Imame Allahs Gastarbeiter


Versöhner oder Spalter: Rund 2400 Imame predigen in Deutschlands Moscheen. Was genau verkünden sie? Wie leben sie? Was denken sie über das Land der Ungläubigen? Ein Besuch bei den Stimmen des Propheten.

Auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzt eine Frau. Sie trägt ein Kopftuch. Neben ihr sitzt ein Imam, der Vorbeter der Ayasofya-Moschee in Essen. Ihr Ehemann. Die Frau lacht. Seit Minuten schon. Laut und ungebremst, dass das Sofa wackelt. Sie haut dem ehrwürdigen Imam auf den Oberschenkel: "Nee, Halit, so war dat nich. Lass mich dat erzählen." Hinter dem Sofa taucht plötzlich das Gesicht der ältesten Tochter auf. Sie zieht den Imam am Ohr. Jetzt wackelt das Sofa erst richtig, weil sich alle drei vor Lachen schütteln. Zu Hause beim Imam.

Halit Pişmek ist 33 Jahre alt, hat dunkelblonde Haare, helle Haut und blaue Augen. "Ich sehe nicht so aus, bin aber ein ganz normaler Türke", sagt er. Geboren und aufgewachsen ist er in einem Dorf an der Schwarzmeerküste. Seine Frau Zübeyde ist 33, wurde im selben Dorf geboren, wuchs aber in Essen auf, in einem typischen Bergmannshäuschen. Genau genommen im Nachbarhaus. Vor zwei Jahren haben sich die Pişmeks die Hälfte eines solchen Häuschens gekauft. "Ich hätte ja gerne was Modernes gehabt", sagt der Hausherr. "Aber meine Frau hat mir Druck gemacht."

Schon ist wieder Zeit fürs Gebet.

Pişmek küsst die Frau, die älteste Tochter und die Drillinge und macht sich auf den Weg zur Moschee. Papa muss auf Arbeit.

Halit Pişmek ist einer von etwa 2400 Imamen in Deutschland. So viele Moscheen gibt es hierzulande, und jede hat einen Vorbeter, der fünfmal am Tag das Gebet leitet und am Freitag predigt. Was genau sie ihrer Gemeinde dann verkünden, bleibt weithin unbekannt. Wie verhalten sich die deutschen Imame zum Beispiel jetzt beim Streit um die Karikaturen? Hetzen sie die 3,4 Millionen Muslime in Deutschland auf, oder besänftigen sie die Gläubigen? Und überhaupt: Was bewegt Imame? Was machen sie den ganzen Tag? Wie wurden sie ausgebildet?

"Eine Job-Beschreibung für Imame gibt es nicht", sagt Ursula Spuler-Stegemann, Religionswissenschaftlerin an der Uni Marburg. "Das ist alles überhaupt nicht festgelegt. Hundert Imame machen es hundertmal anders." Streng genommen ist Imam nicht einmal ein Beruf. Moscheen sind als ganz normale Vereine organisiert. Die mächtigen Männer sind nicht die Imame, sondern die Vereinsvorsitzenden. Wen sie berufen, der ist Imam. Welche Ausbildung er benötigt, wie viel Geld er bekommt, ob er überhaupt bezahlt wird, das handeln die Imame mit den Vereinsvorsitzenden aus.

"Reich wird man damit jedenfalls nicht", sagt Halit Pişmek. Er lebt von den Beiträgen der Vereinsmitglieder. Zwischen 1300 und 1500 Euro brutto könne ein türkischer Imam in Deutschland verdienen. "Mehr zahlt keiner." Zu wenig für eine sechsköpfige Familie. Regelmäßig muss er darum seinen Vater - einen Unternehmer in der Türkei - um Finanzspritzen bitten. "Wenn die Drillinge aus dem Gröbsten raus sind, will meine Frau wieder als Arzthelferin arbeiten." Gern würde er sich einen Nebenjob suchen. Aber das will sein Arbeitgeber, der Moschee-Verein, nicht. "In der Türkei ist das längst üblich", sagt Pişmek, macht eine kurze Pause und schiebt seinen Lieblingssatz hinterher. "Die Muslime sind ja so konservativ hier in Deutschland."

Pişmek hat in der Türkei islamische Theologie studiert. Vor acht Jahren folgte er seiner Frau nach Deutschland. Doch noch immer kann er sich nicht an die religiösen Ansichten seiner Gemeinde gewöhnen. Die Arbeiter, die vor 40 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kamen, waren "völlig ungebildet. Vor allem religiös. Die konnten nicht unterscheiden zwischen Tradition und Religion. Viele halten darum noch heute das Leben, wie es vor 60 Jahren in den türkischen Dörfern gelebt wurde, für ihre religiöse Pflicht. Absurd ist das." Wer gedacht hat, mit Halit Pişmek sei ein erzkonservativer Vorbeter von der hintersten Schwarzmeerküste gekommen, den nun das freie Leben hier schockiere, der irrt. Der blonde Imam bringt den Deutschtürken bei, was Modernität im Islam bedeutet.

