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Grüne im Umfragehimmel Hoch auf dem grünen Wagen


Was für ein Höhenflug. Auf 19 Prozent kommen die Grünen in der stern-Umfrage. Dabei hadern viele Mitglieder mit der Strategie, die Partei stärker im bürgerlichen Lager zu verankern.
Von Stefan Tillmann

Renate Künast, 54, steht auf der fünften Stufe im Foyer des Museums für Kommunikation und spricht von "Ochsenfröschen": von Männern, die sich aufblasen, die Frauen ins Wort fallen. Und dann auch noch Recht bekommen. "Männer bezwecken bei Kommunikation immer Hierarchie", sagt sie. Sie redeten, um sich nach oben oder unten abzugrenzen. Das müsse anders werden. Frauen brauchen neue Kommunikation, neues Auftreten, eine neue Körpersprache. Sagt sie. Dann reckt sie ihren Kopf, bläht sich auf, wackelt mit dem Oberkörper, gibt den Ochsenfrosch - und hundert Frauen lachen.

Renate Künast erzählt, dass sie in ihrem früheren Job vielen Ochsenfröschen begegnet ist. Als Anwältin vor Gericht musste sie sich gegen männliche Kollegen behaupten. Mittlerweile ist sie Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Und die Konflikte von damals dienen als Stoff für Anekdoten, mit denen sie ihre kleine Rede beim Sommerfest der Arbeitsgemeinschaft Anwältinnen im Deutschen Anwaltverein würzt. "Wir Frauen brauchen eigene Netzwerke", sagt sie.

Das Werben um die Juristinnen ist Teil des Plans der Grünen, tief ins bürgerliche Lager vorzustoßen. Renate Künast ist der Kopf der Bewegung. Und die Demoskopie gibt ihr recht. Bei 18 Prozent standen die Grünen wochenlang in den Umfragen, jetzt liegen sie im sternRTl-Wahltrend, der von Forsa erhoben wird, sogar bei 19 Prozent, einem Allzeithoch. Ihr Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck ist nur knapp gescheitert. Und in Nordrhein-Westfalen gehen sie mit der SPD in eine Regierung - eine Minderheitsregierung zwar, aber immerhin.

Die Grünen im Dilemma

Doch die Öffnung zur Mitte geht manchen in der Partei gegen den Strich, nicht nur an der Basis wird diskutiert, ob die Grünen zur Volkspartei werden sollen. Auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Rostock Ende Oktober 2009 setzten die Linken einen Beschluss durch, nach dem die "Inhalte nicht in einer Wachstumslogik als Selbstzweck" danach bestimmt werden sollen, wie die Grünen "am schnellsten möglichst viele neue Zweitstimmen einsammeln und Rekordergebnisse erzielen können". Die Partei steckt im Dilemma, es droht eine schwere Identitätskrise. Die Gründer die Grünen kamen zwar vor 30 Jahren selbst aus dem Bürgertum - aber sie einte die Ablehnung der Politik des konservativen Establishments. "Die Grünen sind seit ihrer Entstehung nie dem Mainstream hinterher gerannt, sondern immer angeeckt", sagt der mit 25 Jahren junge Grüne Arvid Bell.

Doch vieles, was vor drei Jahrzehnten noch revolutionär schien, ist inzwischen breiter Konsens. Die bundesrepublikanische Gesellschaft ist ökologischer und emanzipierter geworden. Das Mantra von der Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie beten sie in anderen Parteien mittlerweile genau so herunter wie das von Familie und Beruf. Sollen die Schmuddelkinder von einst die schöne Harmonie mit immer neuen Forderungen stören? Etwa nach voller Gleichstellung der Homosexuellen oder der Reform des Asylverfahren, wo immer noch manches schief läuft?

Offenes Werben von den Volksparteien

Die Parteispitze hat sich eine Taktik zurechtgelegt, die zur neuen Wirklichkeit passt, ohne dass alte Grundsätze abgeräumt werden müssen: "Eigenständigkeit ist nicht Beliebigkeit" lautet die Zauberformel, mit der die Parteichefs Claudia Roth und Cem Özdemir und die Fraktionsvorsitzenden Künast und Jürgen Trittin sich möglichst viele Optionen offenhalten wollen. Und so regieren die Grünen mal mit der CDU, mal mit CDU und FDP, mal mit der SPD. Großen Ärger konnten sie dabei bisher vermeiden, da es letztlich den Landespolitikern überlassen bleibt, wer wo wie regiert. Nur mit der Linken haben die Grünen bislang nicht zusammen gefunden - in Hessen, Thüringen, Saarland und Nordrhein-Westfalen scheiterte eine Regierungsbildung dabei eher an den Grünen als an den Linken.

Die beiden Volksparteien haben dagegen mittlerweile die offene Balz um die Grünen eröffnet. Auf der Feier zum 30. Geburtstag der Partei in der Heinrich-Böll-Stiftung schleppt CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe erst mit Grünen-Chef Cem Özdemir den Kinderwagen dessen Sohnes die Treppen hoch. Beide kennen sich noch aus Zeiten der schwarz-grünen Pizza-Connection. Wenige Minuten später überreicht SPD-Vize Olaf Scholz der Partei einen Sack Sägemehl. Als Zeichen dafür, was aus der Dachlatte geworden, mit der Hessens SPD-Ministerpräsident Holger Börner einst die Demonstranten gegen die Frankfurter Startbahn West vertreiben wollte - um dann mit der neuen Partei, die die Forderungen dieser Protestler im Landtag vertrat, die erste rot-grüne Koalition der Bundesrepublik zu bilden.

