VG-Wort Pixel

Wie wir den Altkanzler sahen Als Helmut Schmidt in Bergedorf über einen Zaun sprang

Helmut Schmidt war auch deshalb ein Phänomen, weil er Menschen aus ganz unterschiedlichen Generationen für sich einnehmen konnte. Fünf stern-Journalisten und ihre Erinnerungen an den Politiker, Kanzler und Welterklärer.

Wer war Helmut Schmidt? In den Nachrufen ist von der Jahrhundertfigur die Rede. Vom Weltökonomen. Von der moralischen Instanz. Das Erstaunliche an Helmut Schmidt ist wohl, dass er die Menschen aus ganz unterschiedlichen Generationen für sich einnehmen konnte. Für die eine ist er Kanzler der Kindheit, andere haben ihn erst bei Beckmann oder Maischberger so richtig wahrgenommen, wo er blitzgescheit und dauerqualmend den jungen Leuten erklärt hat, wie das damals war mit Krieg, Schleyer und der FDP. Im stern erinnern sich fünf Kollegen, was Helmut Schmidt in ihren Augen so besonders machte.

Ruckzuck übern Zaun

von Marc Drewello

Helmut Schmidt ist in den 70er-Jahren in Hamburg-Bergedorf mit einem Polizeikommissar über einen Zaun gesprungen! Die Weltöffentlichkeit hat von dieser sportlichen Einlage zu Recht keinerlei Notiz genommen und auch für den damaligen Bundeskanzler war sie völlig bedeutungslos. Mir wird sie für immer im Gedächtnis bleiben.

Schmidt war von 1969 bis 1987 Abgeordneter des Wahlkreises Bergedorf. Im Bundestag verlieh er dem Stadtteil im Osten Hamburgs einen ungewöhnlichen Bekanntheitsgrad, denn dort wurde der gebürtige Barmbeker Schmidt-Bergedorf genannt, wenn auch nur zur Unterscheidung von zwischenzeitlich sechs Namensvettern im Bonner Parlament. Und die Bergedorfer liebten "ihren Kanzler". Fünf Mal wählten sie ihn mit absoluter Mehrheit zu ihrem Vertreter in Bonn.

Einer der größten Anhänger des "Sozis" war der Kommissar. Zeitlebens erzählte er immer wieder stolz von den Tagen, als er Schmidt bei dessen Besuchen im Wahlkreis 17 bewachte, und sie mit dem Sprung über einen Zaun den Weg zu einer Veranstaltung abkürzten.

Der Kommissar ist vor acht Jahren gestorben. Das letzte Buch, welches er vor seinem Tod geschenkt bekam, handelte von Helmut Schmidt. Ich habe es ihm geschenkt, sein Sohn. Für mich ist die Erinnerung an Helmut Schmidt auf ewig mit der Erinnerung an meinen Vater und meine Kindheit in Bergedorf verbunden.

Nun ist auch der Altkanzler tot. Womöglich treffen die beiden sich ja. Mein Vater wäre begeistert. Und vielleicht gibt es ja auch im Himmel Zäune.

Mit Trauerflor zur Schule

Von Lorenz Wolf-Doettinchem

An Willy Brandt als Kanzler habe ich keine Kindheitserinnerungen. Der Kanzler meiner Jugend hieß Helmut Schmidt. Er war für Atomkraft, ich dagegen; er erfand die Nachrüstung, ich habe gegen die Pershings demonstriert. Als 1982 die sozialliberale Koalition zerbrach, bin ich trotzdem mit einem Trauerflor zur Schule - der andere Helmut war doch noch viel schlimmer.

Als junger Journalist habe ich von Schmidt als Publizisten nicht viel gehalten - er schrieb damals im Wechsel mit Gräfin Dönhoff die Seite Eins der "Zeit" voll - wir nannten das an der Journalistenschule "die Grabplatte". Auch als Welterklärer in den Talkshows von Beckmann und Maischberger lag Schmidt für mich häufig daneben, etwa wenn es um Russland, China oder die Menschenrechte ging. Bei der Verleihung des nach ihm (kurioserweise schon zu Lebzeiten) benannten Journalistenpreises hatte ich mehrfach das Vergnügen Helmut Schmidt im kleinen Kreis zu hören. Und da beeindruckte er wirklich: durch seine berühmte Schnauze, Coolness und Kürze - eine im Journalismus vollkommen unterschätzte Tugend. Danke, Helmut Schmidt!