Wie fast alle Imame

der Welt predigt auch Pişmek in diesen Wochen über den Karikaturen-Streit. "Natürlich tun die Zeichnungen uns weh. Aber ein Grund für Gewalt sind sie nicht." In seiner Predigt hat er zur Besonnenheit aufgerufen. "Das war aber nicht nötig. Die Muslime in Deutschland haben Erfahrung mit Meinungsfreiheit. Darum können wir die Karikaturen einordnen. Im Iran, Pakistan oder in Syrien ist Meinungsfreiheit komplett unbekannt. Und die Leute drehen durch." Er überlegt einen Moment. Dann sagt er: "Aus unserer Moschee würde deswegen keiner gewalttätig werden. Darauf bin ich stolz."

Im vergangenen Jahr hat Pişmek eine Polizeibeamtin in die Moschee eingeladen, die einen Vortrag zur "häuslichen Gewalt" hielt. Der Imam arbeitet zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt, der Stadtverwaltung, den Sportvereinen und mit seinen Kollegen, den katholischen und evangelischen Geistlichen. "Ich sehe mich und meine Gemeinde als Teil der deutschen Gesellschaft", sagt Pişmek. Und genau das macht den Imam Halit Pişmek zu einer absoluten Ausnahme unter den Imamen in Deutschland.

Weil hierzulande keine Imame ausgebildet werden, müssen sie aus dem Ausland geholt werden. Die Moschee-Vereine suchen ständig Nachschub - im Internet und über Makler in der Heimat. Die meisten dieser Wanderprediger kommen für ein paar Jahre nach Deutschland, um sich ein paar Euro dazuzuverdienen. Dann kehren sie in die Heimat zurück. Es sind Allahs Gastarbeiter. In ihrem Leben ist Deutschland eine Durchgangsstation.

Ein solcher Gast-Imam ist Harun Bulut von der Sehitlik-Moschee, der größten Moschee in Berlin. Er ist Angestellter des türkischen Staates, von dem er auch bezahlt wird, denn seine Dienst-Moschee gehört zu "Ditib", einer Organisation der türkischen Regierung. Ihre Imame unterstehen den Konsulaten. Ditib ist mit Abstand die größte islamische Organisation in Deutschland und kontrolliert etwa 870 Moscheen. Unter ihnen ist die Berliner Sehitlik-Moschee, in der Harun Bulut predigt, eine der prachtvollsten. Ein Prunkbau, gezeichnet von einem internationalen Star-Architekten der Moscheeszene. Allein an den Marmorverzierungen im Gebetsraum haben türkische Spezialisten fast ein Jahr gearbeitet. Vom Minarett aus hat man einen herrlichen Blick über die Hauptstadt des Islam in Deutschland, mit rund 250 000 Muslimen. "Ich bin sehr stolz auf diese Moschee", sagt Bulut. Eigentlich sagt es der Übersetzer, denn Bulut spricht kaum Deutsch.

Für Ditib-Imame ist Deutschland ein berufliches Sprungbrett. Auf eine Stelle bewerben sich zehn Kandidaten. Und Harun Bulut wurde nicht an irgendeine, sondern an die deutsche Vorzeigemoschee versetzt. Hierher kommen nur Karriere-Imame. Gerade hat er wieder ein Interview für das türkische Fernsehen gegeben. Bulut ist 45 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Bevor er nach Berlin kam, war er schon 20 Jahre lang Imam in der Türkei. Stets vier Jahre dauert bei Ditib eine Imam-Dienstzeit in Deutschland. Dreieinhalb Jahre hat er schon rum. Und dann? Wer sich in der Sehitlik-Moschee in Berlin bewährt, darf auf einen Posten an einer der großen Moscheen in Istanbul hoffen. Inschallah.

Was nimmt der Imam an Erfahrungen mit in die Türkei? Bulut überlegt. Lange. Er lächelt verlegen. Die meiste Zeit des Tages sei er ja hier, in der Moschee. Schließlich fällt ihm doch noch etwas ein: "Wie sie hier in Deutschland mit Behinderten umgehen. Überall gibt es Behindertenparkplätze, auch vor der Moschee." Über drei Jahre Deutschland, und den größten Eindruck machen Behindertenparkplätze.

