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Hermann Scheer: "Wir müssen das Waffenrecht verschärfen"

Angehörige der Amoklauf-Opfer in Winnenden haben ein Verbot von Killerspielen und einen erschwerten Zugang für Jugendliche zu Waffen gefordet. Im stern.de-Interview plädiert der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer (SPD), in dessen Wahlkreis das Massaker stattfand, ebenfalls für strengere Waffengesetze.

Herr Scheer, Sie waren einen Tag vor dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden. Warum?

Das ist ja ein Schulzentrum in meinem Wahlkreis. Ich war in dem Schulzentrum, zu dem diese Schule gehört. Ich habe dort mit der klassenübergreifenden Arbeitsgemeinschaft Politik eine Diskussion geführt.

Alles war normal.

Alles war normal. Es war wie bei jeder anderen Schule auch. Mir ist überhaupt nichts Besonderes aufgefallen.

Vergangenen Mittwoch diskutierte der Bundestag in einer aktuellen Stunde über den Amoklauf. Viel mehr als Beileidsbekundungen war dort nicht zu hören. Ist das kein Fall für die Politik?

Es gibt bestimmte Dinge, die man nicht kurzfristig ändern kann. Dazu gehört, dass sich immer mehr "No-Future-Mentalitäten" aus Existenzängsten ausbreiten, die dann vereinzelt zu nihilistischen Exzessen führen.

Wir müssen also warten, bis die Ursachen überwunden sind?

Nein. Es gibt schon Möglichkeiten, einzugreifen. Wir müssen das Waffenrecht verschärfen.

Weil die Tatwaffe für Tim Kretschmer so leicht zugänglich war?

Gelegenheit macht Diebe, lautet eine alte Volksweisheit. Gelegenheit macht auch andere Taten. Glaubt jemand im Ernst, dass es auch zu den Amokläufen in Deutschland gekommen wäre, wenn die Täter vorher in ein Schützenhaus hätten einbrechen, die Waffe klauen und verstecken müssen? Mir leuchtet es nicht ein, dass rund acht Millionen Waffen in Privathaushalten herumliegen und es dazu keine Alternative geben soll.

Angela Merkels hat vorgeschlagen, künftig unangemeldete Kontrollen bei Waffenbesitzern durchzuführen.

Das bringt nicht viel. Es veranlasst die Leute nur dazu, das zu tun, was sie vom Gesetz her ohnehin tun müssen, nämlich die Waffen richtig weg zu schließen und zu codieren. Aber gibt es eine Gewähr dafür, dass nicht einer der Familienangehörigen diesen Code dann doch herausfindet? So schwer ist das im Regelfall nicht.

Niemand sollte eine Waffe privat mit nachhause nehmen können?

So ist es, zumindest im Sportschützen-Bereich.

Sie setzten sich auch für ein Verbot der so genannten Killerspiele ein. Warum?

Unabhängig von der Frage, ob diese Videospiele nun ursächlich für die Gewaltexzesse sind - darüber streiten sich viele Psychologen bereits seit vielen Jahren- ist auffallend, dass alle Amoktäter zu den Nutzern dieser Spiele gehörten. Das gilt übrigens nicht nur für Deutschland, sondern auch für Amerika. Allgemein stellt sich folgende Frage: Passen derartige Spiele in das Wertesystem einer humanitär ausgerichteten Gesellschaft? Passt es, dass Spiele, die zwangläufig zu Abstumpfung und Verrohung führen, quasi ohne Altersbeschränkung verbreitet werden? Es tut mir leid, aber das tut es nicht.

Wir sprechen von Spielen, nicht von Handlungsanleitungen.

Ja, aber durch diese Spiele werden Hemmschwellen unter Umständen entscheidend gesenkt.

Sehr gewalthaltige Spiele dürfen nicht an Menschen unter 18 Jahren verkauft werden. Reicht das nicht aus?

Was nützt dass, wenn trotzdem Zwölfjährige davor sitzen? Offenbar verfehlen die Verbote ihre Wirkung.

Waffen und Gewaltspiele entfalten erst im Gehirn eines psychisch kranken Menschen eine fatale Wirkung. Also liegt das Problem doch woanders.

Nein. Der Amoklauf Jugendlicher ist in dieser Form ein neuartiges Phänomen. Es ist eine Serie, die hier stattfindet. Da hat sich etwas verändert. Der leichte Zugang zu den Waffen bietet dem Täter im Grunde die Möglichkeit zum assoziativen Reflex. Die Hintergründe für eine solche Tat liegen in der Regel tiefer. Da braut sich untergründig etwas zusammen, was man manchmal gar nicht erkennt. Wenn sich diese Menschen dann auch noch verschließen und in eine virtuelle Scheinwelt begeben, in der die normalen Hemmungen zwischenmenschlicher Rücksichtsnahme verschwinden, entsteht ein im Grunde zwanghaftes Kompensationsbedürfnis. Dieses kann verschiedene Ausmaße annehmen, bis hin zu denen eines Amoklaufes. Das hängt von der psychologischen Disposition des Einzelnen ab, aber da liegt doch offensichtlich der Hintergrund.

