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Gipfel-Pop: Vergiss Woodstock!

G8 ist nicht nur Gipfel, sondern auch Pop. Weil sich die Demonstranten nicht langweilen sollen, zaubern radikale und weniger radikale Gipfelgegner die deutsche Pop-Elite nach Norddeutschland. U2-Sänger Bono schwärmt sogar von einem Rostocker "Woodstock."

Von Florian Güßgen

Bono weiß, wie man Stimmung macht, wie man den Anschein erweckt, es stehe Großes bevor. Riesiges. Sensationelles. Etwas, dass man auf gar keinen Fall nicht verpassen darf. "Ich habe Woodstock verpasst", verkündete Bono deshalb jüngst bedeutungsschwanger. "Rostock werde ich nicht verpassen." Rostock? Woodstock? War da was? Sicher. Wenn die G8-Chefs nämlich Anfang Juni mit großem Sicherheits-Tamtam und die Welt-Schaut-Auf-MeckPomm-Dideldü in Norddeutschland die Geschicke des Planeten steuern, darf ein Kulturprogramm nicht fehlen, zur Belustigung der - angeblich - 100.000 demonstrierenden Gäste, aber auch, um gipfelkritische Anliegen prominent zu vermitteln.

Bono, Bob und der Herbert

Dabei ist, das lernt man dieser Tage schnell, Gipfelgegner nicht gleich Gipfelgegner, und die polit-philosophischen Unterschiede zwischen Kritikern und kritischen Kritikern der Kritiker schlagen sich, selbstredend, auch in der separaten Organisation des politkulturellen Beiwerks nieder. Deshalb muss man sorgsam beachten, dass es eine Reihe von Veranstaltungen gibt, die vor allem von den Globalaktivisten Bono und Bob Geldof und deren deutschen Helfer Herbert Grönemeyer unterstützt wird. Bono, Bob und Herbie sind, wollte man sie in der Vielfalt der G8-Kritiker kategorisieren, nun ja, sie sind so etwas wie kritische Kollaborateure: Sie stellen konkrete politische Forderungen an die G8-Regierungschefs, aber sie sind bereit mit diesen zu sprechen. Vor allem fordern diese Kritiker, dass die G8-Staaten jene Zusagen zur Entschuldung Afrikas einhalten, die sie anno 2005 im schottischen Gleneagles gemacht haben. Damals beschlossen die G8-Staaten, die Entwicklungshilfe bis 2010 auf 50 Milliarden Dollar (36,8 Milliarden Euro) im Jahr zu verdoppeln. Die Hälfte davon soll an Afrika gehen. Geldof und Bono hatten damals eine Reihe weltweiter Konzerte auf die Beine gestellt, darunter auch in Berlin. Jetzt, rund um Heiligendamm, wollen Bono, Geldof und Grönemeyer darauf dringen, dass diese Versprechen auch eingehalten werden. ."Wenn irgendetwas funktioniert, dann Entwicklungshilfe", sagte Geldof am Mittwochabend in Berlin. Alles andere sei eine Lüge.

Konzert der kritischen Kollaborateure

Wichtigste Veranstaltung der "kritischen Kollaborateure" ist ein Konzert am Donnerstag, dem 8. Juni, dem zweiten Gipfeltag, in Rostock. Unter dem Motto "Deine Stimme gegen die Armut" wird dort fast die gesamte deutsche Pop-Elite für Afrika singen, für eine Entschuldung. Herbert Grönemeyer ist dabei. Und die "Fantastischen Vier". Und die "Toten Hosen". "Seeed", Silbermond", "2Raumwohnung". Und die "Sportfreunde Stiller." Karten kann man schon jetzt im Netz bestellen. Sie kosten 2,50 Euro.

Aber die kritischen Kollaborateure sind mit ihrem Kulturangebot nicht alleine. Neben ihnen gibt es nämlich noch eine G8-Fundamentalopposition, die sich vor allem aus den Globalisierungsgegnern von Attac speist. Die Fundamentalopposition hält es philosophisch so, dass sie den G8-Gipfel als Institution grundsätzlich ablehnt. Allein dadurch, dass man Forderungen an die G8-Staaten stelle, legitimiere man deren Versammlung, finden die Fundamentaloppositionellen. Deshalb dürfe man auch nicht mit denen reden, sondern müsse schlicht demonstrieren. Bono und Geldof hätten den Eindruck erweckt, dass der G8-Gipfel ein Teil der Lösung sei, schimpfte etwa Henning Obens, Pressesprecher der globalisierungskritischen Pop-Kultur-Kampagne "Move against G8" am Donnerstag in einem Berliner Café im Touri-Kultur-Palast "Tacheles". Und dass die G8 Teil der Lösung seien, sagte Obens, das sehe er nun doch etwas anders.

Großdemonstration mit "Wir sind Helden"

Um sich ein wenig von den kritischen Kollaborateuren zu unterscheiden hat "Move against G8" deshalb für Samstag, den 2. Juni, und Sonntag, den 3. Juni, in Rostock ein eigenes Kulturprogramm auf die Beine gestellt. Zwar ist dann noch kein G8-Regierungschef in Sicht, aber schon vor dem Gipfel soll an jenem Wochenende in Rostock eine mächtige Großdemonstration stattfinden. Das Pop-Programm, so erklärte die "Agitations-Chanteuse" und rot gewandete Fundamentaloppositionelle Bernadette La Hengst in selbigem Café, solle auch die inhaltlichen Alternativen transportieren. Auch hier, wie bei den Grönemeyers, ist die Liste der deutschen Bands exquisit. Auf dem Rostocker Stadthafengelände treten etwa am Samstag "Wir sind Helden" auf, am Sonntag der Hamburger "Jan Delay." In einem Camp, in dem Demonstranten untergebracht sind, soll auch "Kettcar" spielen.

Als weiteren "Baustein" der Kampagne "Move against G8" - und auch, um die Organisation der Konzerte in Rostock bezahlen zu können - haben die Globalisierungskritiker zudem eine CD zusammengestellt, die am Freitag erscheint. 19 Lieder sind darauf zu hören, unter anderem von "Kettcar", "Blumfeld", "Irie Révoltés", "Madsen" oder "Wir sind Helden." Kostenpunkt: 12 Euro für die CD, ein "erschwinglicher Solidaritätsbeitrag", meint Sprecher Obens. 10.000 Exemplare habe man fertigen lassen, 1000 Vorbestellungen gebe es schon. So hoffe man, zumindest einen Teil der geschätzten Organisationskosten von rund 100.000 Euro für das Gipfelereignis abdecken zu können.

Mit den Grönemeyer-Organisatoren habe man sich, sagt der Fundamentaloppositionelle Obens, übrigens ganz gut verstanden. Man sei zwar aus der globalisierungskritischen Ecke, habe mit den Aussagen von Bono und Geldof wenig am Hut, aber die Bands habe man sich dennoch nicht gegenseitig abspenstig gemacht. "Es gibt eine friedliche Koexistenz mit den Grönemeyers", sagte Obens. Über eins sind sich die Gipfelmusiker ohnehin einig: Dass sie laut genug sein werden, um in Heiligendamm gehört zu werden.