Imame wie Harun Bulut leben nicht in Deutschland. Sie halten sich hier nur auf. Sie sind eben kein Teil der deutschen Gesellschaft. Und viele Imame und Moscheen helfen ihren Gläubigen nicht dabei, die Beziehungen mit der deutschen Gesellschaft zu vertiefen. Im Gegenteil: Sie ermöglichen ihnen erst ein Leben in der Parallelwelt. In den Moscheen gibt es Kinderbetreuung, Beerdigungsinstitute, Geschäfte, Buchläden, Reisebüros oder Teestuben. Oft sind Moscheen nicht nur Teil der Parallelwelt, sondern ihre Organisatoren, ihr logistisches Zentrum.

"Gehe se bloß net in die Drecks-Moschee", warnt im breitesten Hessisch ein alter Mann, der vor der pakistanischen Moschee in Frankfurt steht. "Isch bin Türke und selber Moslem. Aber des is doch eine Schande für de Islam. Was da für Type rumlaufe. Die sehe doch aus wie de bin Laden." Die "Drecks-Moschee" ist ein Drei-Zimmer-Gebetszentrum im ersten Stock eines heruntergekommenen Altbaus mitten im Frankfurter Bahnhofsviertel. Im Hinterhof stapelt sich der Müll. Die Mauern sind bis auf Kniehöhe mit Urin voll gesogen. Die Nachbarn der Pak-Dar-ul-Islam-Moschee sind Junkies, Huren und Zuhälter. Deutschlands Herz der Finsternis.

Anfang Januar 2005 landete Hasnat Ahmad Murtaza aus Pakistan auf dem Frankfurter Flughafen. Die "Brüder" fuhren ihren neuen Imam ins Bahnhofsviertel, zur Pak-Dar-ul-Islam-Moschee. "Nein, mich hat nicht überrascht, wie es hier aussieht. Wir Muslime wissen darüber Bescheid." Aus der Perspektive des neuen Imam sieht Deutschland genau so aus, wie islamistische Eiferer den Westen darstellen. Der 29-jährige Imam spricht kein Wort Deutsch, fast kein Englisch, er ist kaum einen Monat in Deutschland und hat die sichere Moschee seitdem noch nicht verlassen. Doch er weiß, was das Problem seiner neuen Nachbarn ist: "Sie glauben nicht an den Islam."

In Frankfurt ist für den jungen Imam das Internet sein Fenster zur Heimat, zur islamischen Welt. Und dort, im Internet, hat er von den Karikaturen des Propheten erfahren. "Das ist natürlich eine Beleidigung aller Muslime. Meine Wut ist groß. Zu Hause in Pakistan würde ich sicher auch demonstrieren." Und hier? "Was sollen wir tun? Ihr Europäer versteht unseren Islam einfach nicht." Unsicher schaut der Imam hinüber zu Mohammad Saleem, dem Generalsekretär der Moschee. Zu seinem Arbeitgeber. Was darf er sagen? Was nicht? Schließlich antwortet der Chef für ihn: "Wir sind in dieser Gesellschaft in der Minderheit. Mehr will ich dazu nicht sagen."

In der Nacht hat der Imam seine E-Mails abgerufen und erfahren, dass seine Frau seine zweite Tochter zur Welt gebracht hat. Zwei Jahre wird es dauern, bis er sie sieht. In dieser Zeit wird die Moschee sein Universum sein. Die Vereinsmitglieder haben ihm eine Kammer mit Matratze, Kochplatte und Toilette abgetrennt. Pakistanischer Standard. In Deutschland muss der Imam kochen lernen. "Zu Hause machte das meine Frau und vorher meine Mutter." Die meiste Zeit wird er hier allein verbringen, den Koran lesen und seine Familie vermissen. Nur zu den Gebeten am Nachmittag kommen ein paar Glaubensbrüder.

Von Deutschland

wird er nichts sehen. Seinem Vorgänger-Imam, dem Pakistani Ahmad Shad, erging es ebenso. "Ich war mit Brüdern am Ufer des Mains", berichtet er. "Mehrmals!" Und dreimal nahmen die Brüder ihn mit zu islamischen Treffen in anderen Städten. Dreimal in zweieinhalb Jahren. Wenn der Imam aus dem Klofenster in den Hinterhof schaut, sieht er die Eingänge von zwei weiteren Moscheen, die beide von Muslimen aus Bangladesch besucht werden. Im Nachbarhaus betet eine marokkanische Gemeinde. Nicht nur in Frankfurt, in den miesen Wohngegenden vieler deutscher Städte findet man solche Moscheen, die sich im Hinterzimmer einen Vorbeter aus der Heimat halten. Die Vereine haben meist zwischen 100 und 200 Mitglieder, die monatlich in der Regel zwischen fünf und 20 Euro spenden - viel zu wenig, um den Imam ordentlich zu bezahlen. Oft reicht es nicht mal für Sozialhilfeniveau.

