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Hells Angels Boss im Interview: "Was heißt hier kriminell?"

Coole Rocker oder kriminelle Vereinigung? Das Image der Hells Angels ist schlecht. Die Rocker wollen das ändern. Ein Gespräch mit Lutz Schelhorn, Präsident der Hells Angels Stuttgart.

Der Präsident der Stuttgarter Hells Angels Lutz Schelhorn zu Gast in der ARD-Talkshow "Menschen bei Maischberger" im März 2013

Der Präsident der Stuttgarter Hells Angels Lutz Schelhorn zu Gast in der ARD-Talkshow "Menschen bei Maischberger" im März 2013

Die Hells Angels in Deutschland stehen nach dem Verbot der Abzeichen in einigen Bundesländern unter Druck. Und in Hessen und im Ruhrgebiet brodelt es zwischen den Hells Angels.

Es klingt paradox, aber gerade seitdem wir so unter Druck stehen, wollen viele junge Kerle plötzlich Rocker werden. Und es drängen immer mehr in die Clubs. Aber wir müssen jetzt sehr genau prüfen, wer zu uns passt. Das ist in der Vergangenheit manchmal versäumt worden,

Das heißt, es wollen auch viele, aus eurer Sicht "falsche Leute" in die Rockerclubs aufgenommen werden?

Ja. Weil sie in der Zeitung lesen, dass Rocker Millionen verdienen. Das wird doch ständig suggeriert. Vor allem von den Behörden. Ich bin sicher, das hängt mit diesem Strategiepapier des Innenministeriums von Rheinland-Pfalz zusammen, das von allen Dienststellen übernommen wurde. Es liest sich wie das Drehbuch zu all den Polizeieinsätzen, die in den letzten vier Jahren gelaufen sind.

Eine Gebrauchsanweisung also für den Umgang mit kriminellen Rockerbanden?

Was heißt hier kriminell? Die wenigsten von uns haben Probleme mit dem Gesetz. Und diejenigen, die sie haben, müssen auch dafür geradestehen. Es ist doch nicht so, dass wir die Gesetze nicht respektieren. Wir haben nur neben den Gesetzen auch noch unsere eigenen Regeln. Aber in diesem Papier geht es nur darum, wie man uns schikaniert und kriminalisiert. Und wie man dabei die Medien dazu einspannt. Seitdem sind auch immer wieder Fernsehteams bei den Polizeieinsätzen dabei. Und gebetsmühlenartig wird wiederholt, es ginge um Drogen, Waffen und Prostitution. Erstaunlicherweise taucht das in den Zeitungen auf, aber bisher in keiner einzigen Verbotsverfügung. Einige der Journalisten nutzen natürlich das Angebot der Polizei, und fragen nicht groß nach. Sie sind völlig hemmungslos. Rocker machen Quote, vor allem viele Klicks im Internet.

Drogen, Waffen, Geld - das scheint für viele dieser Jungs aus den Kampfsportschulen, die sonst keine große Perspektive haben, kein schlechter Anreiz zu sein.

Kann schon sein. Aber wer deshalb kommt, ist bei uns falsch. Das wird er nicht finden. Wer zu uns stoßen will, sollte andere Interessen haben.

Welche sollen das sein?

Zum Beispiel das Interesse an Freiheit. Und es wird Zeit, dass wird die wieder zurückgewinnen. Wir haben viel verloren in den letzten Jahren. Uns werden unsere Grundrechte genommen, und niemanden interessiert das. Weil ein weitgehend falsches Bild von uns zementiert worden ist.

Aber doch wohl auch durch eigenes Zutun? Es ist ja nur auch einiges passiert.

Ja, auch weil sich die Szene geändert hat. Wir haben uns viel zu sehr geöffnet. Jetzt stellen wir fest, es gibt Leute in allen Clubs, bei dem Bandidos, bei Gremium und auch bei uns, die da nicht reingehören. Es gibt viele der Alten, denen manches nicht mehr passt. Und die das heute als Fehler ansehen.

Was sind das für Leute, die nicht in die Clubs passen?

Das sind die, denen unsere Ideologie fehlt. Und oft die Schule, die jeder Hells Angel durchläuft, damit man sich gegenseitig kennenlernt. Es ist nicht akzeptabel, dass Leute ihr Business unter dem Deckmantel eines Rockerclubs machen, nur um eine starke Wand hinter sich zu haben. Das ist auch einer der Gründe, weshalb der Handel mit harten Drogen bei den Hells Angels verboten ist. Ich habe nichts dagegen, wenn einige ihr Geld machen. Einige betreiben Bordelle, manche davon verdienen gut. Das ist alles in Ordnung. Aber was nicht geht ist, wenn sich einige nicht aus eigener Kraft behaupten, sondern nur unter Ausnutzung oder auf Kosten des Clubs die Taschen vollmachen. Aber die werden das schon irgendwann begreifen und wieder verschwinden. Spätestens wenn die merken, dass ein Clubabzeichen eher geschäftsschädigend ist.

Man liest, dass es jetzt in den Rockerclubs einige Probleme mit Leuten gibt, die einen sogenannten Migrationshintergrund haben.

Migrant oder nicht, das ist nicht das Problem. In meinem Club in Stuttgart haben wir sechs Prospects, einer ist Serbe, einer Araber, einer Grieche und einer ist Italiener. Und wir haben einen Türken im Club. Aber sie leben alle unsere Ideologie. Deshalb passen sie zu uns. Es geht nicht um Nationalitäten, Hells Angels gibt es weltweit. Es geht um unterschiedliche Subkulturen. Die Streetgangs zum Beispiel, die jetzt überall entstehen und sich Abzeichen auf die Jacken nähen, leben nach ganz anderen Vorstellungen, die nicht unbedingt mit unseren vereinbar sind.

Sind das nicht auch Rocker, nur ohne Motorrad?

Nein, das sind ganz andere Leute, die ihr eigenes Ding machen. Für mich ist ein Rocker ohne Motorrad gar nicht vorstellbar.

Kuno Kruse