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Honorarkämpfe: Kopfschütteln über Horrorszenarien der Ärzte

Drastische Worte sind im Milliardenpoker um die Versichertengelder keine Seltenheit. Doch die Hausärzte haben mit ihren Horrorszenarien Empörung ausgelöst. Patienten dürften von alledem weniger zu spüren bekommen, als alle Seiten behaupten.

"Betrug" ist noch eines der harmloseren Worte in dem kleinen Film des Hausärzteverbands. Die Funktionäre präsentieren eine eigene Straßenumfrage. "Traue keinem Politiker", sagt eine Frau. "Vielleicht kriegen wir irgendwann einen Strick und hängen uns auf", erklärt eine andere. Deutschlands Allgemeinmediziner wähnen den Volkszorn auf ihrer Seite, wenn sie um mehr Geld kämpfen. Doch was droht den Patienten wirklich?

Die Hausärzte sehen das so: Seit Jahren sind sie die Verlierer in den Honorarkämpfen der niedergelassenen Ärzte. Noch 2009 bekamen die rund 50 000 Allgemeinärzte nach offiziellen Zahlen nur 0,5 Prozent mehr Geld - während es im Ärzteschnitt 7,2 Prozent waren. Die Kassenärztlichen Vereinigungen schaffen es nicht, für genügend Hausärzte in Problemstadtteilen und vielen ländlichen Regionen zu sorgen. Da erschien es den Allgemeinärzten als Segen, dass die Kassen seit dem vergangenen Jahr spezielle Hausarztverträge abschließen müssen.

Mehr Geld für die Ärzte - mehr Zeit, behutsamere Arzneiverordnung, mehr Vorbeugung für die Versicherten. So lautet die Theorie. Für die Versicherten ist das Angebot freiwillig. Nach drei Jahren holen die Krankenkassen die Zusatzkosten durch effizientere Versorgung wieder rein, meint der Hausärzteverband. Führende Kassen gehen aber von 1,5 Milliarden, die Bundesregierung von 1,1 Milliarden Euro Mehrkosten aus.

Deshalb sollen künftige Hausarztverträge nur noch mit höherem Honorar einhergehen, wenn die Ärzte dabei Extras erbringen, sagt Gesundheitsstaatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU). "Gleiche Leistungen dürfen nicht in einem erheblichen Maße höher vergütet werden." Doch die Vorreiterverträge mit den AOKs in Bayern und Baden- Württemberg laufen Ende 2011 und Ende 2012 aus. Drohen den hier bereits beteiligten Ärzten dann Einbußen? "Laufende Verträge sind gesichert", sagt Widmann-Mauz. "Das ist alles sehr vage", kontert Verbandschef Ulrich Weigeldt.

Ausgerechnet FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler und Schwarz- Gelb machen in den Augen der Ärzte alles schlimmer. "Wir werden bald gar nicht mehr zu streiken brauchen", sagt Verbandsgeschäftsführer Eberhard Mehl. Auf dem Land gebe es bald keine Versorgung mehr. "Das wird viele Menschenleben kosten."

Erstmal wollen die Mediziner nun schrille Plakate mit dem Spruch "Der Bundesgesundheitsminister gefährdet Ihre Gesundheit" ins Wartezimmer und an Laternenmasten hängen. Praxisschließungen drohen den Patienten trotz entsprechender Ankündigungen aber wohl nicht in großem Umfang. Mehl: "Hausärzte tun sich schwer damit zu streiken." Und die Rückgabe der Kassenzulassung? Patienten könnten im Extremfall dann nicht mehr per Chipkarte zum Hausarzt. Doch auch das wird kaum passieren. "Aussteiger haben keine Rückkehrmöglichkeit", sagt Mehl.

Die Angriffe der Ärztefunktionäre schweißen die Fachpolitiker der Koalition in seltener Weise zusammen. FDP-Expertin Ulrike Flach sieht darin eine neue Qualität. "Hier wird Pulverdampf erzeugt, um Interessen zu kaschieren." Ihr CDU-Kollege Jens Spahn spricht von "höchst unglaubwürdigem Gejammer". Und Widmann-Mauz meint, der Verband kämpfe auf dem Rücken der Patienten für sich selbst. Nur von der CSU ist zunächst nichts zu hören. Parteichef Horst Seehofer will sich für die Hausärzte stark machen. Für Rösler - Streit mit den Christsozialen gewohnt - dürfte sich das nach Drohung angehört haben.

Was droht nun den Patienten durch die Sparpläne der Koalition? "Hausarztmodelle in ihrer bisherigen Ausgestaltung bieten für die Patienten keine bessere medizinische Versorgung", sagte der Leiter einer einschlägigen Studie der Bertelsmann-Stiftung vor einiger Zeit. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayern gehen Patienten dabei sogar häufiger zum Haus- und Facharzt. Weigeldt führt dagegen Schweizer Erfahrungen ins Feld, wo solche Verträge Klinikbehandlungen um fast ein Viertel zurückgehen ließen. Ob der Ärztemangel so behoben werden kann, steht aber in den Sternen. Selbst in Bayern mit seinem für die Allgemeinmediziner besonders günstigen Vertrag fällt es Landpraxen weiter schwer, Nachwuchs zu finden.

Basil Wegener, DPA / DPA