Integrationsdebatte Erdogan beleidigt seine Gastgeber


Deutschland braucht keine türkischen Schulen. Damit Migrantenkinder bessere Chancen bekommen, an der deutschen Gesellschaft teilzunehmen und sich wirklich zu integrieren, bedarf es ganz anderer Dinge. Wer die deutsche Sprache nicht beherrscht, ist zu einem Leben im Ghetto verurteilt.
Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Es ist erfreulich, dass sich die deutschen Parteien zur Abwechslung endlich mal wieder einig sind. Einig in der Ablehnung der Forderung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan nach türkischsprachigen Schulen in der Bundesrepublik. So wohltuend sich der türkische Gast am Rande der Feuerkatastrophe in Ludwigshafen geäußert hatte, so unakzeptabel ist seine Warnung vor einer Assimilation der hierzulande auf Dauer lebenden Türken. Sie sei ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagte Erdogan.

Das ist eine rundum unsinnige Behauptung, ja, eine Beleidigung seiner Gastgeber, für die er sich zu Recht eine Abmahnung der Kanzlerin und ihrer Integrationsbeauftragten Böhmer eingefangen hat. Gut auch, dass sich SPD-Generalsekretär Hubertus Heil ohne Zögern und Abstriche hinter die Kritik an Erdogan gestellt hat.

Keine türkischen Schulen

Wir brauchen keine türkischen Schulen in Deutschland für die Kinder der Deutsch-Türken oder der Türken mit Daueraufenthaltsrechten. Wir benötigen ein Bildungssystem, durch das auch die Kinder mit Migrationshintergrund eine faire Chance bekommen, in ihrem späteren Leben in der Bundesrepublik ihren Lebensunterhalt zu verdienen und an ihrer Gesellschaft teilnehmen zu können.

Die wichtigste Voraussetzung dafür ist die Beherrschung der deutschen Sprache, denn ohne sie gibt es keine angemessene Integration. Mit irgendeiner Deutschtümelei hat das nicht das Geringste zu tun. Aber die arbeitsteilige Gesellschaft setzt nun einmal die Beherrschung ihrer kommunikativen Wege voraus. Wer da nicht gerüstet ist, landet unweigerlich in der Isolation. Ist verurteilt zu einem Leben im Ghetto.

Deutsch im Kindergarten

Assimilierung und Integration setzen Beherrschung der Landessprache voraus. Wer daneben noch eine Zweitsprache mitbringt, der ist zu loben, vorausgesetzt er beherrscht Deutsch nicht nur in Stümmelsätzen. Wie schön wäre es daher gewesen, wenn Erdogan doch gefordert hätte, dass in der Bundesrepublik in den Kindergärten endlich auch Sprachunterricht in Deutsch angeboten wird, mit dem Migrantenkinder ihre Nachteile beim Start in diese Gesellschaft ausgleichen könnten. Das würde ihre Chancen erheblich verbessern.

Die Bundesrepublik muss darauf bestehen, dass in deutschen Schulen grundsätzlich Deutsch gesprochen, gelernt und gelehrt wird. Das sagt allerdings nichts gegen den Gedanken, verstärkt auch bilinguale Schulen zuzulassen, die es ja auch längst gibt, sei es mit Englisch als Zweitsprache, mit Französisch oder Griechisch. Bilinguale deutsch-türkische Lehrgänge gibt es ohnehin bereits. Bilinguale Schulen sind in einer globalisierten Welt von weit reichender Bedeutung - vorausgesetzt, dass die zum Bildungserfolg erforderlichen Deutschkenntnisse überhaupt vorhanden sind.

Ein bisschen Wahlkampf

Daran aber hapert es bei vielen türkischen Kindern, weil ihre Eltern von Politikern wie Erdogan, die für ihre konservative Politik in der Türkei bei den hier lebenden, wahlberechtigten Türken ein bisschen Wahlkampf machen, auch noch in ihrer oft selbst gewählten sprachlichen Isolation bestärkt werden.

Erdogan gewinnt mit derartigen Forderungen und integrationsfeindlichen Appellen keine Freunde im Ringen um eine EU-Vollmitgliedschaft der Türkei. Im Übrigen wollen wir ihn in diesem Zusammenhang an den Umgang seiner Regierung mit anderen ethnischen Gruppen wie den Kurden erinnern. Da wird Diskriminierung pur betrieben. Und was die Behinderung von Menschen nicht-islamischen Glaubens in der Türkei betrifft, so bietet sich Erdogan zuhause ein weites Betätigungsfeld, auf dem er Korrekturen bewirken könnte.

Wie in der Türkei mit Minderheiten umgesprungen wird, daran können wir Erdogan nicht hindern. Aber bei uns eine Art türkischen Kleinstaat in der Bundesrepublik zu propagieren, das muss sich auch der nicht gefallen lassen, der ausländischen Besuchern ein höflicher Gastgeber sein will. Insofern war das Nein zu türkischen Schulen der Parteien berechtigt. Man muss ja nicht gleich zu der Übertreibung des CSU-Vorsitzenden Erwin Huber greifen, der jetzt vorschlägt, die Beitrittsverhandlung gleich ganz abzublasen.


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