Hamburger SPD Rede gut, Kandidat gut, Partei so là là


Michael Naumann heißt der Kandidat der Hamburger SPD für die Bürgermeisterwahl 2008. Der Parteitag erlebte Bemerkenswertes: Naumann schien zu heiter, um wahr zu sein, sprach zu geschliffen, um SPD zu sein, war zu offen und ehrlich, um Politiker zu sein.
Von Ulrike Posche

Seit Samstagmittag ist der ehemalige Kulturstaatminister und "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann, 65, Kandidat der Hamburger SPD für das Amt des Bürgermeisters. Mit 339 von 343 Stimmen wählten ihn die Delegierten zum Herausforderer des derzeitigen CDU-Amtsinhabers Ole von Beust. Und das nicht nur deshalb, weil Altkanzler Gerhard Schröder ihn zuvor über den grünen Klee gelobt hatte.

Ein bisschen Wehmut war schon da, als der kleine Menschenzug in den Saal des Harburger Hotels "Lindtner" paradierte. Vorneweg ein im Ganzen gesetzt wirkender Gerhard Schröder mit den Bodyguard-Knappen, dahinter Kandidat Naumann, vor Energie, Charme und Angriffslust funkelnd, dann Ex-Innenminister Otto Schily mit weißem Schopf und schwerem Gang - ein politisches Trifolium längst vergangener Tage. Prinz, Jungfrau, Bauer. Und in der ersten Reihe warteten bereits die üblichen Stammgäste und Honoratioren hanseatischer Sozialdemokratie: Der Filmemacher Hark Bohm, Urgestein Freimut Duve, die Ex-Bürgermeister Peter Schulz und Klaus von Dohnanyi. Wobei man bei letzterem eigentlich gar nicht mehr so genau weiß, ob er überhaupt noch dazu gehört. Henning Voscherau, der andere Ex-Bürgermeister hatte bescheiden hinten im Saal Platz genommen. Und Ortwin Runde lag im Krankenhaus.

"Kraft der Erneuerung" stand auf der blauen Wand hinterm Podium. Und genau die hatte sich offenbar in Naumanns Innerstem gesammelt. Angefeuert von sich selbst und der Kraft der Erneuerung ballerte der den "Lieben Genossinnen und Genossen" eine Rede mit Schmackes vor die Köpfe, wie man sie in Hamburg - und noch seltener in Harburg - morgens um elf wohl je gehört hat.

Michael Naumann, grauer Anzug, rot gemusterter Schlips, Hand in der Hosentasche, druckste nicht lange herum. Nein, er kachelte gleich gegen den amtierenden Freiherrn von Beust, er spöttelte, ätzte, wetterte. Er tat das jedoch so fein, so gediegen, so sehr mit Delfter Kacheln und Zitaten des Philosophen Aristoteles, dass selbst der versteifte Klaus von Dohnanyi vor Vergnügen ganz weich wurde. Bürgermeister Beust ließe sich gelegentlich mit Baseballkappe getarnt durch manche Hamburger Stadtteile fahren, und beobachte Männer auf Bänken, die Löcher in den Himmel starrten, zitierte Naumann genüsslich Ole von Beusts Pressesprecher. "Der letzte Aristokrat, von dem ich ein solches Verhalten gehört habe", schmetterte Naumann, "das war Haile Selassie". Der letzte Kaiser von Äthiopien. "Ho, Ho", machten da die Genossen im Saal, "Ho, ho". Das sind Seitenhiebe nach dem Geschmack der feineren Elbdörfler.

Naumann beklagte die Abschaffung des Blindengeldes, beklagte das Auseinanderfallen der Gesellschaft, die Hoffnungslosigkeit vieler Schulabgänger, das "finanzpolitische Hütchenspiel" des Senats. Er beklagte, dass sich Schulkinder "ihren Weg durch Nahkampfzonen bahnen müssen", dass sich "Mieter nicht mehr vor die Haustür trauen". Versprach, die "Brutalisierung jugendlicher Gewalt" nicht zu akzeptieren, sich den "ökonomischen und sozialen Gründen dieser Krisen-Merkmale" zuzuwenden. "Hamburgs Kinder sind Hamburgs Glück", rief der smarte Kandidat und Vater von zwei erwachsenen Kindern, "wir dürfen es nicht verspielen!"

