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GESELLSCHAFT: Eine Straße, zwei Welten

Die Bachmanns und die Busses erlebten die deutsche Teilung und ihre furchtbaren Folgen hautnah - diesseits und jenseits der Bernauer Strasse in Berlin. 40 Jahre wohnen sie hier. Unverrückbar, auch in ihrem Weltbild. Aus stern Nr. 33/2001.

So ein 18-Tonner ist schlimmer als ab und zu eine Kalaschnikow-Salve. Um vier Uhr nachts geht das los, immer am Fenster vorbei, und dann den ganzen Tag: Ohne Schlaftablette kriegen Fritz und Ottilie Busse kein Auge mehr zu. Wahnsinnig werden sie noch. Und der Dreck überall. Früher, als Berlin noch West-Berlin war, kamen die Straßenfeger zweimal täglich. Und eine Ruhe war das in der Bernauer Straße.

Der graue Star, das Herz, die Luft, der Zucker. Und Gallensteine hatte Waltraut Bachmann zu Ost-Zeiten auch nie. So wie ihr Egon keine Magenschmerzen kannte. Liegt alles am West-Essen. Letztlich ist der Mauerfall auch daran schuld, dass Frau Bachmann ihr Haus an der Bernauer, Ecke Swinemünder nicht mehr verlässt: Sie fühlt sich zu dick dafür. Nur eine Kittelschürze passt noch, weil sie mit dem Rauchen aufhören musste, wegen dem Herzinfarkt, an dem die Mieterhöhung schuld war, die nach der Wende kam.

Bachmanns wohnen bei Busses direkt gegenüber. Wenn das Laub fällt, können sie aus ihrem Fenster im vierten Stock über die Bernauer Straße hinweg zu dem Balkon im Erdgeschoss winken, wo Fritz Busse immer sitzt und jeden Ossi am Hupen oder Falschparken erkennt. Alle vier sind um die 70 Jahre alt, haben die Mauer kommen und gehen sehen und miteinander so wenig

zu tun wie zwischendurch, als Winken noch verboten war, die Bernauer im Westen eine Sackgasse und im Osten das Ende der Welt. Die Nachbarn Busse und Bachmann leben seit 40 Jahren in derselben Straße und immer noch wie in zwei Staaten: Drüben bleibt drüben für beide, und da gehen sie nicht hin.

Das neue Berlin radelt nur ab und zu an ihnen vorbei: Studenten mit bunten Haaren, die hier höchstens mal zu Aldi gehen oder sich im Mauerpark treffen, wo der Prenzlauer Berg an lauen Sommerabenden ein bisschen Haight Ashbury spielt. Mindestens einer trommelt dort immer und so lange, dass Frau Bachmann jeden Tag die Polizei rufen könnte, wenn es was nützen würde. Die jungen Laute finden doch alles nur geil oder cool, wie Busses Enkel immer sagen. Die haben doch gar keine Ahnung, was hier mal los war, und können sich auch nicht vorstellen, dass sich für die große Gruppe der Alten in der Stadt wenig geändert hat: Liebesparaden, Regierungsumzug und Potsdamer Platz. Was haben Rentner wie Busse oder Bachmann davon?

Westdeutsche mit winzigen Telefonen

Kaum noch ältere Bekannte. Die sterben alle, dann kommen die Chaoten in die alten Buden im Ost-Kiez, gehen nicht arbeiten und nur nachts aus dem Haus oder liegen am helllichten Tag in ihrer Hängematte zwischen Mülltonnen auf dem Hof. Wird das Haus saniert, kommt die andere Sorte, junge Westdeutsche mit winzigen Telefonen und diesen Läden, wo der Kaffee angeblich das kostet, was er wirklich kostet, aber unbezahlbar ist. Alle wollen heute nur noch auf Bachmanns Seite wohnen. Schon die andere Straßenseite ist out, proll, der Wedding.

Gott sei Dank. Fritz Busse ist stolz auf seinen Arbeiterbezirk. Diese ganzen Kriminellen, diese Glatzköpfe und Sprayer aus dem Osten, da braucht man doch bloß jeden Tag die Zeitung aufzuschlagen. Dafür haben ehrliche Arbeiter wie er nicht ihr ganzes Leben geschuftet, so viel, dass seine Frau Ottilie sich zu Hause um die drei Kinder kümmern konnte, die alle etwas Anständiges geworden sind. Auf Montage hat er im Auto gepennt, um Geld zu sparen, immer ohne Pause bis zum ersten Infarkt mit 47. Und die da drüben? Kriegen die gleiche Rente, wollen verreisen und leben wie im Westen, aber nicht so arbeiten.

