Hamburger Wahlkampf Im Schatten der Lichtgestalt


Mithilfe von Altbundeskanzler Gerhard Schröder will Michael Naumann Erster Bürgermeister von Hamburg werden. Die Frage ist, ob die Strategie aufgeht: Die Auftaktveranstaltung wurde zu einer One-Man-Show des Exkanzlers.
Von Thomas Krause

Die Blitzlichter der Fotografen folgen im Saal 2 des Hamburger Kongresszentrums so dicht aufeinander, dass die Hauptperson des Abends fast wie durch grelles Scheinwerferlicht ausgeleuchtet wird. Nur: Wer ist eigentlich die Hauptperson? Der Spitzenkandidat der SPD für die Hamburger Bürgerschaftswahl, Michael Naumann, eröffnet die heiße Phase seines Wahlkampfes mit prominenter Verstärkung: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist aus Hannover angereist.

Wohl auch seinetwegen platzt der Saal aus allen Nähten: In den ersten Reihen vor der Bühne halten Jusos Pappschilder mit "Ich bin für Naumann"-Aufdruck in die Kameras, in den Reihen dahinter ist keiner der 1500 Sitzplätze mehr frei. Die Durchsage, die Gänge sollen aus Sicherheitsgründen frei bleiben, wird von den Zuschauern ignoriert. An den Saalwänden lehnen diejenigen, die keinen anderen Platz mehr ergattern konnten. Alle warten darauf, dass sich der Altkanzler zu Wort meldet.

Scholz zum Statisten degradiert

Doch zuvor fordert der schon fast zu einem Statisten degradierte Bundesarbeitsminister Olaf Scholz eine bessere Lohnentwicklung für die Arbeitnehmer, die die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung geschaffen haben. Dann kommt er direkt auf den Altbundeskanzler zu sprechen: Schröder habe während seiner Kanzlerschaft die entscheidenden Weichen gestellt, während andere nun versuchen, sich mit dem Aufschwung zu schmücken.

Der Hoffnungsträger der Hamburger SPD, Michael Naumann, versucht in der Folge mit klassischen linken Themen zu punkten. Im dunklen Anzug und mit SPD-roter Krawatte steht er am Rednerpult und verspricht, die soziale Balance in Hamburg wieder herzustellen. Der grau melierte Mittsechziger lobt die Arbeitnehmer und kritisiert die "unanständigen und unzivilisierten" Manager wegen ihrer Gehälter. "Ich will Hamburg besser, sozialer und gerechter regieren als Ole von Beust", sagt Naumann. Für seinen Appell, bei jugendlichen Gewalttätern eher die Biographie als den Pass zu prüfen sowie für seine Forderung nach Mindestlohn und gebührenfreie Kindertagesstätten bekommt Naumann kräftigen Applaus. Aber letztlich ist klar: Alle warten nur auf Schröder.

Schröder frenetisch bejubelt

Der frühere SPD-Vorsitzende hat erst wenige Meter zwischen den roten Sesseln rechts und dem Rednerpult links auf der Bühne zurückgelegt, als fast schon frenetischer Jubel aufbrandet. Schon bei der Vorstellung der Gäste war der Ex-Bundeskanzler nur sehr kurz aus seinem Sessel aufgestanden, um Naumann mehr Raum zu geben. Jetzt macht er nur wenige Schritte, kehrt um und versucht, Naumann ins Zentrum der Aufmerksamkeit und des Applauses zu drängen.

Als Schröder zu sprechen beginnt, dauert es nur Sekunden, bis er das Publikum im Griff hat: Ein bisschen Lokalpatriotismus, ein kleiner Scherz und schon liegen ihm die Hamburger zu Füßen. Souverän und jovial bewegt er sich zwischen fast allen Themen, die auch Naumann angesprochen hatte und stiehlt dem Hamburger Spitzenkandidaten damit die Show. Er fordert mehr soziale Gerechtigkeit, mahnt wegen der Diskussion um jugendliche Gewalt und vergisst auch nicht, einige Entscheidungen seiner Regierungszeit lobend herauszustellen, "auch wenn sie nicht von jedem sofort verstanden wurden." Schröder geht in der Rolle des elder statesman auf.

Schröder schiebt Naumann nach vorne

Am Ende seiner Rede stehen sie dann auf der Bühne, der pensionierte Polit-Profi und der Hoffnungsträger Arm in Arm. Schröder reißt wie ein Ringrichter dem siegreichen Boxer Naumanns rechten Arm in die Höhe und schiebt ihn mit einem Kopfnicken in Richtung der am Bühnenrand stehenden Fotografen. Er selbst macht einen Schritt zurück, als wolle er sich in den Schatten zurückziehen. Doch auf der hell erleuchteten Bühne ist an Rückzug nicht zu denken.

In der abschließenden Diskussionsrunde schmeißt Schröder dann jedwede Zurückhaltung über Bord. Er erteilt Naumann den Ratschlag, im Falle eines Sieges eine Pause zwischen Wahlkampf und Koalitionsverhandlungen zu machen, erzählt Anekdoten aus dem Bundeskanzleramt und berichtet von der Erziehung seiner beiden Kinder. Dass er dabei mehr Redezeit eingeräumt bekommt, als der mögliche nächste Bürgermeister der Hansestadt, stört Schröder jetzt nicht mehr. Naumann gelingt es lediglich, einige Punkte seiner Rede zu wiederholen, über ihn selbst erfahren die verbliebenen Zuschauer recht wenig.

Am Ende des Gesprächs verschwindet Schröder als Erster im Dunkel hinter der Bühne. Einen kurzen Augenblick steht Naumann allein im Licht. Doch es ist nur ein kurzer Augenblick.


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