Guido Westerwelle und seine FDP Unter Siegern


Triumph in Hessen, Umfragen auf Rekordhoch: Es ist die Stunde der Liberalen. Der stern hat eine Woche lang in der Parteizentrale beobachtet, wie Guido Westerwelle und seine FDP vom Regieren träumen.
Von Walter Wüllenweber

Thomas-Dehler-Haus, Bundesgeschäftsstelle der FDP. Abteilungsleiterin Gabriele Renatus hat das Organisationsteam der Partei in das "Ideen-Reich" gerufen, einen gelb eingerichteten Konferenzraum. Es ist die Woche nach der Hessen-Wahl, dem größten Sieg der Partei, seit sie von Guido Westerwelle angeführt wird. Die jüngeren Mitarbeiter haben noch keinen vergleichbaren Erfolg miterlebt. "Leute, wir haben etwas zu feiern", beginnt Renatus die Sitzung. "Der David hat seine Prüfung zum Kaufmann für Bürokommunikation bestanden."

Als der Beifall endlich ausklingt, streift Renatus doch noch kurz das andere freudige Ereignis, die Wahl in Hessen. "Ist ja klar, wir sind Sieger", resümiert sie knapp. Und lenkt die Aufmerksamkeit gleich wieder auf die wirklich wichtigen Themen: Strategiekonferenz in Erfurt.

Nach seinem Triumph ließ Guido Westerwelle die ganze Nation an seinen Glücksgefühlen teilhaben. Tagelang versetzte ihn das Rekordergebnis in einen strahlenden Schwebezustand. Doch wie feiert man in den Katakomben einer Partei, im Hauptquartier? Ist das so wie im Vereinsheim des FC Bayern nach dem Gewinn der Champions League? Spendiert Generalsekretär Dirk Niebel einen freien Tag für alle?

"Nach der Wahl ist vor der Wahl"

Wenn Westerwelle für das Abheben zuständig ist, dann muss Renatus dafür sorgen, dass der Rest der Partei auf dem Teppich bleibt. "Doch doch, wir freuen uns ja", sagt sie. "Aber die Arbeit darf nicht liegen bleiben. Nach der Wahl ist vor der Wahl."

Die FDP-Zentrale ist ein überschaubarer Apparat. Auf zweieinhalb Büroetagen arbeiten gerade mal 26 Festangestellte. Ein Wahlsieg ist in der kleinen Bundesgeschäftsstelle kein Partysignal. Für die Mitarbeiter bedeutet er vor allem eines: Arbeit. Allein am Montag nach der Hessen-Wahl haben über 100 künftige Mitgliedereinen Aufnahmeantrag gestellt. Im "Info-Point" schlägt Christian Stelkes Alarm. Er verschickt Infomaterial - normalerweise ein ruhiger Studentenjob. "Aber jetzt überrennen die uns. Wir können die ganzen Anfragen nicht mehr abarbeiten. Und die Druckerei kommt mit dem Drucken nicht hinterher."

In den Büros kann man die Arbeitsbelastung riechen. Es riecht nach Essen. Ständig bimmelt in der Teeküche die Mikrowelle. Wer nicht auf Plastikfutter steht, kann sich auch im Restaurant Manzini im Erdgeschoss einen Salat oder einen Teller Nudeln holen. Gegessen aber wird bei der FDP derzeit am Schreibtisch.

Bitte rauchen

Niemand muss dabei Angst haben, sich in der Hektik die Krawatte zu bekleckern. Denn niemand trägt Krawatte. "Dresscode? So was brauchen wir hier nicht", sagt Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Beerfeltz. "Wenn ich die Kollegen so sehe, erinnert mich das an Dauerklassenfahrt", sagt Generalsekretär Niebel. "Ich finde das okay." Die Mitarbeiter der FDP sehen nicht aus wie BWLer-Yuppies aus der Bank, eher wie aus der Verwaltung der Berliner Verkehrsbetriebe. Hingebungsvoll hegen sie ihre Zimmerpflanzen. Und natürlich darf bei der FDP, Gegnerin der Nichtrauchergesetze, geraucht werden. Ach was, es darf. Es ist erwünscht.

