VG-Wort Pixel

Heiner Geißler und der "totale Krieg" Provokateur zwischen Yoda und Jopie

1985 bezeichnete ihn Willy Brandt als "schlimmsten Hetzer seit Goebbels". 26 Jahre später schießt Heiner Geißler zurück - mit einem Goebbels-Zitat. Ein Ausrutscher oder kalkulierte Provokation?
Von Carsten Heidböhmer

Seit Jahren kennt man Heiner Geißler ausschließlich als netten, betagten Herren, der in Talkshows sitzt und aus dem unerschöpflichen Quell seiner in 81 Jahren gereiften Altersweisheit kluge Sprüche von sich gibt. Seine Glaubwürdigkeit verdankt er vor allem dem Hang zur Überparteilichkeit: Das CDU-Mitglied kritisiert gerne die katholische Kirche, den Neoliberalismus und seine eigene Partei. Viel hält er dagegen von den Grünen, Ökologie und der globalisierungskritischen Organisation Attack. Mit dieser Haltung stieg Geißler zur bedeutendsten moralischen Instanz des Landes auf.

In all dem ähnelt er - nicht nur äußerlich - dem steinalten Jedi-Meister Yoda aus "Star Wars", der am laufenden Meter schlaue Kalendersprüche von sich gibt. Einer davon lautet: "Vergessen du musst, was früher du gelernt." Das passt zu Geißlers Auftritten der letzten Jahre. Altersmilde wurde er, so wirkt es, indem er alte Bande abstreifte.

Doch nun scheint Geißler rückfällig geworden zu sein. Bei den Schlichtungsgesprächen zu Stuttgart 21 sorgte er am Freitag für einen Eklat, als er Joseph Goebbels zitierte und fragte: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Ein spektakulärer Strategiewechsel. Yodas Rat zählt plötzlich nicht mehr, stattdessen erinnert sich Geißler wieder daran, was er früher gelernt hat: Er war einst ein großartiger politischer Demagoge, ein richtig scharfer Hund.

Sein Hang zu Polemik war legendär

Viele haben es schon längst vergessen: Als CDU-Generalsekretär war Heiner Geißler zwischen 1977 und 1989 Helmut Kohls Wadenbeißer, der gnadenlos nach dem politischen Gegner schnappte. Sein Hang zu Polemik und Überspitzung war legendär. 1977 bezeichnete er mehrere Kulturschaffende und Politiker, darunter den liberalen Innenminister Werner Maihofer, als "Sympathisanten des Terrors". Die SPD war für ihn 1983 die "fünfte Kolonne der anderen Seite", also des Ostblocks. Im gleichen Jahr empörte er bei einer Bundestagsdebatte mit seinem berühmt gewordenen Diktum: "Der Pazifismus der dreißiger Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht."

Seine ständigen Attacken nervten den damaligen SPD-Chef Willy Brandt so, dass er 1985 vor laufender Kamera über Geißler sagte, er sei "seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land".

Der Spruch muss bei dem 81-Jährigen nachhaltige Spuren hinterlassen haben. Als wolle er den Vorschusslorbeeren von damals gerecht werden, bediente sich Geißler jetzt eines Goebbels-Zitats. Allerdings - das zeigt sein Geschick - kehrte er die Intention um. Denn der Propagandaminister rief mit seinem Satz eine zustimmende Wirkung hervor. Bei seiner berühmten Sportpalast-Rede brüllte er 1943: "Die Engländer behaupten, das deutsche Volk wehrt sich gegen die totalen Kriegsmaßnahmen der Regierung. Es will nicht den totalen Krieg, sagen die Engländer, sondern die Kapitulation. Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg?" - woraufhin Tausende im Berliner Sportpalast mit "Ja" antworteten.

Rhetorische Frage

Geißlers Frage zielte aber auf das Gegenteil ab: Um zu verhindern, dass die streitenden Parteien den Dialog abbrechen, fragte er rhetorisch: "Wollt ihr den totalen Krieg" - wohl wissend, dass die Antwort sämtlicher Anwesender nur "Nein" lauten konnte. Damit lenkte er die Aufmerksamkeit auf seinen Kompromissvorschlag.

Kritik an der drastischen Rhetorik ließ nicht lange auf sich warten. Der baden-württembergische FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke etwa verglich ihn mit einem anderen alten Mann, dem die Nazi-Zeit auch nicht ganz fremd ist: "Er sucht die mediale Aufmerksamkeit, damit er als Jopie Heesters des Politikbetriebs noch mit 100 Jahren in den Talkshows sitzen kann."

Man könnte Geißler aber auch kritisieren, indem man ihn an seinen eigenen Worten misst. Die Frage nach dem totalen Krieg hat Geißler nur gestellt, weil er sicher sein konnte, die Konfliktparteien würden ihn ablehnen. Er hat also den Pazifismus der Anwesenden einkalkuliert. Doch gerade das muss problematisch erscheinen: Denn wohin führt der Pazifismus Geißler zufolge? Nach Auschwitz, genau.


Mehr zum Thema



Newsticker