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Franziska Heinisch "Das Ziel ist, dass am Ende mehr Menschen links sind"

Ein Portrait der Autorin Franziska Heinisch
Franziska Heinisch wurde 1999 in Hagen geboren
© Steffen Jänicke
Franziska Heinisch ist 21, zweifache Buchautorin und kämpft als Aktivistin gegen den Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit. Dabei will sie nichts anderes als die große Machtverschiebung und den sozialen Umbruch.

Sie ist links, und das auch noch radikal, wie Franziska Heinisch selbst sagt. Die 21-Jährige schreibt Bücher, engagiert sich in Initiativen wie "Justice is Global Europe" und läuft auch schon mal von Haustür zu Haustür, um die Menschen nach ihren politischen Einstellungen zu fragen. Denn für Heinisch ist Austausch alles – und der darf auch gerne mal unbequem sein. Am 10. Mai erscheint ihr Buch "Wir haben keine Wahl. Ein Manifest gegen das Aufgeben."

Erinnern Sie sich an einen bestimmten Moment, der Sie politisiert hat? 

Das war eher ein steter Prozess. Ich bin in Hagen aufgewachsen. In Dortmund gibt es eine starke rechte Szene und über Freund:innen habe ich regelmäßig mitbekommen, was es heißt, sich gegen Rechts zu engagieren und möglicherweise in der eigenen Stadt verfolgt zu werden. Soziale Gerechtigkeit hat mich immer angetrieben und Ungerechtigkeit wütend gemacht. Das hat mich motiviert, mich mit Politik auseinanderzusetzen und auch meine eigene Rolle in diesem politischen System begreifen zu wollen, sie vor allem auch ändern zu wollen. 

Wenn man über solche Zusammenhänge spricht, das habe ich auch bei Ihrem Buch, festgestellt, landet man schnell beim großen Ganzen. Ist das denn immer gut?

Wenn es darum geht, dass das große Ganze die systemischen Ursachen von Krisen oder Zuständen sind, dann muss es das große Ganze sein. Wir sprechen meistens über Politik, als hätte sie nichts mit uns zu tun. Aber hinter jeder politischen Krise, hinter jeder Ungerechtigkeit, stecken Menschen, die diese betrifft. Aber wir wollen oftmals nicht wahrhaben, dass die große Ebene des Systemischen verbunden ist mit der ganz persönlichen Ohnmachtserfahrung. In dem Moment, da wir das begreifen, entsteht politische Kraft. Auf der einen Seite heißt das, die Probleme nicht weniger komplex zu machen, als sie sind. Und auf der anderen Seite aber auch, das Persönliche politisch zu machen und vice versa. Ich habe für das Buch viele Gespräche geführt und immer, wenn wir über die persönliche Ebene der gesellschaftlichen Situation gesprochen haben, stellte sich heraus: Menschen haben große Bereitschaft zur Veränderung – wenn sie denn Hoffnung verspricht. 

Vor der Pandemie hat man wohl selten so direkt und auch schnell verspürt, was politische Entscheidungen für Konsequenzen haben. Könnte die Pandemie damit vielleicht auch eine positive Konsequenz haben, indem Politik nahbarer wird? 

Ich würde gerade sagen, dass Politik auf tragische Weise nahbarer geworden ist. Gerade in der Pandemie ist klarer geworden, wer gerettet wird, wer Boni bekommt, wer systemrelevant scheint und wer nicht. Warum wird an Kinder und Jugendliche gar nicht gedacht? Warum wird Einsamkeit nicht bekämpft? Das verstärkt das allgemeine Gefühl, der Politik ohnmächtig ausgesetzt zu sein. Deshalb halte ich auch nicht so viel von dem Narrativ der "Krise als Chance". Ich glaube, die Krise kann dann einen Wendepunkt darstellen, wenn mehr Menschen sich als politisch begreifen und sich dafür einsetzen, dass wir nie wieder in Situationen kommen, in denen Krisen so ungerecht bewältigt werden. Das ist ein sehr weiter Weg, aber ich merke auch in Gesprächen, dass da was geht. Es rumort.

Sie haben gerade schon die Corona-Politik angesprochen. Letztes Jahr haben Sie die Corona-Hilfen kritisiert, weil sie nicht genug an ökologische Faktoren gebunden waren. Hat die Regierung da eine Chance verpasst, aus Ihrer Sicht?