Was für ein Abgang

Von Volker Königkrämer

Mitten in dem Beifall der Union steht da dieser Mann auf, tritt aus den Bänken der Sozialdemokraten heraus und macht sich auf den langen Weg, um seinem Nachfolger Helmut Kohl zu gratulieren. Ein Handschlag, ein Nicken, ein paar knappe Worte – und dann war Helmut Schmidt als Kanzler Geschichte.

Es ist dieser Moment des Abgangs nach dem Misstrauensvotum der CDU, der mir in der Erinnerung an Helmut Schmidt am deutlichsten vor Augen ist. Weil – zumindest in der Rückschau – dieser 1. Oktober 1982 auch für mich persönlich ein Einschnitt war, Mit Schmidts Abgang, so scheint es mir heute, hat auch meine Kindheit geendet. Guillaume, Brandts Kanzlersturz autofreie Sonntage, Mogadischu, Schleyer – all diese Wegmarken der Bundesrepublik habe ich durch die naiven Augen eines Kindes wahrgenommen. Schmidt, das war zumindest in der frühen Phase mein "im Schlafanzug noch ein paar Minuten vor den Fernseher"-Kanzler. Ein Mann, dem meine Eltern, soweit ich weiß, bei der Wahl ihre Stimme anvertraut hatten.

Doch da war später auch der andere Schmidt. Der Mann von Nachrüstung und Nato-Doppelbeschluss. Jener Schmidt, der für aufkommenden Ängste vor Atom und Umweltzerstörung keine Antenne hatte. Der mir und meinesgleichen in den frühen 80ern beschied, wer Visionen habe, der solle bitte zum Arzt gehen.

Das mit dem Arzt habe ich gelassen, für die Visionen waren dann bald die Grünen zuständig. Aber den Moment, wo Schmidt aufsteht, und sich auf den langen Weg zu seinem Nachfolger macht, den werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Was für ein Abgang.

Wir kannten nur Helmut Kohl

Von Tim Sohr

In den Neunzigern kannten wir nur Helmut Kohl. Ich bin Jahrgang 1980, Kohl war Kanzler von '82 bis '98: meine gesamte Kindheit und Jugend lang. Über Helmut Schmidt wussten wir damals eigentlich nichts. Es war, als ob es vor Kohl niemanden gegeben hätte und als ob nach ihm keiner mehr kommen würde. Wir wuchsen mit der Saumagenmentalität des mächtigen Pfälzers auf, und wahrscheinlich wirkte Deutschland nie behäbiger als in den späten Kohl-Jahren. Es war uns damals natürlich nicht bewusst, aber auf einen Teenager kann so eine Republik kaum provinzieller und lähmender wirken.

Als ich Helmut Schmidt erst Jahre später als Talkshow-Gast so richtig wahrnahm, kam er mir deshalb auch vor wie ein Rebell: Sein zackiges Hanseatentum, die klaren Ansagen und das manische Gerauche – auf mich als Kind der Kohlzeit wirkte das so fremd wie faszinierend. Daraufhin habe ich mich auch mit seinem politischen Lebenswerk befasst. Inzwischen weiß ich, was für ein streitbarer, großer Politiker er war. Na gut, das war Kohl auch. Aber hätte ich im Nachhinein die Wahl, mit Schmidts cooler Kompetenz oder mit Kohls nuschelnder Beharrlichkeit groß zu werden – ich wüsste, für wen ich mich entscheiden würde.

Der Mann, der die Welt erklärt 

Von Felix Haas

Helmut Schmidt, der war auch mal Kanzler, klar. Aber für mich (Jahrgang '85) war er eigentlich erst einmal nur der Mensch von der "Zeit", der die Welt erklärt - im Blatt, auf politischen Veranstaltungen, in Talkshows. Einen Teenager vor dem Abitur musste der Mann schlichtweg beeindrucken. Er schien alles zu wissen, jeden zu kennen und - das Besondere: Sein Wissen konnte er perfekt verknüpfen, er schien nie eindimensional zu denken.

Schmidt trat also als intellektueller Vordenker in mein Leben. Erst nach und nach vervollständigte sich dann das Bild. Der Mann konnte offenbar nicht nur ganz gescheit denken, sondern hatte sein Leben lang mit angepackt. Doch so spektakulär und spannend ich dann später seine Biographie fand: Für mich war er bis zuletzt der weise, alte und irgendwie auch milde Schmidt.


Mehr zum Thema



Newsticker