Fritz Busse weiß ganz genau, wie die Ossis sind. Bis zu seiner Flucht 1953 war er selbst einer. Gerade aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, sollte er Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft werden. Aber nicht mit ihm: Er konnte einfach nicht Druschba sagen nach Jahren in der sibirischen Hölle. Kurz darauf explodierte im Stahlwerk Hennigsdorf ein Hochofen, und die Kommunisten wollten dem Schmelzer Busse daraus ein Ding drehen wegen Sabotage. Verhört wie ein Schwerverbrecher, bedroht mit zwei Jahren Zuchthaus, da musste er bei Nacht und Nebel abhauen, ohne alles, nur mit zwei kleinen Kindern und seiner hochschwangeren Frau. In West-Berlin wehrte er sich mit Händen und Füßen gegen die Wohnung so nah an der Sektorengrenze, aber es war nichts anderes frei.

Bis zum Mauerbau war es noch richtig ruhig dort, aber dann ging es los. Beinahe jede Nacht Schüsse. In den ersten fünf Jahren gab es in der Bernauer Straße die meisten Mauer-Toten, und Busses haben es immer gehört: rababababam. Die

berühmtesten fotografierten Fluchtszenen hat Fritz mit eigenen Augen gesehen: Wie der junge Soldat Conrad Schumann noch im August 61 über den Stacheldraht sprang und um sein Leben flitzte. Wie die Vopos von oben an der Rentnerin zerrten, die aus ihrem Fenster hing. West-Berliner zogen von unten, und zwei Tage später war sie an der Aufregung gestorben.

Oder der Aufprall von Körpern auf der Straße, wenn die Leute in ihrer Verzweiflung von den Dächern sprangen. Das dumpfe Geräusch hat Fritz Busse noch genau im Ohr, und einmal musste er von seinem Fenster aus ohnmächtig zuschauen, wie der junge Student Bernd Lünser auf dem Dach gegenüber ein Handgemenge mit Vopos hatte. Dann schlug er neben einer Litfaßsäule in der Bernauer Straße auf. Das war vielleicht ein Bums!

200-prozentige Genossen

Ihm soll keiner was über die Ossis erzählen. Und der kleine Mann von gegenüber, der jetzt immer seinen komischen Dackel auf den Todesstreifen scheißen lässt, muss auch ein ganz linker Hund sein. Fritz Busse kennt ihn zwar nicht, aber so nah an der Mauer durften im Osten doch nur 200-prozentige Genossen wohnen.

Der kleine Herr Bachmann ist tatsächlich nur anderthalb Meter groß, aber in der SED war er nie. Nur »Aktivist der sozialistischen Arbeit«, so wie jeder Werktätige mit etwas Fleiß. Rüpel, sein Hund, ist inzwischen gestorben. Und dem Herrchen soll keiner was über die Wessis erzählen, denn Egon Bachmann war selber mal einer. Seine Artistenkarriere haben sie ihm versaut, die West-Alliierten, als sie ihm keine Papiere mehr ausstellen wollten, bloß weil er einmal unangemeldet bei

seinen Eltern im Ostsektor übernachtet hat. Da war es vorbei mit den Reisen nach Afrika, Norwegen und überall, und mit seinem Job auf Schleuderbrett und Drahtseil bei der berühmten »Cervantes«-Truppe auch. Danach galt der kleine Akrobat wochenlang als staatenlos. Seine Verlobte Waltraut hat ihn trotzdem genommen und die DDR schließlich auch. Dafür hat er für sie Schreibmaschinen repariert, war Heizer in einer Molkerei und zuletzt 35 Jahre beim VEB Lack und Druck.

Ihre Wohnung an der Bernauer Straße haben Bachmanns 1960 bezogen, ein Luxus war das damals mit Innen-WC. Heute schleppt Egon immer noch die Kohlen rauf in die vierte Etage. Wenn es durch das undichte Dach regnet, stellt er Schüsseln auf dem Boden auf, wo früher die Grenzer hockten.

Bei den Mauerschützen gab es auch nette. Frau Bachmann hat ihnen manchmal Stullen belegt und Kaffee gebracht und geschimpft, wenn die da oben heimlich geraucht haben. Und sicher hat man sich damals gefühlt, so gut bewacht, obwohl die Türen überall offen standen. Nicht so wie heute diese Kriminalität, wo man bei jedem Geräusch hochschreckt. Ist eben doch nicht alles Gold im Westen.

