Hamburg Kraftwerk vergiftet Grünen-Klima


Die Hamburger Grünen hatten ihren Wahlkampf auf die Verhinderung des Kohlekraftwerks Moorburg ausgerichtet, nun aber genehmigen sie dessen Bau. Am Abend nach dem Sündenfall stellte sich die Umweltministerin der Parteibasis - und erntete viel Kritik, aber auch erstaunlich viel Zustimmung.
Von Sebastian Jabbusch

"Ein Rücktritt der Senatorin reicht nicht, ich werde beantragen, die Koalition mit der CDU aufzulösen", sagt Christopher Stark. Der Student ist noch etwas außer Atem, er ist gerade aus Berlin zurückgekommen und das letzte Stück vom Hauptbahnhof gelaufen, damit er es noch rechtzeitig zum Informationsabend der Hamburger Grünen schafft.

Es ist kurz vor 19 Uhr. Zahlreiche Journalisten stehen vor der Akademie der Künste, wo die Hamburger Grünen das Treffen veranstalten. Für die Partei wird es ein ungemütlicher Abend - nicht nur wegen des nasskalten Wetters. Denn heute hat die grüne Umweltsenatorin Anja Hajduk dem umstrittenen Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg die Genehmigung erteilt - ausgerechnet einem der Projekte, auf dessen Verhinderung der gesamte grüne Wahlkampf Anfang des Jahres aufgebaut war.

Fundamentaler Bruch mit dem, wofür die Grünen stehen

Dies sei ein fundamentaler Bruch mit all dem, wofür die Grünen stehen, diktiert Stark den zahlreichen Fernsehteams und Radiojournalisten in die Mikrofone. Die Pressemenschen versuchen die Stimmung in der grünen Partei einzufangen. Es geht um die Frage, ob die schwarz-grüne Koalition hält. Zu sehr rüttelt die Moorburg-Genehmigung an den Grundfesten grüner Umweltpolitik. Stark hofft sogar darauf, dass die Koalition bricht: "Macht und Regieren ist vielen wichtiger, als mal Konsequenzen zu ziehen", kritisiert er.

Stark studiert Geografie in Hamburg, ist 25 Jahre alt und seit sechs Jahren Mitglied der Partei. Er selbst zählt sich zum linken, idealistischen Flügel. Erst vor drei Stunden ist er aus Berlin zurückgekommen, wo er gerade ein Praktikum beim Bundesverband Windenergie beendet hat. Er ist mit dem Auto gefahren, hat auf dem Weg ein paar Beifahrer mitgenommen, wegen der CO2-Bilanz.

Mit seiner Kritik an den Grünen ist der Student nicht allein. Im Gegenteil: Greenpeace demonstrierte bereits am frühen Nachmittag vor dem Hamburger Rathaus, als die Senatorin in einer Pressekonferenz die Details der Baugenehmigung erklärte. Für die unangemeldete Demonstration erhielten die fünf Aktivisten Ordnungsstrafen. Das Banner mit der Aufschrift "Vattenfall: Deutschlands klimaschädlichster Stromanbieter" wurde konfisziert. Verkehrte Welt für die Grünen: Früher waren sie die Demonstranten, jetzt sind sie Adressat der Proteste.

"Geht's noch?"

Das gleiche Bild vor dem Veranstaltungsort am Abend: Zehn Mitglieder vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Robin Wood und Aktivisten des Hamburger Klimacamps demonstrieren mit Transparenten und Handzetteln gegen die Genehmigung. "Geht's noch?", steht auf einem der Plakate. Martin Buttner vom Bund ist der Meinung, die Grünen hätten ihre Ziele verraten: "Entweder sind sie jetzt so machtgeil, dass es ihnen egal ist, oder sie haben sich total verschätzt." Ein Ende der Koalition fordert er jedoch nicht: "Es kommt jetzt darauf an, dass so viele andere grüne Projekte wie möglich realisiert werden." Stefanie Ritschka von Robin Wood hingegen will das schwarz-grüne Bündnis beendet sehen: "Wir sind maßlos enttäuscht. Die GAL wollte die Elbvertiefung und Moorburg verhindern - jetzt haben wir beides."

Die Mitglieder der Grünen zwängen sich zwischen den Reihen der Demonstranten und Pressevertreter durch. Keine leichte Aufgabe. Die Buhfrau des Tages, Umweltsenatorin Anja Hajduk, kommt zehn Minuten zu spät. Christopher Stark klatscht und ruft ihr bissig zu: "Danke sehr, Frau Hajduk." In den Saal dürfen nur Parteimitglieder. Der Rest muss draußen bleiben. Man wolle in Ruhe intern diskutieren, heißt es zur Begründung, ohne das gleich jedes Wort wieder sofort in der Zeitung stehe.

"Warum sollen die Leute uns wählen?"

Drinnen stellt derweil Hajduks Pressesprecherin zunächst das Genehmigungspaket vor. Nach einer ausgiebigen Fragerunde, beginnt die Aussprache. Der 25-jährige Student geht zum Saalmikrofon und kritisiert: "Wir können den Wählern nicht mehr erklären, warum sie die Grünen wählen sollen. Es geht hier um die Existenz der Partei. Wir hätten besser die Strafzahlung an Vattenfall zahlen sollen, um ein Exempel zu statuieren." So würden nun auch die anderen vierzig Kohlekraftwerke gebaut, die teils noch in Planung sind, fürchtet der Geografiestudent.

Sein Redebeitrag wird jedoch schnell von etlichen Zwischenrufen aus dem rechten Flügel unterbrochen, erzählt einer seiner Freunde später. Die Mehrheit sei nicht auf seiner Seite und dass die meisten die Koalition fortsetzen wollen, daran hat Stark keine Zweifel. Trotzdem oder gerade deswegen will er auf der Mitgliederversammlung nächste Woche einen Antrag auf Auflösung der Koalition stellen. Zusammen mit einigen alten und neuen Freunden - ihre E-Mail-Adressen hat er am Abend schon gesammelt.


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