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Integration: Horst Seehofers Blutgrätsche

Welcher Teufel reitet den CSU-Chef gerade? Selbst Parteikollegen sind ratlos. Denn Seehofers Polemik gegen muslimische Einwanderer ist nicht haltbar. Weder politisch noch juristisch.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Kann man schlimmer Foul spielen als der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer? Nein, böser und zugleich dümmer geht es nicht.

Da spielen in Deutschland geborene Türken mit deutschem Pass im Berliner Olympiastadion gegen in Deutschland aufgewachsene Türken mit türkischem Pass wunderbar freundschaftlichen Fußball. Der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan sitzt neben der deutschen Kanzlerin Angela Merkel auf der Tribüne - und beide bewundern die integrative Leistung, mit der ein an sich hoch emotionales Fußball-Länderspiel halbwegs harmonisch von allen Beteiligten gemeistert wird.

Der Teufel des Populismus

Und dann biegt - wieder einmal - Horst Seehofer um die Ecke und legt, fußballerisch betrachtet, eine Blutgrätsche auf den politischen Rasen, die eigentlich nur mit einem Platzverweis geahndet werden könnte. Keine Zuwanderer mehr aus der Türkei und keine aus arabischen Ländern, wo die Muslime herkommen, ruft er. Und ermuntert all jene, die in Sarrazins Mannschaft spielen, jetzt erst recht gegen die Integrationspolitik der Bundesregierung zu treten. Gegen Bundespräsident Christian Wulff, gegen Merkel und ihre Integrationsbeauftragte Maria Böhmer. Selbst der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestags, Wolfgang Bosbach, winkt ratlos bei der Frage ab, ob er denn wisse, welch populistischer Teufel den CSU-Chef politisch gerade antreibe.

Irgendeinen Sinn macht Seehofers pauschales Gerede nicht. Was will er denn erreichen? Er weiß doch ganz genau, dass fast alle türkischen Zuwanderer derzeit über die Brücke der Familienzusammenführung in die Bundesrepublik kommen. Und zudem müssen sie zuerst einen Sprachtest absolvieren, um ihre Chancen auf Integration zu verbessern. Sperrte man diese Brücke, würden die Verfassungsrichter in Karlsruhe sie unverzüglich wieder freigeben. Freigeben müssen.

Abwanderung in die Türkei

Ein weiteres Argument spricht gegen Seehofer. Zurzeit gehen mehr Türken in ihre Heimat zurück als kommen. Es handelt sich dabei meistens um zweisprachig aufgewachsene, in Deutschland ausgebildete Facharbeiter, die in der Heimat ihrer Eltern hochwillkommen sind und sehr gute Beschäftigungschancen besitzen. Das sind exakt jene Fachkräfte, auf die die Bundesrepublik in Zukunft dringend angewiesen ist. Wenn Seehofer dies unbekannt sein sollte, könnte er mal bei der Bundesagentur für Arbeit nachfragen.

Aber natürlich interessiert ihn das nicht die Bohne. Er wollte mal wieder von sich reden machen, ohne zu wissen, was er eigentlich will. Eben mal wieder rausgeschwätzt. Seehofer tut sich offenbar sehr schwer damit, dass die Kanzlerin sich vorgenommen hat, die schwarz-gelbe Koalition nach einem Jahr des Herumstreitens auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Dass die Regierung bisher einen überaus chaotischen Eindruck gemacht hat, daran waren die CSU und ihr Vorsitzender maßgeblich beteiligt. Offenbar will Seehofer dergestalt weiterspielen. Weil er hofft, damit die CSU in den Umfragen endlich wieder über die 40-Prozent-Marke zu hieven?

Özil Guttenberg

Auf Blutgrätsche steht im Fußball die rote Karte. Also vom Platz mit Seehofer. Karl-Theodor zu Guttenberg könnte in der CSU locker den Özil machen.