An die Ballerei vor der Haustür hatten sie sich irgendwann gewöhnt. Die abhauen wollten, wussten ja, was sie riskierten, waren in Bachmanns Augen doch alle lebensmüde. Aber die armen Hunde in ihren Lauftrassen, bei Wind und Wetter zwischen Stacheldraht, die haben ihm immer leid getan. Wenn der zuständige Grenzer im Urlaub war, haben sie im Sommer nicht mal was zu saufen bekommen. Da haben Bachmanns Unterschriften gesammelt, weil das nicht mehr menschlich war, und deshalb haben die armen Viecher später wenigstens Hundehütten bekommen.

Anständiges Leben geführt

Der Westen soll heute bloß nicht so tun, als wenn man in der DDR gehungert hätte. Bachmanns haben auch ein anständiges Leben geführt. Und das Arbeitervolk im Osten, da ist sich Egon ganz sicher, hat mehr geleistet als die im Westen mit ihrer 35-Stunden-Woche und zwischendurch immer mal arbeitslos.

Bachmanns haben keine eigenen Kinder, aber trotzdem mehrere großgezogen. Eine Nichte war darunter, die einen Monat nach ihrer Hochzeit von ihrem Mann totgeschlagen wurde, natürlich nach der Wende, denn unter Erich gab es ja diese ganze Gewalt noch nicht. Oder Sexualverbrecher, die frei rumlaufen dürfen. Als die Mauer noch war, haben Bachmanns ruhiger gelebt, auch wenn es anstrengend war, für jeden Geburtstagsbesucher vorher einen Passierschein zu besorgen.

Gefährlich war es auch so nahe an der Grenze: Schon allein die Minen vor dem Fenster, und so viel wie Bachmanns wissen, waren die Flüchtlinge ja auch alle bewaffnet. Einmal, Egon war gerade mit Rüpel auf Gassi, gab es plötzlich Knallerei auf der Straße. O Gott, jetzt erschießen sie deinen Hund, dachte Waltraut zuerst. Und ihr Mann war so erschrocken, dass er zwei Tage nicht wusste, wie er heißt.

Ein Junggeselle in ihrem Haus hat den Gashahn aufgedreht, als er keinen Passierschein mehr für seine Freundin bekam. Ein anderer Nachbar musste zusehen, wie Grenzer einen Mann mit Kopfschuss von der nahen Friedhofsmauer zerrten, und ist später übergeschnappt.

40 Mark Miete

So war das. Und die Miete hat 40 Mark gekostet, der Zentner Kohlen zwei. Klar haben Bachmanns auch die tollen Autos drüben gesehen und den Lkw voll mit echtem Bohnenkaffee, aber sollten sie sich dafür erschießen lassen?

Heute ist der Todesstreifen in der Bernauer Straße ein ungepflegtes Stück Rasen. Statt Streckmetall und Stacheldraht verdecken Werbetafeln die Sicht. Gefährlich sind nur noch frische Tretminen von Hunden. Und an der alten Zonengrenze warnt ein Schild des Bundesvermögensamtes: »Privatgrundstück: Betreten und Schutt abladen verboten!«

Das Niemandsland ist schwer verkäuflich, seit die Immobilienpreise im Keller sind. Und neue Häuser auf der Brache wären Bachmann und Busse gleichermaßen suspekt - genau wie sie sich gegenseitig suspekt sind. Oder die Mauer-Gedenkstätte ein paar hundert Meter weiter. Einzeln waren sie schon mal gucken, aber beiden gefällt die Wand aus poliertem Stahl nicht. Herr Busse findet das unnatürlich, Herr Bachmann unrealistisch: Nicht mal einen Wachturm haben die stehen gelassen.

Fritz Busse hat sich in seiner Kellerwerkstatt lieber sein eigenes Mahnmal gebaut. In einer Plexiglasröhre hat er Mauerbrocken und Stacheldraht um eine Styropormauer drapiert und das Werk »1961 bis 1989« genannt. Bei Bachmanns hängt zur Erinnerung ein 50-Ostmark-Schein in der guten Stube, eingerahmt neben demselben Apotheken-Kalender, der auch bei Busses seinen Platz hat.

