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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Auschwitz gehört zu Deutschland

Gaucks Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hat nach einem schwachen Start richtig Fahrt aufgenommen. Der Bundespräsident hätte allerdings deutlicher sein können.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Eigentlich war Joachim Gaucks Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag am Dienstagmorgen der Hammer. Wären seine Worte nur deutlicher gewesen und nicht in einem umständlichen Wust aus Geschichtsstunde und Zitaten untergegangen, der auch noch die vorhergehende Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert in weiten Teilen wiederholte. Darum gleich zum Best-Of.

Das kam gegen Ende, als der Präsident sich traute, das Heute anzusprechen, als er es wagte festzustellen, dass das berühmte "Nie wieder" in der ganzen Welt nicht zu erfüllen sei. "Oft ist Hilfe sogar unmöglich", sagte Gauck mit Blick auf Völkermorde, die heute zum Nachrichten-Alltag gehören. Dann folgten die Sätze: "Weil wir nicht allmächtig sind, haben wir zu leben mit der moralischen Bürde, das Leben von Menschen nicht immer und überall schützen zu können." Als moralisches Gebot, als innerer Kompass, bleibe das "Nie wieder" jedoch unverzichtbar.

Will sagen: Nur weil wir nicht alle retten können, dürfen wir nicht alle aufgeben. Weil das solidarische System nicht vollkommen ist, ist es nicht falsch.

Wer ein bisschen weiter denken möchte, landet damit auch beim Hass der Pegida-Marschierer auf alles und jeden: Die auf diversen Ida-Demonstrationen und vor allem unter deren stillen Sympathisanten so verbreitete Lust, alles in die Tonne treten zu wollen, ohne eine Idee davon zu haben, wie es besser gehen soll, ist brandgefährlicher Zerstörungswille. Aber das hat Gauck so natürlich nicht gesagt. Bei ihm hört sich das so an: "Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet wird und wo Solidarität gelebt wird." Nimm' das, Dresden.

"Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz"

Doch dann knöpfte Gauck sich die Jugend vor und wurde sehr deutlich: "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz." Diesen Knallersatz wird man morgen ganz sicher vielerorts mit einem Fragezeichen wiederfinden. Doch Gauck ist noch nicht fertig: "Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben."

Damit ist der Bundespräsident auch noch beim häufig muslimisch geprägten Judenhass von Migranten angekommen: "Wo derartige Haltungen bei Einwanderern nachwirken und die Wahrnehmung aktueller Ereignisse bestimmen, haben wir ihnen beharrlich die historische Wahrheit zu vermitteln und sie auf die Werte dieser Gesellschaft zu verpflichten." Will sagen: Bei antijüdischen, anti-israelischen Ausschreitungen wie im vergangenen Sommer anlässlich des Gaza-Kriegs steht der deutsche Bürger in der Pflicht, sich dem entgegenzustellen.

Wie gesagt: Es war eigentlich eine Hammer-Rede, Herr Präsident. Aber Sie hätten Sie besser verkaufen können.

Die gesamte Rede finden Sie hier.