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Gysi und Lafontaine: "Wir haben uns noch nie beschissen"

Es könnte nicht besser stehen für sie. In den Umfragen liegen sie prima, Schröder ist am Boden, Merkel zerlegt sich selbst. Dennoch geben Oskar Lafontaine und Gregor Gysi keine Ruhe. Jetzt machen sie Außenpolitik.

Von Florian Güßgen

Ganz in der Nähe der Bundespressekonferenz in Berlin gibt es eine Luxus-Weinstube. Deren Motto lautet "Erleben und Genießen". Am Freitagmittag trafen sich Oskar Lafontaine und Gregor Gysi im Garten des Lokals. Bei strahlendem Sonnenschein saßen sie locker unter einem Sonnenschirm und verabredeten, wer bei der anstehenden Pressekonferenz was sagen würde. Erleben und Genießen, irgendwie hatten sie das Lokal gut gewählt, denn das Motto dürfte die derzeitige Stimmungslage der beiden gut wiedergeben. In den Umfragen liegt ihr Linksbündnis, stabil bei zwölf Prozent, die sieche SPD und ihr Kanzler berappeln sich nur mühsam, und die noch vor wenigen Monaten hochgejubelte Angela Merkel zerlegt sich selbst. Die lachenden Dritten sind Lafontaine und Gysi.

Viel falsch machen können sie eigentlich nicht. Binnen kürzester Zeit haben sie es geschafft, sich und das Linksbündnis als Politiker-Werdung des Widerstands aufzubauen - gegen den Geist des Neoliberalismus, gegen Hartz IV, gegen reiche Abzocker, gegen Fremdarbeiter, gegen, ja auch das, gegen Krieg. Solange sie auf die Schönbohm-Nummer verzichten und Ostdeutsche nicht pauschal beleidigen, kann ihnen eigentlich nicht mehr viel passieren.

Linkspartei will Afghanistan-Einsatz beenden

Dennoch haben Lafontaine und Gysi am Freitag nachgelegt. Eigentlich wollten sie vor allem den Programmentwurf der Linkspartei vorstellen, konzentriert haben sie sich jedoch auf die Sache mit dem Krieg. Sollte das Linksbündnis in den nächsten Bundestag einziehen, so Lafontaine, werde die Fraktion der Verlängerung des Afghanistan-Mandats der Bundeswehr nicht zustimmen. "Es ist im Interesse der Bundesrepublik und der deutschen Bevölkerung, dieses Mandat nicht zu verlängern", sagte er. Der Einsatz der Bundeswehr nütze im Kampf gegen den Terror wenig - und außerdem habe es sich ohnehin um einen völkerrechtswidrigen Krieg gehandelt. Deutschland werde, anders als die SPD das darstelle, nicht am Hindukisch verteidigt.

Darüber hinaus bekannten die beiden sich klar zur Doppelspitze. Gysi sagte, dass Lafontaine und er selbst eine mögliche Fraktion der Linkspartei im Bundestag gemeinsam führen würden - auch, um ein Zeichen für die Vereinigung der Linkspartei - vormals PDS - mit der WASG zu setzen.

Die bessere Friedenspartei

Die außen- und sicherheitspolitischen Äußerungen der Spitzenkandidaten haben einen strategischen Hintergrund. Sie sollen verdeutlichen, dass es neben der SPD, die offensiv mit ihrer Ablehnung des Irak-Krieges wirbt, eine zweite und, aus Sicht der Linkspartei, eine bessere "Friedenspartei" gibt. Damit soll ein weiterer Grund entfallen, die SPD zu wählen.

Zwar hat die PDS in vergangenen Wahlkämpfen auch immer mit ähnlichen Argumenten geworben - dank der Prominenz Lafontaines dürften diese aber nun größere Beachtung finden. Es hat dabei schon fast US-amerikanische Züge, wenn die Linkspartei damit punkten will, die "Jungs" nach Hause zu holen. In amerikanischen Wahlkämpfen ist gerade dies immer ein dominierendes Thema, für Deutschland ist dieses Argument neu.

Ansonsten wiederholten Lafontaine und Gysi vor großem journalistischen Publikum jene Kernsätze, mit denen sie nun schon seit Monaten für sich werben: Alle anderen sind gegen uns, weil alle anderen neoliberal sind. Wir sind anders, weil wir gerechter sind - und außerdem standhaft. Das Ganze wird gezuckert mit wirtschaftspolitischen Forderungen nach höheren Löhnen, höheren Steuern für Reiche und einer besonderen Besorgnis um Ostdeutschland.

Gysi springt für seinen "Nachbarn" in die Bresche

Dabei sind die beiden großen Kommunikationskünstler mittlerweile auch ganz gut eingespielt für ihren Auftritt im Doppelpack. Spricht Lafontaine, nickt Gysi immer zustimmend - gerade so, als wollte er sagen: "Hört nur zu, was der Oskar euch erzählt. Der kann das." Wenn Gysi mal irgendeine Zahl oder irgendetwas wirtschaftlich Kniffliges nicht weiß, sagt er: "Auf die Frage kann mein Nachbar besser antworten." Auch scheinen Gysi und sein Nachbar, eine Art Verteidigungspakt geschlossen zu haben. Wird Lafontaine attackiert, etwa mit dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit, wirft sich Gysi vor ihn. "Ich muss jetzt mal was sagen," sagt er dann. Lafontaine habe damals, 1999, das Amt des SPD-Chefs und des Finanzministers nicht einfach so hingeschmissen. Er habe seine Ämter aufgegeben, weil er ansonsten die Regierung Schröder hätte kippen müssen, weil Schröder nicht das gemacht habe, was die beiden zuvor vereinbart hätten. Der Wortbrüchige sei also der Kanzler gewesen, nicht Lafontaine. Deshalb sei, so Gysi, Lafontaines Rückzug ein Akt der Bescheidenheit gewesen - und kein Zeichen für Verantwortungslosigkeit.

Doppelspitze in der Bundestagsfraktion

Ein kritischer Journalist merkte am Freitag an, in Lafontaines Biografie sei der Tandem-Auftritt mit vermeintlichen politischen Gefährten nichts Neues. Früher habe Lafontaine auf ganz dicke mit Schröder gemacht - bevor er ihn habe fallen lassen. Es habe sogar geheißen, zwischen die beiden passe kein Papier. Ob es denn Gysi, so die Frage, nicht genauso ergehen könne. Diesen Vergleich wollte der Saarländer nicht gelten lassen. Das mit dem Papier, sagte er, sei damals ironisch gemeint gewesen - von ihm und von Schröder. Überhaupt arbeite er nicht mit Leuten zusammen, die Verabredungen systematisch brächen. Das träfe auf Schröder zu, nicht aber auf Gysi, mit dem es eine gemeinsame politische Basis gebe. "Wir haben uns gegenseitig noch nie beschissen", sagte Gysi dazu. "Das ist doch eine gute Grundlage." Eine Grundlage, auf der die beiden in Zukunft auch in der Bundestagsfraktion der Linkspartei bauen wollen. "Wir streben an, dass wir beiden zu Vorsitzenden gewählt werden", sagte Gysi.