Die Bundesregierung verpasst am laufenden Band Chancen. Ich halte es für fatal, immer wieder zu sehen, wie unsere Wirtschaft nicht nur ökologische Grenzen strapaziert, sondern auch soziale. Menschenrechte werden immer weiter verletzt, und dann soll es ein besonderer Akt sein, dass wir ein Lieferkettengesetz verabschieden, mit dem wir Unternehmen verpflichten, Menschenrechte entlang dieser Lieferkette einzuhalten. Wir müssen diesen wirtschaftlichen Umbau also sowieso gestalten, doch anstatt die Corona-Hilfen an soziale und ökologische Bedingungen zu koppeln und so einen Umbau voranzutreiben, befeuert die Bundesregierung den Status Quo, der erkennbar so nicht weiter funktionieren wird. Ich bin ja nicht dagegen, dass Unternehmen Hilfe bekommen. Ich plädiere dafür, dass – wenn wir Hilfen verabschieden – diese dann hilfreich und zukunftsgewandt sind.

Glauben Sie, das Ruder lässt sich noch herumreißen, so dass man nicht einfach nur zum Vorher zurückkehrt? 

Wenn ich mir heute ein Jahr lang Corona-Politik anschaue, dann stimmt mich das nicht besonders hoffnungsvoll, aber in der Theorie geht das. Wir könnten den Fokus darauf legen, Menschen sozial abzusichern und dafür sorgen, dass Kultur angemessen unterstützt wird. Wir können sowohl die Klimakrise lösen als auch die Corona-Pandemie bekämpfen – und beides sozial gerecht tun. Wir müssen es sogar. Es passiert nur gerade nicht, und ich glaube, gerade im Bundestagswahlkampf müssen mehr Menschen aktiv sein, um Druck auf alle Parteien zu erzeugen. 

Ist das auch der Grund, weshalb Sie tatsächlich von Tür zu Tür gehen und die Leute für den Kampf gegen den Klimawandel begeistern möchten?

Nicht nur begeistern, sondern aktivieren. In Deutschland findet politischer Protest vor allem über Mobilisierung statt. Das heißt, es gibt eine kleine Gruppe von Leuten, die Proteste organisiert, zu denen die Menschen dann hinströmen. Das haben wir zum Beispiel bei Fridays for Future gesehen, was erst mal sehr effektiv war. Aber das wird irgendwann abflachen. Das Bedrohungspotential für den Status Quo muss aber wachsen, vor allem für die, die Entscheidungen treffen: Politiker:innen und Wirtschaftsentscheider:innen. Das entsteht aber nur, indem immer mehr Menschen sich organisieren. Immer, wenn in der Vergangenheit Veränderung erkämpft wurde, waren das vor allem die "normalen Menschen". Also die, die nicht unbedingt als Aktivist:innen oder so assoziiert werden. Wenn wir zum Beispiel überlegen, wie der Acht-Stunden-Tag erkämpft wurde, das Verbot von Kinderarbeit oder das Frauenwahlrecht: Da haben Massen von Menschen gestreikt und protestiert. Deshalb glaube ich, dass es meine Aufgabe als Aktivistin ist, auf Menschen zuzugehen und aus dem eigenen Umfeld herauszutreten, in dem eh alle schon politisch und sowieso links sind.

Ist es denn das Ziel, dass am Ende alle "links" sind?

(lacht) Wenn wir uns anschauen, was den Menschen wichtig ist, dann ist das vor allem soziale Gerechtigkeit, Sicherheit, der Zugang zu Bildung, die Deckung von Grundbedürfnissen. Und das heißt zum Beispiel, dass die staatliche Daseinsvorsorge ausgeweitet wird, dass Vermögensunterschiede angeglichen werden, dass Einkommen gerechter verteilt wird. Wenn wir die Klimakrise bekämpfen, sollte dafür gesorgt werden, dass wir alle viel gewinnen, indem für Menschen gesorgt wird. Und ich glaube, diese Stichworte werden als Links assoziiert. Deshalb: Ja, das Ziel ist, dass am Ende mehr Menschen links sind. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen das eigentlich sind, wenn man von ihren Bedürfnissen ausgeht. Tatsächlich habe ich für das Buch mit vielen Leuten gesprochen, die eher konservativ sind. Und demnach sind sogar viele Menschen, die sich selbst als konservativ begreifen, gleichzeitig dafür, dass Vermögen und Einkommen gerechter verteilt werden. Viele Menschen wollen auch, dass Geflüchtete aus dem Mittelmeer gerettet werden, weil sie die Menschenwürde nicht damit zusammenbringen, dass man Menschen sterben lässt.

Das würden andere, nicht als links geltende, Parteien wohl auch von sich sagen.

Ja, aber das sind Menschen, die von sich selbst sagen, sie seien konservativ. Die aber gleichzeitig Dinge vertreten, die im politischen Diskurs eher von links Stehenden vertreten werden. Nicht nur deshalb bin ich fest davon überzeugt: Wir sind schon Massen. Wir müssen diese Massen nur auf die Straßen bringen. 

