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Neues Buch von Gregor Gysi: Das Rumpelstilzchen kann auch ruhig

Gregor Gysi, das tobende Rumpelstilzchen? Wenn es um die Lehren der Vergangenheit geht, wird der Oppositionsführer ungewohnt nachdenklich. Ortsbesuch bei einer Buchpräsentation.

Von Christoph Henrichs

Gregor Gysi bei seiner Buchpräsentation im Berliner "Babylon"

Gregor Gysi bei seiner Buchpräsentation im Berliner "Babylon"

Viele Politiker tauen außerhalb des Plenarsaals auf, können plötzlich erstaunlich witzig werden. Wenn Gregor Gysi sein Alltagsgeschäft unterbricht, wird er plötzlich erstaunlich ruhig. Im alten Berliner "Babylon"-Kino betritt der Linke-Politiker am Montagabend ganz ohne Theatralik zusammen mit dem DDR-Bürgerrechtler und Theologen Friedrich Schorlemmer die Bühne. Dabei kann doch kein Politiker so schön theatralisch auftreten wie Gysi.

Er ficht aussichtslose verbale Kämpfe

Über 40.000 Suchmaschinen-Ergebnisse liefert die Kombination "Gysi" und "Rumpelstilzchen". Im Bundestag tobt er als Oppositionsführer am Rednerpult, wettert gegen die übermächtige Große Koalition, ficht aussichtslose verbale Kämpfe aus. Seine brillante Redekunst trägt er als Schutzschild vor den mehrheitlich unbeliebten Ideen seines demokratischen Sozialismus her. Selbst politische Gegner zollen dem scharfzüngigen Linken für seine rhetorischen Fähigkeiten Respekt.

Doch im "Babylon" braucht Gysi kein Schutzschild. Die Veranstaltung ist ausverkauft, ein Heimspiel in der Rosa-Luxemburg-Straße. Gysi kann sich zurücklehnen und in Erinnerungen an die DDR schwelgen. Er stellt mit Friedrich Schorlemmer das neue Interviewbuch "Was bleiben wird" vor. Darin blicken beide zurück auf „ein schwieriges Land“, wie es der Verlag nennt. Ein Land, das Gysi auch im Buch mal wieder nicht einen "Unrechtsstaat" nennen will. Er bestreitet jedoch nicht, dass die DDR zu Recht gescheitert sei - weil sie scheitern musste. Die Machtstrukturen seien idiotisch gewesen, das allgegenwärtige Misstrauen nervig, die politische Ausgrenzung skandalös.

Der Traum vom demokratischen Sozialismus

"Ich will keine Verklärung der DDR", betont Gysi. Was er will, ist unaufgeregt zurückblicken, Vor- und Nachteile der DDR abwägen, Schlechtes schassen, Gutes übernehmen. Hier kann er sich mehr Zeit als in einer Talkshow oder im Parlament nehmen, um seine Gedanken auszuführen. Er muss nicht über seine Nachfolge im Fraktionsvorsitz spekulieren, nicht die griechische Regierung verteidigen, nicht Pegida und ihre "das wird man ja wohl noch sagen dürfen" Mentalität geißeln. Gysi kann laut seinen Traum vom demokratischen Sozialismus träumen. Er rechtfertigt ihn mit den Worten "dieses Ziel wird man doch noch haben dürfen".

Die Mehrheit im Saal könnte an diesem Abend mitreden und sich wie Schorlemmer und Gysi an die DDR zurückerinnern. Doch das Publikum nickt nur, seufzt oder brummt zustimmend. Etwa, wenn Gysi den "entfesselten Kapitalismus" kritisiert, der keinen Frieden schaffen kann - "weil man am Krieg einfach zu viel verdient".

Dass die Linkspartei in absehbarer Zeit kein neues Gesellschaftssystem mitgestalten wird, macht Gysi offenbar ernsthaft nachdenklich. "Die Linke hat im Augenblick nicht die moralische Kraft, allgemeinverbindliche Moralnormen festzulegen". Dafür sei seine Partei, die Ex-SED, im 20. Jahrhundert, einfach zu stark beschädigt worden.

"Die Gysis neigen sogar zur Selbstironie"

Gregor Gysi ist 67 Jahre alt und dienstältester Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Dass seine politische Karriere mit einer Regierungsbeteiligung gekrönt werden wird, ist äußerst unwahrscheinlich. Er hinterlässt im wohlwollend lauschenden "Babylon" seine Zukunftsidee, eine Mischung aus Vision und Reflexion.

Am Ende erhebt er sich, geht ohne Verbeugung und große Geste. Der Alltag wartet. Vor dem nächsten Mikrofon wird er wieder pointiert attackieren, gestenreich mahnen. Mit der Rolle kommt er gut klar, er erfüllt sie pflichtschuldig leidenschaftlich. Den Lauf im Hamsterrad des politischen Tagesgeschäfts meistert er mit einer gehörigen Portion Humor. "Die Gysis neigen nicht nur zur Ironie, sondern sogar zur Selbstironie", sagt er. Was Gregor Gysi ernsthaft wichtig ist, verraten Veranstaltungen wie diese.