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Internet-Wahlkampf: "Günther, i mog di"

Die deutschen Parteien stürmen nach US-Vorbild ins Netz, um Wähler zu gewinnen - und produzieren Peinlichkeiten. Oder will jemand erfahren, ob SPD-Generalsekretär Hubertus Heil gerade Steak gegessen hat? Die bislang unterhaltsamste Kampagne hat die Junge Union Bayern für Ministerpräsident Günther Beckstein lanciert.

Von Anne Meyer

Man kann Günther Beckstein in Dirndl, Lederhose oder Surferoutfit unterstützen, mit Pumps, Wanderschuhen oder Aldiletten. Für den Wahlkampf im Freistaat hat sich die Junge Union Bayern ganz was Putziges ausgedacht: Wer dem Ministerpräsidenten beispringen möchte, kann sich im Internet einen Avatar nach den eigenen Vorlieben zusammenbasteln und mit diesem Alter Ego dann verkünden, warum er oder sie "den Günther" wählen wird. Die Begründungen reichen von "Weil i di mog" über "Rote Socken passen nicht zur Tracht" bis zu trockenen Ausführungen zur Qualität der bayerischen Bildungspolitik. "Wir möchten bei den Usern eine bessere Identifikation erreichen und bewirken, dass sie selbst aktiv werden", sagt Bernhard Kuttenhofer, Landesgeschäftsführer der Jungen Union in Bayern und Initiator der Webkampagne. Knapp 1800 Unterstützer haben sich bislang auf der Fanseite verewigt.

Entpuppen sich die konservativen CSU-Jünglinge als Speerspitze im deutschen Online-Wahlkampf? Keineswegs, sagt Christoph Bieber, Forscher am Zentrum für Medien und Interaktivität der Universität in Gießen. Zwar hat Kuttenhofer mit dem Dirndl-Avatar ein neckisches Detail für die geschaffen. "Im Prinzip ist die Form der Unterstützerseite aber nicht neu, sondern bereits Standard", so Bieber – es handelt sich um eine Wiederauflage vom "Team Angela" aus dem Bundestagswahlkampf.

Keine Fragen an Kurt Beck

Die 1800 Web-Unterstützer sind eine peinlich kleine Zahl. Mit Communities wie Facebook oder StudiVZ könnte man die potentielle Wählerschaft in einer ganz anderen Größenordnung erreichen, doch die deutschen Parteien sind darin nur sehr schwach vertreten. Im viel zitierten und gelobten US-Wahlkampf sieht das laut einer Studie der amerikanischen Denkfabrik PEW ganz anders aus: Zwei Drittel aller US-Bürger unter dreißig verfügen über ein Social Network-Profil, und die Hälfte davon bekommt oder verbreitet darüber politische Kampagnen.

Wie sich dieser Kanal stärker nutzen ließe, darüber "haben wir im Detail noch nicht nachgedacht", gibt Kuttenhofer zu. Dass die Junge Union diese Möglichkeit vernachlässigt, sieht Bieber als "großen Fehler" an - zumal die etwas verkrampft jugendlich daherkommende "Team Beckstein 08"-Kampagne seiner Meinung nach besser in den einschlägigen Communities aufgehoben wäre. "Zur nächsten Bundestagswahl", glaubt er, "wird aber auch dort etwas passieren."

Nun haben es die deutschen Politiker aber auch nicht gerade leicht: Erst machte sich der "Spiegel" über die ungelenken Versuche einiger Politiker lustig, per Youtube-Videobotschaft auf sich aufmerksam zu machen. Die Aktion Fragen an Kurt Beck wurde wegen totalen Desinteresses vorläufig eingestellt. Auch bei der CDU sieht es nicht viel besser aus. In der ersten Folge der "Dialogtour", einem Videotagebuch von Ronald Pofalla, preist die technikbegeisterte Angela Merkel noch die Vorzüge des Mediums an: "Die bewegten Bilder zeigen die Dynamik und geben einen Eindruck von der Atmosphäre." Doch es hilft nichts. Über ein paar Hundert Aufrufe am Tag kommt die "Dialogtour" nicht hinaus.

Kein Sushi für Hubertus Heil

Dann trat SPD-Generalsekretär Hubertus Heil auf den Plan: Über den Blog Twitter meldet er sich regelmäßig vom Parteitag der Demokraten zu Wort und beantwortet die Fragen anderer Blogger. Die Anhänger Clintons seien "sauer" gewesen, dass Hillary nicht als Vize benannt wurde, schreibt Heil, und dass Michelle Obamas Rede ein "Kracher" gewesen sei. Man ahnt es bereits: Auch der kühne Ausflug des Generalsekretärs in die Welt der Blogger wird allseits mit Häme bedacht. Einige Nutzer befinden den Ton als unangemessen für einen ordentlichen deutschen Politiker.

Es scheint, als seien die Bedenken gegenüber dem Internet und seinen neuen Kommunikationsmöglichkeiten hierzulande noch erheblich. Wer Heils Tagebuch liest, versteht allerdings sofort, warum es so schwer fällt, sich mit Spott zurück zu halten. Und will man wirklich wissen, ob Heil Sushi oder Steak zum Abendessen hatte? "Bevor ich jetzt schlafen gehe", notiert er, "noch ein Geständnis: Gebe zu, den Sushi-Vorsatz von gestern nicht realisiert zu haben." Gute Nacht, Hubertus!

US-Politik beackert Internet

Warum will es in Deutschland einfach nicht klappen mit dem Online-Wahlkampf? Warum sieht sich jeder dritte US-Amerikaner regelmäßig Wahlkampf-Videos auf Youtube an, während Pofallas Videotagebuch im Netz versauert? Der permanente Vergleich mit dem US-amerikanischen Wahlkampf sei nicht nur unfair, sagt Bieber, sondern "geradezu unseriös". Denn in Übersee läuft die Kampagne seit Januar 2007, "seitdem wurde das Feld Internet systematisch beackert. Nun können die Politiker die Früchte ihrer Arbeit ernten."

Innerhalb von fast zwei Jahren konnten die Parteien einen enormen Datenstamm aufbauen, sie konnten Erfahrung in der Ansprache über das Netz gewinnen. In Deutschland ist der Wahlkampf wesentlich kürzer; besonders kurz wird er wohl im kommenden Jahr unter der Großen Koalition, die noch eine ganze Weile Schönwetter machen wird. Außerdem ist der Wahlkampf in den USA wesentlich teurer, den deutschen Parteien steht nicht annähernd so viel Geld zur Verfügung. Bis zur kommenden Bundestagswahl werden Merkel und Beck mit ihrer Internetpräsenz also kaum mit den Kollegen aus den USA gleichziehen können. Vermutlich wird der Bundesrepublik ein weiterer langweiliger Wahlkampf bevorstehen. Aber wenigstens wissen die Bürger jetzt, um wie viel Uhr der SPD-Generalsekretär ins Bett zu gehen pflegt.