Earth Day 2021: Kaputter Wald in Deutschland (Symbolbild)

Wenn man jetzt entspannt zu Hause sitzt, dann klingelt es auf einmal an der Tür und jemand erzählt dir etwas über den Klimawandel. Wie sind denn da die Reaktionen? 

Das ist nicht, was wir machen. Niemand möchte, dass ich an der Tür klingele und den Leuten etwas zum Klimawandel erzähle (lacht). Sondern wir gehen dahin und dann fragen wir nach: Wie Leute sich mit der politischen Situation fühlen, wovor Sie Angst haben, aber auch was ihnen Hoffnung macht. Es geht darum, zu überlegen, wo die Gemeinsamkeiten sind. Und die kann ich ja nur feststellen, wenn ich die Leute selbst reden lasse. Dann können wir gemeinsam darüber sprechen, was denn Wege wären, um Veränderungen zu bewirken. Mit der Organisation "Justice is Global Europe", für die ich mich engagiere, organisieren wir natürlich auch politische Menschen. Wir möchten nur, dass es nicht dabei bleibt. Es muss ein gesellschaftlicher Radikalisierungs-Prozess einsetzen.

Ihr Ziel ist es ja, viele Gruppen miteinander zu vernetzen und so die Macht zu bekommen, den bisherigen Entscheider:innen etwas entgegenzusetzen. Aber was möchten Sie aus dieser Macht spinnen? Den großen sozialen Umbruch?

Ich glaube nicht, dass gesellschaftliche Veränderungen sich einfach über den Weg des Parlaments erkämpfen lassen oder durch ein Kreuz auf dem Wahlzettel. Es braucht eine Machtverschiebung: Weg von Lobbyinteressen und den Bedürfnissen von wenigen, hin zu den Bedürfnissen von vielen. Große Mehrheiten befürworten einen sozial-ökologischen Strukturwandel und die Bewältigung der Klimakrise – trotzdem passiert beides nicht. Warum? Weil diese Mehrheiten eben nicht die Macht haben. Wir erzählen aber weiterhin davon, dass eigentlich die Parteien die politischen Akteure sind, die letztendlich den Wandel bringen werden. Die Macht zu verschieben heißt für mich, dass der gesellschaftliche Druck so sehr wächst, dass die Parteien eine Rolle spielen, aber dass die Zivilgesellschaft diejenige ist, die den Ton angibt.  Und ja: Es braucht nicht weniger als einen großen sozialen Umbruch.

Und dann?

Wir sind die Menschen in den Betrieben, die streiken können, die protestieren können, die zum Beispiel in Schönau ihr Energienetz zurückgekauft haben. All diese Menschen haben schon Macht und es gibt ja Mittel und Wege, diese Macht zu nutzen. Wie wir politische Veränderungen gestalten können, ist nicht mehr nur, indem wir Briefe an Politiker:innen schreiben und sagen: "Bitte bitte, es wäre toll, wenn Sie das umsetzen." Wir müssen Taktiken und Strategien finden, in dem Bewusstsein, dass wir es mit mächtigen Gegnern aufnehmen. Aber auch in dem Bewusstsein, dass wir gleichzeitig schon wahnsinnige Macht haben, denn wir sind viele. Diese Macht wächst natürlich, wenn Bewegungen zusammenkommen. Wenn alle Menschen, die in den letzten Jahren protestiert haben – ob für Klimaschutz, gegen Rechts oder für bezahlbaren Wohnraum – zusammenkommen und gemeinsam Agenden aufstellen, dann können sich diejenigen, die gegen Veränderungen lobbyieren und damit die Sicherheit und das Wohlbefinden von vielen Menschen gefährden, warm anziehen. 

Das klingt wie eine Kampfansage. 

Das soll es auch sein! Es sind doch schon kämpferische Zeiten, nur verlieren wir ständig – als Menschen. In den letzten 30 Jahren wurde die Privatisierung von vielen Sektoren vorangetrieben, Arbeitsschutz wurde zurückgetrieben, Gewerkschaften haben an Macht verloren. Das heißt, wir haben ganz viel verloren und das gilt es zurückzuerobern. Und das ist sicherlich eine Kampfansage, klar. 

Auf der anderen Seite wurde in den letzten Jahren auch sehr viel gewonnen, beispielsweise der Mindestlohn, das Pariser Klimaschutzabkommen.  