Noch immer verorten sich die meisten Grünen politisch klar links. Und viele wollen das auch formulieren, notfalls auf Kosten der Koalitionsfähigkeit. Die Grüne Jugend etwa hat zuletzt über die Abschaffung von Gefängnissen fabuliert. Mehrere Männer haben ein Männermanifest formuliert. Darin stehen Sachen wie: "Wir brauchen ein neues Bewusstsein für eine neue Männlichkeit. Wir als männliche Feministen sagen: Männer, gebt Macht ab! - es lohnt sich."

Die Realos pflegen Kontakt zu den Mächtigen

Die Parteispitze hat nicht unterschrieben. Sie sucht lieber die Nähe zu Männern, die des Feminismus unverdächtig sind. So rückt Cem Özdemir bald in den Beirat des Bundesverbands für Mittelständische Wirtschaft ein. Er hat bei einer Rede Verbandspräsident Mario Ohoven beeindruckt, den Mann von Charity-Königin Ute: "Der Mittelstand schätzt ihn als pragmatischen und weltgewandten Politiker, der ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte kleiner und mittlerer Unternehmen hat", sagt der über den Grünen-Chef.

Vor allem Özdemir und Künast, die beiden Realos in Partei- und Fraktionsspitze, pflegen den Kontakt zu den Mächtigen. Özdemir kommt zur Eröffnung der Handwerkskammer München oder zum Zukunftsforum des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Und Künast spricht bei einem Abendessen in Osnabrück vor 50 Unternehmern im Zwei-Sterne-Restaurant "La Vie", das RWE-Chef Jürgen Großmann gehört. Özdemir nennt das "Ausweitung der Kernkompetenzen" und "das Bohren dicker Bretter". Es reiche nicht, "wenn man einmal bei der Handwerkskammer oder beim Verband der Mittelständischen Wirtschaft war, man muss immer wieder hin."

Der linke Flügel der Fraktion trifft sich dagegen neuerdings gerne mit Kollegen von SPD und Linkspartei, meistens sitzen sie in Berliner Kneipen. Oslo-Gruppe haben Journalisten die Gruppe genannt, weil Norwegen eine rot-rot-grüne Regierung hat. Auf Seiten der Grünen ist der Verkehrspolitiker Anton Hofreiter mit dabei. Er ist Sprecher des linken Flügels der Fraktion. "Wir reden noch nicht über eine Regierung mit der Linkspartei 2013, aber wir wollen zumindest die Option mal wieder erörtern", sagt der 40-jährige mit Vollbart und langem blonden Haar, den alle nur "Toni" rufen, in tiefstem bayerisch. Wer zu sehr auf die Umfragen schaue, neige zu kurzfristiger Politik und verliere die Glaubwürdigkeit, warnt Hofreiter.

Hochprozentige Zustimmung

Doch im schmalen Altbau der Berliner Parteizentrale setzt man sich derzeit lieber mit den Perspektiven auseinander, die eine Potenzialanalyse vom Februar eröffnet: Danach können sich 48 Prozent der Bürger grundsätzlich vorstellen, Grün zu wählen, inklusive der zwölf Prozent, die das im Februar wirklich wollten. Union und SPD kamen jeweils auf 55 Prozent, FDP auf 33 Prozent, die Linke auf 24 Prozent.

Die Grünen sehen sich besser aufgestellt als die FDP. Auch die Blau-Gelben hatten um neue Wähler gebuhlt und diese auch für sich gewonnen. Doch der Fokus blieb eng auf dem Thema Steuersenkungen. Und seit das Thema weg ist, gehen die Wähler von der Stange. Forsa-Chef Manfred Güllner glaubt nicht, dass die Grünen in ein solches Dilemma geraten: Die Partei könne die Wähler besser halten als jede andere.Die perfekt inszenierte Kandidatur Joachim Gaucks für das Präsidentenamt machte deutlich, wie kühl die Parteispitze kalkuliert. Die Nominierung des 70-Jährigen sollte die eigene Beliebtheit steigern und die Linkspartei zermürben. Schnell galten die Grünen als überparteilich und fanden Freunde im bürgerlichen Lager. Renate Künast spricht von einer neuen "Bewegung".

Auf der Landesdelegiertenkonferenz in der Stadthalle von Neuss war davon zwar vor ein paar Wochen noch nicht allzu viel zu spüren. Damals war klar, dass Sylvia Löhrmann stellvertretende Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen werden würde - mit der SPD. Aber die grüne Landeschefin hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie auch mit der CDU regieren könne. Am Wahlabend, als sich kurz nach 18 Uhr abzeichnete, dass es für Schwarz-Grün nicht reicht, waren sich der damalige CDU-Integrationsminister Armin Laschet und Grünen-Chef Özdemir über den Weg gelaufen. Herzliche Umarmung, dann sagte einer: "Und was machen wir jetzt?"

In Hamburg hat Schwarz-Grün seit dem gescheiterten Volksentscheid zur Schulreform und dem Rücktritt des im Kern liberalen CDU-Bürgemeisters Ole von Beust zwar nun ein ernsthaftes Problem. Und dem stern sagte Jürgen Trittin, es werde 2013 für ein Bündnis im Bund wohl nicht reichen - quantitativ und programmatisch. Und doch ist die Diskussion über Schwarz-Grün nur vertagt, bis zur möglichen Neuwahl in NRW oder zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses 2011. Im Herbst will Renate Künast entscheiden, ob sie als grüne Spitzenkandidatin antritt - mit guten Chancen auf das Amt.

Mitarbeit: Florian Güßgen FTD

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