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Glosse: Schröder will Bayern fluten

Im Willy-Brandt-Haus in Berlin herrscht derzeit Hochstimmung. Nach Informationen von stern.de hat Kanzler Gerhard Schröder unter dem Codewort "Bayerische Seenplatte" einen neuen Wahlkampf-Coup ersonnen. Wir berichten exklusiv.

Von Florian Güßgen

In der Berliner SPD-Zentrale, dem Willy-Brandt-Haus, knallen derzeit die Schampus-Korken. Nach Informationen von stern.de tanzt Generalsekretär Klaus Uwe Benneter mit Präsidiums-Mitglied Andrea Nahles im Foyer Samba. Kajo Wasserhövel, der technische Wahlkampfleiter, soll auf die Straße gerannt sein und wahllos Passanten küssen. Und auch bei den Grünen scheinen alle Dämme zu brechen. Ober-Minister Joschka Fischer soll seine 470.000-Kilometer-Bus-Tour abgebrochen und seine Laufschuhe weggeworfen haben. Von überall her wispert es: "Seenplatte, Seenplatte, Seenplatte". Rot-Grün, so heißt es, plant noch an diesem Abend einen Triumph-Zug zur CDU-Zentrale in der Berliner Klingelhöferstraße.

Unter der Herrschaft von Karpfen und Hechten

Seenplatte? Der Kanzler, so wissen Eingeweihte bereits, ist drauf und dran, es wieder einmal allen zu zeigen. Strategisch gewieft, taktisch ausgefeilt, hat er in diesen Stunden das Überleben der bereits totgesagten rot-grünen Regierungskoalition gesichert. Das Codewort lautet "Bayerische Seenplatte". Gerhard Schröder hat beschlossen, Bayern zu fluten, es untergehen zu lassen, unter Wasser zu setzen. Neuschwanstein? Starnberger See? Münchner Staatskanzlei? Alles Attraktionen der künftigen bayerischen Sea World, alles demnächst in der Obhut bayerischer Karpfen und bayerischer Hechte. Langsam soll das gehen, schrittweise, Stück für Stück, ohne Schaden für Mensch und Tier, aber beharrlich und mit einem klaren Ziel - den Schröderschen Sieg bei der Bundestagswahl am 18. September.

Solidarität heißt: Bayern fluten

Was haben sie gelacht, die Könner und Spezialisten, die Demografen und Berufs-Einschätzer. Noch heute Morgen! Haha, schrieen sie, die Flut bringt dem Kanzler diesmal nix, weil der Stoiber zuerst da war und die Leute dem Schröder jede Gummistiefel-Performance ohnehin nicht abnehmen würden. Forsa-Chef Manfred Güllner sagte, dass die Flut in Bayern mit der Flut im Osten anno 2002 nichts gemein habe. Der Osten sei flut-unerfahren gewesen, damals, deshalb hätte des Kanzlers zupackende Art eine Welle gesamtdeutscher Solidarität ausgelöst. "Die Bayern brauchen keine gesamtdeutsche Solidarität. Da wird die SPD nicht punkten können", sagte Güllner Reuters. Einen entscheidenden Punkt, freilich, hat Güllner übersehen. Der Demoskop - wie alle anderen Einschätzer auch - geht davon aus, Schröder wolle beim Wähler punkten, in dem er Bayern rettet. Genau das Gegenteil ist der Fall. Im Jahr 2005 heißt gesamtdeutsche Solidarität: Bayern fluten. Der einzige, der das rechtzeitig erkannt hat, war wieder einmal der Kanzler.

Die Union im freien Fall

Taktisch geschickter hätte Schröder das nicht aufziehen können. Binnen der nächsten Tage wird sich Edmund Stoiber zunächst von der Münchner Seenplatte ins Frankenland flüchten, von dort dann recht bald in ein anderes Bundesland ausweichen müssen. In Ostdeutschland werden sie ihn nach der Geschichte mit den Kälbern kaum aufnehmen, und so wird sich Stoiber in Stuttgart oder in Wiesbaden eine neue Bleibe suchen müssen. Dort sitzen die Kameraden Günther H. Oettinger und Roland Koch. Weil die CSU als Regionalpartei nach der Flutung Bayerns dann jedoch keinen Sinn mehr macht - außer, Stoiber wollte so eine Art Poseidon-Politiker werden, müssen sich die Christsozialen noch vor dem Wahltermin auflösen und geschlossen der CDU beitreten. Binnen kürzester Zeit wird das zu Verwerfungen führen, weil die CSU-Kandidaten ja jetzt auf den für kurze Zeit wieder geöffneten Listen der ehemaligen Schwesterpartei CDU untergebracht werden müssen. Nach der Aussage Angela Merkels in der Bild-Zeitung, Stoiber dürfe in ihrer Mannschaft nun nicht einmal mehr Green-Keeper werden, entbrennt ein interner Machtkampf. Im Laufe der erhitzten Auseinandersetzungen beschließen Baden-Württemberg und Hessen, der Kandidatin Merkel ihre Unterstützung zu entziehen. In den Umfragen befindet sich die Union im freien Fall.

Opfer für die deutsche Einheit

Auch in Schröders eigener Partei, der SPD, wird die Flutung Bayerns zu Umwälzungen führen. Die traditionell linken Genossen aus dem Süden - Ludwig Stiegler etwa oder die doch erneut antretende Sigrid Skarpelis-Sperk - wandern in die nahe gelegenen ostdeutschen Länder ab und beginnen dort, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine Wähler abspenstig zu machen. Binnen Tagen wird Stieglers roter Pullover ein Zeichen für die Solidarität der Ostdeutschen mit den verwässerten Sozen aus dem vormals weiß-blauen Seen-Gebiet. Stiegler und Wasserhövel, dem geschickten Berliner Strategen, gelingt es, die Flutung Bayerns als Opfertat zum Wohle der deutschen Einheit darzustellen. Die Umfragewerte der ostdeutschen SPD schießen in niemals erhoffte Höhen, die Linkspartei bricht ein.

Boots-Taufe in Augsburg

Das alles, liebe Leser, sind Ereignisse, die auf das Glück und das politische Geschick des Kanzlers zurückzuführen sind. Wie es derzeit aussieht, wird es ihm nach 2002 noch einmal gelingen, mit einem völlig überraschenden Schachzug das Wahlglück für sich zu gewinnen. Jene Demoskopen, die die rot-grünen Perspektiven noch am Morgen skeptisch bewertet haben, prophezeien nun bereits eine absolute Mehrheit für die SPD. Der Kanzler selbst, so hört man, sieht das alles sehr gelassen. "Ich hab's Euch immer gesagt", wird er in den jüngsten Agenturmeldungen zitiert. "Wir können das noch drehen". An seinem Plan, nach Bayern zu fahren, solange das noch gehe, wolle er festhalten, verlautete aus dem Kanzleramt. Erst in etwa zehn Tagen sollen die Uferzonen endgültig feststehen. In Augsburg wolle Schröder am Donnerstag einen Auftritt absolvieren, heißt es. Der Kanzler werde auf einem Steg drei Schlauchboote taufen. Eines auf den Namen "Angie"“, eines auf den Namen "Edi", und eines auf den Namen "Oskar". Für das Oskar-Schiff, so hört man, soll ein Extra-Kanal gebaut werden - bis nach Sibirien.