Pro Bücherhallen, contra Elbphilharmonie

Bücherhallen, die Ole von Beust in vielen Stadtteilen aus Spargründen hatte schließen lassen, will Naumann - immer die Lesebrille keck auf der Nasenspitze - wieder öffnen, sobald er im Rathaus sitzt. Ehrgeizige Projekte, wie etwa das der geplanten Elbphilharmonie am Hafen, zerschlug Naumann mit einem Kurzsatz: "Mit der prachtvollen Glasfassade würde architektonisches Neuland betreten? Ich kann nur sagen: Am Potsdamer Platz fallen bereits die ersten Glasscheiben runter". Naumann sprach vom Glück, Helmut Schmidt an seiner Seite zu wissen und vom "meinem persönlichen Glück", Kanzler Schröder zu kennen. Der kam dann zum High Noon mit der Pfeffermühle ans Rednerpult und gab dem bislang so lecker-süffigen Parteitagsmorgen die nötige Wahlkampfschärfe.

"Ach ja, der alte Schröder, er lebt noch", dachte da mancher im Saal. Und er kann's noch. Wie früher hing der 62-Jährige am Pult, mal schräg, mal frontal. Mal Staatsmann, dann Schauermann.

Er könne sich nur krumm legen vor Lachen darüber, wer sich in der Union "auf einmal zum Vorreiter des Klimaschutzes" mache, schoss er gegen Merkel und Co.

"Brrrrutalität!"

Und "erinnert ihr euch nicht mehr, mit welcher Brrrrutalität man dagegen vorging, als wir sagten, dass man Einwanderung braucht?", brüllte Schröder: "Is doch noch gah nich so lange här". Oder er erinnerte die Parteifreunde daran, "dass wir es waren, die sich für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften" stark gemacht haben, "davon profitiert doch der eine oder andere heute!"

Dann warnte Schröder noch vor einer "Raketenpolitik mit unabsehbaren Folgen", lobte den Bürgermeister-Aspiranten, dessentwegen er überhaupt nach Hamburg gekommen war, als "erstklassigen Kandidaten". Und dann verließ er den Saal durch den Nebeneingang. Klaus von Dohnanyi hängte sich eilfertig an seinen Arm. Otto Schily und Freimut Duve schlossen sich an wie beim Schlepperballett auf der Elbe. Dann saß Michael Naumann allein oben auf dem Podium, unter sich die Mühen der Parteiebene. Er strahlte, er winkte seiner Frau Marie zu, dieser "fabelhaften Hamburgerin". Selbst, wenn es in die Grütze gehen sollte am 24. März 2008, selbst, wenn er die Wahl verlöre - für diese Rede, für diesen Vormittag in Hamburg-Harburg hat sich der Einsatz als "Red Adair", als Retter der unglücklichen Hamburger SPD gelohnt. 339 Stimmen, drei Enthaltungen, eine Ungültige. Ein Traum, wie zu Honeckers Zeiten.

Wie bei Dr. Dieter Wedel

Wenn es nicht das wirkliche Leben gewesen wäre, das unter den Kristall-Lüstern des Hamburger Hotels Lindtner spielte, so hätte man durchaus gelegentlich das Gefühl haben können, in einen Doktor-Dieter-Wedel-Film geraten zu sein. "Der Kandidat" oder etwas in der Art des ZDF. Michael Naumann schien zu heiter, um wahr zu sein, sprach zu geschliffen, um SPD zu sein, war zu offen und ehrlich, um Politiker zu sein ("Tief in mir schlummert ein Chauvi, aber ich versuche, ihn zu beerdigen".).

Kurz, als er nach einer guten Stunde sein Feuerwerk verschossen hatte, sprangen die Delegierten dankbar auf und applaudierten fast drei Minuten. Michael Naumann, Künder und Kärrner im Alstertal. Doktor Mike, Star der SPD-Operation "Wahlsieg 2008". Manch einer simste an diesem golden beglänzten Frühlingstag bereits in die Berliner SPD-Zentrale: "Warum macht ihr den eigentlich nicht zum Kanzlerkandidaten?".


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