Wenn man im Dehler-Haus doch mal jemanden in Anzug und Krawatte über den Flur laufen sieht, dann ist es entweder Guido Westerwelle oder Robert von Rimscha, der Sprecher der FDP. Wenn der in sein Jackett schlüpft und sich einen Schlips bindet, dann meist für ein Treffen mit Journalisten. Viele Berliner Korrespondenten machen es genauso. Sie hängen sich einen Anzug in den Büroschrank, den sie nur zu "Außenterminen" anziehen. Wenn sie jemanden treffen wie den Parteisprecher von Rimscha.

Der hüpft gerade durch sein Büro, als hätte ihm jemand einen Stromstoß versetzt. Die Energie muss raus. Mit wütenden Schritten trampelt er herum, vom Besprechungstisch zur Tür, hinter den Schreibtisch und dann die Tour von vorn. Zwischendurch schaut er sich immer wieder ungläubig die Agenturmeldung auf seinem Bildschirm an: Die Vertreter der Grünen in den Landesregierungen von Bremen und Hamburg wollen dem Konjunkturpaket der Bundesregierung zustimmen. Wie gemein! Das wollten doch eigentlich die Liberalen machen.

Der Kampf um Platz drei

Es ist ein Ergebnis der Hessen-Wahl, dass die Große Koalition keine Mehrheit mehr im Bundesrat stellt. Ohne die Zustimmung der kleinen Partner in den Bundesländern können viele Gesetzesvorhaben die Ländervertretung nicht passieren. Das hat der FDP eine seit Jahren ungekannte Wichtigkeit verliehen. Aber nur für ein paar Tage, bis die Grünen von Bremen und Hamburg ihre Unterstützung des Konjunkturpaketes verkündeten. "Die sind umgefallen, die sind tatsächlich umgefallen", sagt von Rimscha.

Er hat recht: Die Grünen waren erbitterte Gegner des Konjunkturpaketes. Sie stimmen nicht aus Überzeugung zu, sondern um der FDP eins auszuwischen. "Auch wir Grünen verfolgen Machtoptionen", gibt Christine Scheel zu, die Finanzexpertin der Grünen. Und Fraktionschefin Renate Künast jubelt: "Die Regierung Westerwelle hat nur einen Tag gedauert." Die erbittertste Feindschaft in Berlin tragen derzeit FDP und Grüne aus. Es geht um Platz drei, hinter den beiden Großen.

Die FDP stellt sich derzeit als einzige verlässliche Größe unter den Parteien dar. Ausgerechnet die FDP. Jahrzehntelang galten die Liberalen als die Trickserkönige, die mit jedem regieren, der sie mitmachen lässt. Der große Porträtautor Jürgen Leinemann beschrieb im "Spiegel" einst einen der Vorgänger von Westerwelle, Hans-Dietrich Genscher, als "einen Mann, der den Finger in die Luft reckt, um zu sehen, woher der Wind weht, den er selbst macht". Heute können heftigste Stürme die Volkswirtschaften erschüttern, die FDP ändert ihre Meinung nicht. Anrufer bei der Bundesgeschäftsstelle hören beim Verbinden noch immer die aggressive Männerstimme, die den Kern der FDP-Überzeugung verkündet: "Steuern runter! Arbeit rauf!"

Die Partei der Stunde

Die Sturheit zahlt sich aus. Der tägliche Medienspiegel, in dem alle Artikel über die FDP zusammengeheftet sind, ist seit der Hessen-Wahl so dick, dass ihn die Mitarbeiter im Dehler-Haus unmöglich ganz lesen können. Die Liberalen sind die Partei der Stunde. In der aktuellen stern-Umfrage steht die FDP derzeit bundesweit bei 16 Prozent. Mehr wurde für sie noch nie gemessen. Forsa-Chef Manfred Güllner sagt: "Die FDP muss im Augenblick eigentlich gar nichts tun. Sie wirkt schon allein dadurch stark, dass es sie gibt." Denn die Liberalen haben, was Marketingexperten ein "Alleinstellungsmerkmal" nennen.

