zu 20.000 Menschen gingen bunt gekleidet unter dem Motto "Lieber tanz' ich als G20" auf die Straßen und feierten eine Loveparade 2.0. Mit viel Elektro-Musik, mit vielen Getränken und mit vielen Botschaften: "G20 in die Tonne kloppen" stand auf Plakaten, die Veranstalter kündigten an: "Ganz Hamburg ist eine bunte, ravende, chaotische Masse an Leben und feiert für eine gemeinsam getragene Verantwortung an der Welt, gegen Grenzen, Gier und gähnende Langeweile." Selten fühlte sich das Feiern so politisch an - Highlight zum Schluss: Der Überraschungs-Auftritt der Hiphop-Größen "Beginner" und "Samy Deluxe" auf einer LKW-Ladefläche.

Zur Nachttanzdemo "Lieber tanz' ich als G20" gingen bis zu 20.000 Menschen auf die Straße

Zur Nachttanzdemo "Lieber tanz' ich als G20" gingen bis zu 20.000 Menschen auf die Straße


Samstag, 8. Juli: "Colorful Mass"

Der Schock saß tief bei vielen Hamburgern nach der Freitagnacht, als Kriminelle das Schanzenviertel verwüstet hatten. Dass sich am Tag danach trotz aller Warnungen und Verbote der Polizei 5000 Hamburger auf die Fahrradsättel schwangen, hatte etwas Trotziges und Befreiendes. "Wir radeln uns die Stadt zurück!", war das unausgesprochene Motto der kollektiven stundenlangen Fahrradtour durch Hamburg. Und die Polizei? Ohnehin kräftemäßig am Ende, ließ sie die Radler gewähren. Mehr noch: Beamte am Straßenrand begrüßten den Fahrradkorso sogar mit La-Ola-Wellen.

Am Samstag holten sich die Hamburger ihre Stadt zurück - mit dem Fahrrad

Am Samstag holten sich die Hamburger ihre Stadt zurück - mit dem Fahrrad


Samstag, 8. Juli: Konzert auf der Reeperbahn

Nur bei ohrenbetäubend lauter Musik fand man Ruhe: G20 bedeutete für viele Anwohner Dauerbeschallung durch Helikopter, Explosionen und das unendliche Gedüdel der Polizeisirenen. Wer durchs Viertel ging, war immer in Alarmbereitschaft - mal durch Wasserwerfer, mal durch den Krawall-Block. Der Auftritt der Hamburger Band "Kapelle Herrenweide" sorgte für einen surrealen Moment der Entspannung - denn hier gab es Musik auf die Ohren, die all den G-20-Lärm überdröhnte. Dort konnte man absurderweise zur Ruhe kommen. Auf dem Spielbudenplatz direkt neben der Reeperbahn sammelten sich am Samstagabend Hunderte, um bei Livemusik dem Gipfel-Stress zu entkommen. Hier wurde nicht einfach etwas getanzt, sondern bei wilder Tanzerei Luft geholt - an einem Ort so nahe am Geschehen, und doch ohne Polizei oder Chaoten.

Laute Musik, aber Ruhe vor dem Hubschraubern - auf der Reeperbahn feierten Hunderte bei einem Konzert

Laute Musik, aber Ruhe vor dem Hubschraubern - auf der Reeperbahn feierten Hunderte bei einem Konzert


Die autofreie Stadt

Olaf Scholz verglich im Vorfeld des Gipfels die Verkehrseinschränkungen mit denen beim Hafengeburtstag. Außerhalb der Sicherheitszonen und der Zentren der Proteste mögen sie schlimmer gewesen sein, innerhalb aber war von Staus wenig zu spüren: Es gab schlicht so gut wie gar keinen Autoverkehr. Stattdessen gehörten die Straßen den Fußgängern, den Radlern, den Sportlern. Es wurden Fußball und Frisbee gespielt, es wurden Bänke aufgestellt, es wurde gegrillt und diskutiert. Keine Abgase, kein Lärm - abgesehen von den Hubschraubern über der Stadt.

... und noch viel mehr

Ein kostenloses Konzert mit Mega-Stars von Coldplay bis Shakira, große Solidarität unter Nachbarn, das gemeinschaftliche Aufräumen am Sonntag nach dem Gipfel, Friedensgebete an der Elbe, Ferienlager-Atmosphäre in den vielen kleinen Camps in der Stadt - auch all das war G20 in Hamburg.

Blendet man die hässlichen Szenen der Gipfelwoche aus, könnte man fast sagen "Ach G20, wie werd' ich dich vermissen!" Aber eben auch nur fast.


wue/kg