Immer wieder werden Vorwürfe laut, die Medien würden die Täter durch ihre umfassende Berichterstattung zu Helden beziehungsweise Antihelden stilisieren und somit andere Menschen zur Nachahmung anregen. Was sagen Sie dazu?

Das ist ein Problem. Da ist ein Spannungsverhältnis zwischen Medienfreiheit und Verantwortung, das generell kaum aufhebbar ist.

Was genau meinen Sie mit "No-Future-Mentalitäten"?

Damit meine ich, dass Leute eine düstere Zukunftserwartung haben. Das betrifft zum Beispiel die Finanzkrise, die Massenarbeitslosigkeit oder die Klimagefahren. Es gibt eine Reihe existenzieller Gefahren, die man nicht einfach verleugnen kann. Daraus entstehen dann fast zwangsläufig "No-Future-Mentalitäten". Es ist ja nicht zufällig, dass die Selbstmordraten zunehmen. Es ist aus dem Gefühl individueller Aussichtslosigkeit heraus. Leute, die psychologische Problemfälle ganz besonderer Art sind, sagen sich dann, bevor ich gehe und nichts weiter als ein Namenloser gewesen sein will, komme ich zu Weltruhm, wenn ich andere mitnehme. Auch wenn ich den Ruhm nicht mehr selbst erlebe, meinen Namen wird man nicht vergessen. Es gibt nicht zufällig so viele Ankündigungen von Nachahmungen des Amoklaufes, auch wenn die meisten, Gott sei Dank, nicht ernst gemeint sind.

Können Sie sich erklären, was es denn für die Täter so attraktiv macht, mit so einer Tat in der Zeitung zu erscheinen? Die Zeitungen machen die Täter ja nicht zu Helden, sondern deren Taten werden allgemein eher geächtet.

Die Täter machen sich damit selbst zu Helden. Sie setzen darauf, dass die mediale Welt ihnen dabei hilft. Und zwar umso mehr hilft, je exzessiver die Tat wird. Denn eine kleine Tat interessiert keinen. Doch je exzessiver die Tat, desto mehr setzen sie darauf. Sie erwarten nicht, dass sie gelobt werden. Es geht ihnen schlicht und einfach darum, dass ihre Existenz zur Kenntnis genommen werden soll.

Sollte die Politik nicht angesichts der "No-Future-Mentalitäten" dafür sorgen, dass diese erst gar nicht entstehen können, anstatt das Waffenrecht zu verschärfen?

Das ist klar. Dann kommt die Stunde der politischen Wahrheit für diejenigen, die jetzt tiefsinnige, betroffene Reden halten, aber keine praktischen politischen Konsequenzen daraus ziehen. Dann sind wir bei den harten Konflikten wie der Energiewende. Weil die beschleunigt und ausgeweitet werden muss, von fossilen hin zu erneuerbaren Energien, damit dieser Klimawandel mit katastrophalen Folgen sich nicht noch weiter entwickeln kann. Dann kommt die Stunde der Wahrheit für viele, die jetzt im Grunde genommen tiefsinnige Reden halten, aber keine Konsequenzen daraus ziehen. Diese "No-Future-Mentalität" ist nicht nur ein Problem dieses einen jungen Nihilisten aus Winnenden. Das ist ein Problem, was weit verbreitet ist.

Was sollte die deutsche Politik ihrer Meinung nach ganz konkret tun, um gegen diese "No-Future-Mentalität" vorzugehen?

Die Politik auf die Abwendung der Zukunftsgefahren konsequent genug orientieren. Das muss sie tun. Es ist ja nicht nur der Klimawandel.

Denken Sie denn allgemein, dass die Politik überhaupt noch großen Einfluss auf die Jugend hat?

Auf die Gesellschaft auf jeden Fall. Auf die Jugend nicht zuletzt über die Bildungspolitik.

Trotzdem interessieren sich immer weniger junge Leute für Politik. Wie erklären Sie sich das?

Sie erwarten zu wenig. Außerdem gibt es ein zu pauschales Verständnis von der Politik. Es ist nicht so, dass Fehlentscheidungen unser aller Schuld sind. Es gibt immer eine konkrete Verantwortung dahinter. Wenn man diese jedoch verallgemeinert, ist das nichts weiter als ein Selbstfreispruch der tatsächlich für eine Fehlentwicklung Verantwortlichen. Das ist das Gegenteil von Aufklärung und richtiger Konsequenz.

Interview: Tina Schrezenmeir