In den Jahren der Großen Koalition haben CDU und CSU marktwirtschaftliche Positionen immer weiter geräumt. Mit der Verabschiedung des Konjunkturpakets ist die Sozialdemokratisierung der Union endgültig abgeschlossen. In ihrem klaren Bekenntnis zur Staatswirtschaft sind sich nun fast alle Parteien einig: Linke, Grüne, SPD und CDU. Sie bilden die Sozialdemokratische Einheitspartei Deutschlands. Die FDP hingegen gibt sich als letzten Hort der Marktwirtschaft, als eine Partei, die auch in der Krise fest zu ihren Prinzipien steht. Dass auch die Liberalen bereit sind, dem Konjunkturpaket zuzustimmen, scheint dabei nicht zu stören. Die Sozialdemokratische Einheitspartei repräsentiert die riesige Mehrheit der Wähler, über 80 Prozent. Der Rest geht komplett an die FDP.

Mit ihrer Außenseiterposition dürfte die FDP in der künftigen Regierung eigentlich keine Rolle spielen. Doch noch nie war die FDP einer Rückkehr zur Macht so nahe. Der Schlüssel liegt bei Angela Merkel. Glaubt man den Umfragen, wird sie sich nach der Wahl entscheiden können: Entweder eine marktwirtschaftliche Politik mit Westerwelles FDP oder die Fortführung der sozialdemokratischen Politik in der Großen Koalition. Die Union kann mit beidem leben. Hauptsache, sie stellt die Kanzlerin. Der jeweilige Koalitionspartner bestimmt die Richtlinien und die Richtung der Politik. So gesehen übernimmt die CDU die frühere Rolle der FDP: Sie ist das Zünglein an der Waage.

Der Bundesvorsitzende

Gabriele Renatus geht von Schreibtisch zu Schreibtisch und erinnert die Kollegen an einen wichtigen Termin. "Heute Nachmittag kommt der Bundesvorsitzende." Im internen Sprachgebrauch wird vom Generalsekretär als "Derdirkniebel" gesprochen. Bundesgeschäftsführer Beerfeltz ist der "BGF", EU-Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin ist "die Silvana". Westerwelle ist nicht "Westerwelle", schon gar nicht "der Guido", er ist "der Bundesvorsitzende". So viel Zeit muss sein.

Der Bundesvorsitzende hat eine Art Betriebsversammlung einberufen, um die Mitarbeiter auf das Superwahljahr und die dadurch anfallende Mehrarbeit einzustimmen. Zwar ist die FDP seit der letzten Bundestagswahl ordentlich gewachsen, sitzt in mehr Landtagen und mehr Landesregierungen, doch dieses Wachstum schafft keine Beschäftigung. Für Neueinstellungen fehlt das Geld. Wie wirkt Westerwelle, umgeben von seinen engsten Parteifreunden? Wenn er niemanden von der Großartigkeit der FDP und ihres Bundesvorsitzenden überzeugen muss? Redet er anders als im Bundestag oder bei "Anne Will"?

Distanzierte Ansprache

"Meine sehr geehrten Damen und Herren", beginnt er. "Lassen Sie mich erst mal die Gelegenheit ergreifen und mich bei Ihnen bedanken, für die ganz tolle Arbeit ..." Seine Ausstrahlung ist Distanz, nicht Nähe. Er sagt dieselben Sätze wie im Fernsehen. Wie in einer ganz normalen Firma nutzt auch bei der FDP der Chef solche Ansprachen, um seinen Leuten zu erklären, wie gut der Laden läuft. Also, seitdem er die Sache in die Hand genommen hat. "Jetzt reißen sie uns das Infomaterial aus den Händen. Aber ich kann mich auch noch an Zeiten erinnern, da mussten wir an den Ständen in der Fußgängerzone hinter den Infotischen bleiben, aus Gründen der körperlichen Unversehrtheit."

Er schaut in die Runde. "Ich sehe hier Kollegen, die waren schon da, als ich noch ein ganz normales Mitglied im Bundesvorstand war." Er schwärmt von der Stärke der Partei in den Ländern und Kommunen. Vor seiner Regentschaft sei doch die FDP eine Dame ohne Unterleib gewesen. Irgendwie erinnert der Bundesvorsitzende bei seinen Mitarbeitern an die Werbeauftritte von Wolfgang Grupp, Chef des T-Shirt-Herstellers Trigema, der mit ausladenden Gesten durch die Reihen seiner fleißigen Näherinnen stolziert. Grupp ist der Eigentümer des Ladens. Beim Bundesvorsitzenden hat man mitunter einen ähnlichen Eindruck.

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