Früher war alles besser

Früher war alles besser, da sind sie sich einig. Und am besten war es noch früher, so zwischen 58 und 61: Beide erinnern sich gern an die vielen Wechselstuben in der Brunnenstraße. Bis 1:12 ging das manchmal. Bachmann holte mit dem Fahrrad West-Zigaretten fürs Wochenende, echten Pfeffer statt Ersatz und manchmal auch Klopapier, wenn es im Osten knapp war. Busse hat sich drüben billiges Fleisch besorgt und ein Bowle-Service, und noch heute lacht er darüber, dass die Ossis sogar ihren ersten Stacheldraht im Westen erwerben mussten. Ohne Mauer hätten wir die da drüben langsam, aber sicher leer gekauft, sagt er. Eben, sagt Bachmann.

Vor allem hygienischer war es im Osten. Da gibt's für Waltraut Bachmann nichts dran zu deuteln: Rinderwahn, Schweinepest und Salmonellen, wird einem doch alles verekelt. Auf RTL haben sie sogar Rattenhaare im Tee entdeckt. Viel gab's in der DDR wirklich nicht, aber so was eben auch nicht.

Dafür schicken die einem jetzt ständig Gewinne über 100 000 Mark, sogar die Farbe des Autos soll man sich schon mal

aussuchen. Das erste Mal haben Bachmanns die Gewinnbenachrichtigung noch quittiert. Dann mussten sie jeden Monat ein Buch kaufen und hatten das Prinzip im Westen durchschaut: Alles nur Lug und Trug.

Die Schrippen hohl und aufgeblasen, Fleisch und Wurst wie ins Schaufenster gemalt und schön beleuchtet, aber ganz lau im Geschmack, sogar der Hering ist nicht mehr richtig sauer, sondern widerlich süß. Große Packung, wenig drin. Da muss man auf der Hut sein bei 1700 Mark Rente für beide. Aber schuldenfrei! Einmal Bus fahren: vier Mark. Nee, da geht Herr Bachmann lieber zu Fuß und dafür nicht zum Sozialamt.

Dort würden sie ihm auch noch sein Sparbuch wegnehmen, die 4000 Mark, für die sie irgendwann mal richtig schön verreisen wollen. Bloß nicht noch mal nach Polen, wegen der vielen Kakerlaken. Venedig wär noch so ein Traum von Waltraut, aber was soll sie da anziehen? Die Kittelschürze geht ja nicht.

Nicht alles ist Gold

Das einzige und letzte Mal hat sich Waltraut Bachmann vor über zehn Jahren auf zwei Krücken in den Westen geschleppt, um ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Da waren sie alle noch freundlich. Und Bachmanns haben sich auch gefreut, weil sie nicht wussten, was da auf sie zukommt: So etwas wie Betriebskosten zum Beispiel, zusätzlich zur Miete, nur noch Papierkrieg und Formulare und dass sie ein Weihnachten ohne Couchgarnitur verbringen mussten, weil Möbel-Höffner nicht pünktlich liefern konnte. Ist eben doch nicht alles Gold.

können den hals nicht vollkriegen, die Ossis! Typisch, wie die sich aufführen. Was hat Fritz Busse den Verwandten da drüben nicht immer alles geschickt und mitgebracht. Einen Mercedes hätte er sich für das Geld kaufen können oder jedes Jahr nach Venedig fahren, wo es seiner Frau so gut gefällt. Am Ende hatte seine Schwägerin ein besseres Bad als er. Die haben doch alles getauscht, die Ossis, Fliesen gegen Parfüm und so.

Heute erscheint die undankbare Verwandtschaft nicht mal mehr zum Geburtstag. Na ja, wie im Westen halt auch: Haste was, biste was. Schade drum. Aber Ostler werden das trotzdem immer bleiben, wie die schon Auto fahren. Busses Tochter Roswitha nimmt noch heute lieber einen großen Umweg in Kauf, als durch den Ostteil der Stadt zu fahren. Und man könnte ihr ein Haus da drüben schenken, sie würde einen dafür glatt verklagen.

Fritz Busse war seit dem Mauerfall genau zweimal im Osten: Einmal kurz danach, die gute alte Schönhauser ankieken, und einmal zu einer Katzenausstellung am Alex. Was soll er auch sonst dort? Sich aufregen? Das darf er nicht mehr mit vier Bypässen und einem Herzschrittmacher.

Außerdem ist er zu stolz für einen Rollstuhl. Lieber spaziert er auf Krücken die Bernauer Straße entlang. Aber immer schön auf seiner Seite. Wer weiß, nachher bauen die ganzen PDS-Wähler die Mauer plötzlich wieder auf. Die haben sie ja auch einfach weggerissen, ohne die Leute im Wedding zu fragen.

Holger Witzel / Fotos: Jens Neumann