Für Halit Pişmek, den türkischen Imam in Essen, ist die Seelsorge die wichtigste Aufgabe neben dem Gebet und der Predigt. Sein Rat ist gefragt bei Familien- und Alltagsproblemen. Was hingegen sollte sein pakistanischer Kollege Hasnat Ahmad Murtaza den Gläubigen raten bei ihren Problemen in der Welt dort draußen, von der er nichts weiß? Imam Murtaza ist kein Seelsorger. Er ist ein Lohn-Prediger. Er ist wie ein deutscher Geschäftsreisender in Pakistan, der mit der Limousine zwischen Flugplatz, Hotel und Bürogebäude hin- und hergefahren wird und dabei seine Welt niemals verlässt.

"Wie ein Imam nach Deutschland kommen und sich dann nicht für dieses Land interessieren kann, das kann ich nicht nachvollziehen", sagt der Iraner Seyyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami. Er ist Imam der Imam-Ali-Moschee in Hamburg und ein echter Ayatollah. Das ist der höchste Rang für einen schiitischen Geistlichen, vergleichbar mit einem Kardinal in der katholischen Kirche. Hosseini Ghaemmaghami ist der einzige Ayatollah in Deutschland und mit 37 Jahren der jüngste der Welt.

Wenn das Frankfurter Bahnhofsviertel Deutschlands letzte Adresse ist, dann ist die Imam-Ali-Moschee die erste Adresse. "Schöne Aussicht" heißt die Straße direkt an der feinen Hamburger Außenalster. Zusammen mit einer Akademie und einer wertvollen Bibliothek bildet sie das "Islamische Zentrum Hamburg" (IZH). Im Gebetsraum der Moschee liegt ein riesiger, runder, handgeknüpfter Teppich, auf dem an hohen Feiertagen schon mal über 2000 Gläubige beten. Jeder Raum, jeder Winkel der weitläufigen Anlage zeigt dem Besucher: Geld bereitet dieser Gemeinde keine Sorgen.

Das IZH ist nicht nur eine Moschee, sondern auch eine Außenstelle der iranischen Mullahs, die seit vielen Jahren vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Revolutionsführung im Iran hat einen ungewöhnlich liberalen Gelehrten nach Deutschland geschickt. Außer dem Gewand und dem Bart erinnert bei ihm wenig an das Mullah-Regime, das einst eine Fatwa gegen Salman Rushdie erließ. Fatwas, religiöse Urteile, dürfen nur Ayatollahs aussprechen. Nach den Anschlägen in London im Juli vergangenen Jahres hat auch der Hamburger Ayatollah davon Gebrauch gemacht und eine Fatwa erlassen. Gegen religiöse Terroristen. Die Täter erwarte "die härteste Strafe Gottes, und sie werden in die Hölle verbannt".

Die Verbindung des Hamburger Ayatollahs zu Deutschland ist schon jahrzehntealt. Zu Zeiten des Schah-Regimes bekam er als Schüler ein Begabtenstipendium der deutschen Botschaft. Und später hat er neben islamischer Theologie noch Philosophie studiert. "Ich habe eine große Liebe zu den deutschen Philosophen", sagt er. Gern wäre dieser Imam ein anerkannter Teil der deutschen Gesellschaft. "Ein Geistlicher, der sich nicht für die Gesellschaft interessiert, in der er lebt, kann kein guter Geistlicher sein."

Mit Sorge beobachtet

der Ayatollah die Folgen des Karikaturen-Streits in Deutschland. "Zurzeit werden unter einigen muslimischen Gruppierungen extremistische Ansichten vertreten, wonach die Integration ein unerreichbares Ziel sei. Muslime werden aufgefordert, die Mehrheitsgesellschaft zu bekämpfen." Natürlich verurteilt auch der Ayatollah die "Beleidigungen und Verhöhnungen des Propheten Mohammed. Diese Ereignisse dürfen aber nicht zum Anlass genommen werden, sich zu gesetzeswidrigen und aggressiven Handlungen hinreißen zu lassen". Trotz des Streits hält Hosseini Ghaemmaghami die Integration der Muslime und des Islam in die europäischen Gesellschaften für notwendig. "Für beide Seiten. Dabei geht es aber nicht um einen Islam, wie er im Iran gelebt wird. Der Islam ist in allen Ländern unterschiedlich. Überall muss er sich an die Gesellschaft anpassen. Und genau so müssen wir es auch in Deutschland machen. Wir brauchen einen Islam deutscher Prägung."

Walter Wüllenweber print

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