Aber die Frage ist doch: Wann wurde etwas getan? Wenn Menschen sich organisiert haben und wenn der gesellschaftliche Druck gewachsen ist. Dass wir einen Mindestlohn haben, dass wir überhaupt aus der Kohle aussteigen, ist nicht der Verdienst davon, dass Parteien und Politik vorangegangen sind. Sondern dass der gesellschaftliche Druck groß genug war. Wenn wir uns anschauen, wie reich dieses Land ist, dann kann es doch nicht unser Anspruch sein, dass Menschen mit zehn Euro Mindestlohn rausgehen. Unser Anspruch muss sein, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Wir merken gerade in der Corona-Pandemie, wie viele Menschen, wenn sie zwei bis drei Monate kein Geld verdienen, sofort existenzielle Ängste haben müssen. Oder wie schlecht die Bedingungen im Gesundheitssystem sind. Es ist nicht so, als könnten wir uns keine bessere Versorgung leisten. Insofern kann es nie der Anspruch sein, nur die kleinen Schritte zu gehen, sondern das maximal Mögliche, weil es notwendig ist. 

Sie haben den Begriff der Radikalisierung jetzt selbst schon mehrfach in den Mund genommen. Ist Radikalisierung per se nicht auch etwas Destruktives? 

Wenn Radikalisierung darauf ausgerichtet ist, dass Menschen Politik selbst in die Hand nehmen, dann ist das alles andere als destruktiv, sondern das Konstruktivste, das man beitragen kann. Ich glaube, dass etwas sehr Hoffnungsspendendes und Aufbauendes darin liegt. Nur wird es politisch gerne verwendet, um zum Beispiel Aktivist:innen zu diskreditieren. Ich will, dass wir Krisen lösen und zwar gerecht. Ich will ein gutes Leben für alle, wenn man es ganz kitschig sagen will, und das finde ich im besten Sinne radikal. Und dagegen kann man doch eigentlich nichts haben?

Naja, die Frage ist zum Beispiel schon, wie man das bezahlt?

Wir haben auch in der Pandemie gemerkt, dass es daran nicht scheitert, oder? Maßnahmen liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch, doch es wurde gespart und das hat zum Beispiel zu einem maroden Gesundheitssystem geführt. Wenn wir bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen, ist das nicht schädlich, denn wir investieren in die Zukunft. Viel schlimmer wäre doch, die Zukunft schon in der Gegenwart verfallen zu lassen. Was wir uns als Gesellschaft wirklich nicht leisten können ist, dass unsere gesellschaftliche Infrastruktur weiter zerfällt und dass wir Krisen weiter eskalieren lassen. Wir müssen tatsächlich aufrechnen, zum Beispiel bei der Klimakrise, was an Kosten entsteht, wenn wir die Krise nicht bewältigen. Und das ist viel teurer.

Sie schildern im Buch, was Ihnen Menschen über diese Antriebslosigkeit berichten, die gerade in der Corona-Zeit sehr übermächtig war. Wie schaffen Sie es, diese Angst und die Ohnmacht zu nutzen und sich nicht davon lähmen zu lassen? 

Mit der Ohnmacht kommt die Wut. Und die Wut ist etwas Gutes, weil produktive Wut dazu antreibt, etwas verändern zu wollen. Damit einher geht aber auch die Hoffnung darauf, dass es anders gehen könnte. Diese beiden Gefühle setzen der Ohnmacht viel entgegen. Auch, dass ich die Chance habe, mich auszutauschen und mit anderen zusammen politisch zu organisieren. Das gibt mir Kraft.

Wenn Sie sich die Zukunft ausmalen, sagen wir einfach mal in 20 Jahren – das ist nicht zu weit weg, aber durchaus ein Zeitraum, in dem sich schon einiges getan haben könnte. Wie sähe die für Sie aus, idealerweise? 

Wir wären an einem Punkt, an dem die Mehrheit der Menschen nicht ständig von Angst getrieben sein muss, weil wir die Klimakrise ein Stück weit bewältigt haben oder zumindest die steigende Eskalation aussichtsreich eindämmen konnten. Vor allem sind wir in einer demokratischen und auch wirtschaftlichen Kultur, in der die vielen Menschen, die mit etwas befasst sind, auch entscheiden können, wie verfahren wird. Zum Beispiel die Arbeitenden in Betrieben oder die Menschen in Strukturwandelregionen gemeinsam mit Umweltverbänden. Ich glaube nicht, dass wir in 20 Jahren zurückschauen werden – wir werden mittendrin sein im Umbruch. Bis dahin glaube ich, nimmt auch das gesellschaftliche Rumoren zu, der Druck für Veränderungen. Aber auch die Chancen, eine bessere Gesellschaft zu gestalten. Ich hoffe und ich glaube auch daran, dass wir in 20 Jahren eine andere Epoche eingeleitet haben: politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich.


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