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Guantánamo-Häftling: Kurnaz wirft Deutschen Folterung vor

Der als "Bremer Taliban" bekannt gewordene Murnat Kurnaz ist offenbar auch von deutschen Soldaten misshandelt worden. Dem stern schildert Kurnaz die Folterungen in einem US-Gefängnis in Afghanistan.

Murnat Kurnaz berichtet in einem Interview mit dem stern erstmals über seine Entführung und den anschließenden vierjährigen Aufenthalt in US-Gefängnissen in Afghanistan und Guantánamo. Demnach wurde er nach seiner Verschleppung nach Afghanistan in einem geheimen US-Gefängnis anscheinend auch von deutschen Elitesoldaten misshandelt.

"Ich war noch keine zwei Wochen dort, da wurde ich abends hinter zwei Lastwagen geführt. Es hieß, zwei deutsche Soldaten wollten mich sehen. Sie trugen Camouflage-Uniformen, das Tarnmuster war aus kleinen Punkten zusammengesetzt, wie vom Computer gemacht, und sie trugen die deutsche Flagge am Ärmel. Ich musste mich hinlegen, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der eine zog mich an den Haaren hoch. 'Weißt Du, wer wir sind?' Der wollte angeben. 'Wir sind die deutsche Kraft.' Er hat jedenfalls meinen Kopf auf den Boden geschlagen, und die Amerikaner fanden das lustig", sagt Kunaz in dem Interview.

Bei den deutschen Soldaten handelt es sich nach Recherchen des stern aller Wahrscheinlichkeit nach um Angehörige der Elite-Einheit KSK, Kommando-Spezialkräfte, damals die einzigen deutschen Soldaten im afghanischen Kandahar.

Kurnaz wurde 2001 verschleppt

Der heute 24-jährige Schiffsbauer aus Bremen war am 1. Dezember 2001 im pakistanischen Peshawar auf dem Weg zum Flughafen, wo er seinen Heimflug antreten wollte, an einem Checkpoint aus dem Shuttlebus gezogen und nach Kandahar in eines der berüchtigten US-Geheimgefängnisse verschleppt worden. Dort wurde er nach seinen Angaben von Angehörigen des US-Militärs gefoltert, unter anderem mit Elektroschocks.

Nach zwei Monaten in dem Foltergefängnis in Afghanistan wurde Kurnaz von US-Militärs in das Gefangenenlager nach Guantánamo gebracht. Dort wurde Kurnaz auch von Beamten des Bundesnachrichtendienstes (BND) und mehrmals von einem Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) besucht und vernommen.

Gegenüber der PKG, dem Geheimdienstkontrollgremium des Bundestages, hatten der damalige BND-Chef August Hanning, heute Sekretär im Bundesinnenminister, sowie BfV-Präsident Heinz Fromm nur einen einzigen Guantánamo-Besuch ihrer Beamten bei Kurnaz eingeräumt, und zwar im September 2002.

Damals waren die Verhörexperten von BND und BfV zu der Überzeugung gekommen, dass Kurnaz völlig unschuldig sei. Bei Murat Kurnaz deute "nichts" auf "Kontakte zu Taliban- oder al-Qaeda-Strukturen" hin, heißt es dazu in einem geheimen Regierungsbericht. Die "US-Seite hat sich dieser Bewertung angeschlossen". Trotzdem nahmen die Deutschen dem Mann aus Bremen die Zusage ab, nach seiner Freilassung als Spitzel im Islamistenmilieu zu arbeiten.

Nach Information des stern erwog der BND sogar, ihn im Inland zu "nutzen", der Verfassungsschutz plante eine "gemeinsame Operation mit dem US-Partnerdienst", wie es in einem Geheimbericht heißt. Die Amerikaner waren von der Idee, Kurnaz als V-Mann zu nutzen, ebenfalls angetan und sagten zu, den Bremer "bis November nach Deutschland zurück zu bringen".

BND-Chef plädiert für Einreisesperre

Im Kanzleramt in Berlin beurteilte man diese Pläne jedoch "sehr kritisch". Als die Amerikaner nachfragten, ob der türkische Staatsbürger nach Deutschland oder in die Türkei gebracht werden sollte, plädierte BND-Chef August Hanning am 29. Oktober 2002, wie aus Regierungsunterlagen hervorgeht, "für eine Einreisesperre für Deutschland". Vertreter von Kanzleramt und Innenministerium "teilten diese Auffassung". Kurnaz wurde daraufhin weiter in Guantánamo unschuldig gefangen gehalten, gefoltert und regelmäßig verhört – auch von dem deutschen Verfassungsschutzbeamten Dr. K., Leiter im Referat Ausländer-Fundamentalismus.

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