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Generationenkonflikt: Jugend ohne Festeinkommen

Die politischen Versprechen klingen für uns 30-Jährige wie ein Hohn. Wir arbeiten uns wund. In unsicheren Jobs. Und ohne Aussicht auf Rente. Wir sind das akademische Proletariat.

Ein Kommentar von Birgit Haas

Eigentlich gibt es ja nichts zu meckern. Es gibt viele Jobs, viel Arbeit und die Wirtschaft ist stabil. Eigentlich das Paradies. Trotzdem treffe ich nirgendwo paradiesische Zustände an. Alle sind im Stress, unter Druck, reiben sich auf, arbeiten zu viel und sind mal mehr, mal weniger gefrustet.

Vielleicht liegt das an der Grossstadt in der ich lebe und dem Alter in dem ich bin, so knapp über dreißig. Als meine Freunde und ich vor einigen Jahren das Studium abgeschlossen haben, da gab es keine Jobs. Nur Krise. Und Unsicherheit. Viele von uns machten sich selbstständig, in Berlin, da ging das auch ohne Kapital.

Um das Image des Arbeitslosen zu vermeiden, nannten sich alle "Freelancer" und die provisorischen Büro-WGs "Co-Working-Spaces". Stieg das Einkommen über Hartz-4-Niveau wurde daraus flugs ein "Start-Up". Mit Erfolg, mittlerweile feiert die Politik Berlin als europäische Metropole der Gründerszene.

Prekäre Umstände

Das hört sich so schick an, dass man glatt vergessen könnte, wie viele Leute unter prekären Umständen arbeiten. Jenseits arbeitsrechtlichen Regeln, ohne gewerkschaftlichen Beistand, ohne Versicherungsschutz und ohne größere Beträge in die Rentenversicherung zu zahlen. Ein Ende der Unsicherheit ist nicht in Sicht.

Die Berliner Kreativwirtschaft ist sicherlich kein Massenphänomen. Aber auch für diejenigen, die nach Abflauen der Eurokrise einen Job gefunden haben, hat sich die erhoffte Sicherheit als trügerisch erwiesen: Mehr als die Hälfte der Stellen sind befristet, viele Teilzeit. Mit Option auf Verlängerung natürlich. Das ist vor allem für den Arbeitgeber gut, denn der hat damit einen motivierten, hart arbeitenden Mitarbeiter, den er in der nächsten Krise schnell wieder los ist.

Oder die Selbstständigkeit führte zu Scheinselbstständigkeit, ein besonders in kreativen Bereichen beliebtes Modell: Der Arbeitgeber stellt erst gar nicht ein, sorgt aber mit ausreichend Aufträgen dafür, dass er der einzige Auftraggeber bleibt. Solange er es sich leisten kann. Praktisch.

Der Arbeitnehmer weiß aber nicht, wer ab dem nächsten Jahr für Anschaffungen wie ein Auto, eine Eigentumswohnung, Kinder und Altersvorsorge aufkommen soll.

Lange Einstiegsphase

Das betrifft auch Lehrer, die nicht verbeamtet werden, sich von einem Schuljahr ins nächste hangeln und dazwischen Hartz 4 beziehen. Psychologen, die keinen kassenärztlichen Sitz zugewiesen bekommen und privat arbeiten. Wissenschaftler, Journalisten, PR-Berater, Designer - sie alle haben Abitur, einen akademischen Titel und müssen dann lange Jahre der Jobfindung überwinden.

Auf die Rente hat das bereits Auswirkungen. "Weil die Berufseinstiegsphase immer länger wird, entsteht ein Defizit in der Rentenversicherung, von dem man schon heute weiß, dass die jungen Menschen es nie mehr ausgleichen können", sagt Claudia Bodegan von der Hans-Böckler-Stiftung. Auch wenn sie ab sofort in einem regulären Job arbeiten würden.

Derzeit sind die Rentenkassen gefüllt. Und das will die künftige Regierung den Müttern und den Alten zu Gute kommen lassen. Die SPD will eine Grundsicherung von 850 Euro einführen. Auch das hört sich toll an. Aber wie lange lässt sich das halten? Jede milde Gabe ist Hohn angesichts dessen, was ab 2030 passieren wird, wenn der Großteil der Babyboomer in Rente ist. Staatliche Altersversorgung ist in meiner Generation zur Glaubensfrage geworden. Ein Narr, wer sich darauf verlässt.

Schnell ein Kind, schnell weiterarbeiten

Doch die lange Berufseinstiegsphase hat noch andere Auswirkungen. Menschen, deren sozialer Status ungewiss ist und die den Mechanismen des Sozialstaats nur bedingt vertrauen, bekommen wenig Kinder. Da kann es Kitaplätze von Himmel regnen.

Warum sollte ein Mensch, der in verhältnismäßig hohem Alter ein Kind bekommt - was ohnehin schwierig ist - das Kind schnellschnell nach dem Abstillen in eine Kita geben wollen, in der Menschen teils ohne pädagogische Ausbildung arbeiten? Um schnellschnell weiter in einem für Mütter besonders unsicheren Arbeitsmarkt kämpfen zu können?

Die Spaltung des Markts

Klar, es geht nicht allen so. Claudia Bodegan von der Böckler-Stiftung spricht von einer Spaltung der Berufsfelder. Auf der anderen Seite stehen Ingenieure oder BWLer, die bereits im Studium von Unternehmen abgeworben werden und dann schnell viel Geld verdienen. Die aber einen Job haben, um den sie kein Hungerkünstler aus Berlin beneidet: Der Arbeitstag wird diktiert von den Bedürfnissen eines Konzerns, bestimmt von Vorgesetzten, die ihre Meinungshoheit nicht mit Argumenten stützen, sondern befehlen.

Kaum einer muckt, denn die Optionen winken, Karriere und Reichtum. Eine aktuelle Ausnahme ist der 29-jährige Benedikt Herles, der aus einer Unternehmensberatung ausgestiegen ist und in seinem Buch "Die kaputte Elite" von 80-Stunden Wochen berichtet, vom Jonglieren mit Zahlen und Powerpointfolien, ohne Geist und Methodik.

Die Existenzangst

"Mach, was dir Spaß macht und was dir liegt, dann kommt der Erfolg von selbst", haben unsere mit Idealen der 70er Jahre beladenen Eltern und Lehrer gepredigt. Aber Selbstverwirklichung und soziale Sicherheit scheinen sich derzeit grundsätzlich auszuschließen. Und unabhängig davon, ob man nun zu den Gutverdienern oder den Kreativschaffenden gehört: Alle schuften wie blöd.

Der Antrieb ist Druck und Existenzangst. Da hilft kein Mindestlohn, wie ihn die SPD plant. Eher schon ein Verbot befristeter Arbeitsverträge ohne sachlichen Grund. Das Paradies wird uns zu Lebzeiten trotzdem nicht begegnen. Zumindest kein politikgemachtes.

Birgit Haas
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