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Junge Menschen vor der Wahl "Die Vielfalt der Gesellschaft spiegelt sich nicht in den Parteien. Das muss sich ändern"

Elya Omar (l.) und Tchadarou Abdoul engagieren sich bei der Initiative "Wir 2.0 postmigrantisch" in Hannover
Elya Omar (l.) und Tchadarou Abdoul engagieren sich bei der Initiative "Wir 2.0 postmigrantisch" in Hannover
© Alex Kleis / ProjectTogether
Für die 25-jährige Elya Omar ist Rassismus persönlich und politisch ein Riesenthema. Warum sie gleichzeitig mit Angst und Hoffnung in die Zukunft blickt, hat sie bei der "Unmute Now"-Kampagne in Hannover erzählt.

Das Klima geht den Bach runter. Corona hat die Unis dicht gemacht. Und Rente kriegen wir ja eh alle nicht mehr. Kurz vor der Bundestagswahl fühlen sich viele junge Menschen von der Politik alleingelassen. Ihre Perspektiven und Interessen finden im Wahlkampf kaum statt. Ihnen will die  "Unmute Now"-Kampagne der gemeinnützigen Organisation "ProjectTogether" Gehör verschaffen.

Seit dem 23. August 2021 ist das "Unmute Now"-Team mit einem Bus quer durch Deutschland unterwegs. Ihr Ziel: Mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen und ihre Stimmen sichtbar zu machen. In Hannover trifft das Team zwei Mitglieder der Initiative "Wir 2.0 postmigrantisch", die die lokale Integration verbessern will. Elya Omar ist 25 Jahre alt und studiert im Master der Sonderpädagogik; Tchadarou Abdoul, 22, macht seinen Master in Biomedizintechnik.

Wirst du am 26. September wählen gehen?

Elya Omar: Klar, auf jeden Fall! Ich finde es wichtig, dass ich als in Deutschland lebende, junge, schwarze Frau auch meine politische Stimme nutze, um für mich und meine Zukunft, aber auch für andere einzustehen.

Tchadarou Abdoul: Generell ist es immer eine Entscheidung, ob man wählen geht oder nicht. Aber ich bin der Meinung, dass man sein Stimmrecht nutzen sollte, damit demokratische Parteien regieren und rechte Kräfte nicht noch stärker werden.

Was ist für dich das wichtigste Thema bei der Wahl? 

Tchadarou: Soziale Gerechtigkeit, ein Thema, das gerade brennt, weil die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Auch wenn man über Klimawandel spricht, ist das eine soziale Frage. Nicht alle können sich die Maßnahmen leisten, die eigentlich getroffen werden müssten, damit wir das 1,5-Grad-Ziel einhalten können, wenn wir das überhaupt noch schaffen ...

Elya: Rassismus ist ein großes Thema für mich persönlich, aber auch Außenpolitik ist ein Thema, wonach ich entscheide, welche Partei oder Person ich wähle. Auch den Klimawandel und Waffenexporte müssen wir aus einer rassismuskritischen Perspektive betrachten.

Fühlst du dich von den etablierten Parteien repräsentiert?

Elya: Nicht so richtig. Ich persönlich finde, dass es keine Partei gibt, die sich das Thema Rassismuskritik auf die Fahnen schreibt. Die Linke ist da schon auf dem Pfad, aber auch da wird der intersektionale Gedanke zu wenig vertreten. Es geht um Klasse, Armut und Race. 

Tchadarou: Das finden wir in allen Parteien und der gesamten Politik – das diese Repräsentation nicht gegeben ist. Die Vielfältigkeit der Gesellschaft spiegelt sich nicht in Parteien wieder. Man findet kaum schwarze Personen im Bundestag. Und dann kommt noch dazu, dass wir jung sind, während der Altersdurchschnitt in der Politik sehr hoch ist. Das muss sich ändern. Es wäre optimal, wenn Parlamente einen echten Querschnitt der Gesellschaft abbilden.

Wie nimmst du den bisherigen Wahlkampf wahr? 

Elya: Ich sehe das ziemlich kritisch, dahinter zu blicken, was welche Partei wirklich möchte. Viele haben gar nicht die Kapazitäten, sich intensiv mit den Wahlprogrammen auseinanderzusetzen. Für mich ist das gerade zu sehr auf die Einzelpersonen, die Kanzlerkandidat:innen ausgerichtet und zu wenig auf die Ziele der Parteien. Ich finde es gut, dass es innerhalb von Parteien Meinungsunterschiede gibt.

Tchadarou: Ich glaube, dass es wirklich mehr um Inhalte gehen muss. Im Moment steht das Drumherum im Vordergrund. Ich wünsche mir einen Wahlkampf, der zukunftsorientiert ist – nicht auf Kante für die nächsten Jahre. Außerdem ist es wichtig, dass es gerade wenn es um große Herausforderungen der Gesellschaft in der Zukunft geht sehr konkret wird – es wird viel gesagt, aber das ist oftmals schwammig.

Was muss die neue Bundesregierung als erstes angehen?

Elya: Das ist schwierig, mir fallen gleich fünf Themen ein, die wichtig sind. Als erstes ist mir Umwelt eingefallen, aber dann musste ich daran denken, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Keine Menschen sollten da mehr sterben ...

Tchadarou: Ich glaube nicht, dass man priorisieren sollte. Es geht darum, ganzheitliche Ansätze zu finden. Klima- und Sozialpolitik – das gehört zusammen. Deshalb muss das auch von Anfang an zusammen gedacht werden. 

Viele junge Menschen fühlen sich von der Politik vernachlässigt. Woran glaubst du liegt das?

Elya: Ich glaube vor allem liegt das an der fehlenden Repräsentation. Diese Politik, die die Jugend gar nicht mitbedenkt, die zum Beispiel das Thema Umwelt längerfristig am meisten aushalten muss. [...] Aber weil der Altersdurchschnitt in der Politik so groß ist, finden junge Menschen weniger Anknüpfungspunkte. Was die Jugend sagt wird oft gar nicht ernst genommen.

Tchadarou: Man bräuchte eine politische Lobby für die Jugend, die prüft, dass politische Entscheidungen jugendgerecht sind und diese Zielgruppe in den Fokus rückt – was momentan nicht der Fall ist. Das ist auch logisch, weil die meisten Wählerstimmen kommen nicht von jungen Menschen. Aber längerfristig führt das schon zu einem Schaden.

Hast du Angst oder Hoffnung vor der Zukunft?

Elya: Beides. Eigentlich bin ich eine optimistische Person, aber wenn ich mich mit Werken von vor 100 Jahren beschäftige, merke ich, dass sich gar nichts verändert hat. Das ist schon traurig und demotiviert. Gerade beim Thema Umwelt ist es sehr schwierig für mich zu glauben, dass diese 1.5 Grad eingehalten werden. Davor hab ich Angst. Gleichzeitig hoffe ich, dadurch, dass wir immer weiter machen, dass es dann – vielleicht nicht mehr für mich, aber für die Generation nach mir Veränderungen gibt – und deshalb mache ich weiter.

Tchadarou: Für mich ist es auch beides. Das ist der Weltschmerz. Man hat eine gewisse Vorstellung davon wie die Welt laufen sollte, aber wenn das überhaupt nicht der Realität entspricht führt das zu innerer Unruhe. Man hat natürlich schon die Sorge, dass – auch wenn es katastrophal klingt – wir den Planeten zerstören und für die nächsten Generationen nicht mehr lebensfähig machen. Aber trotzdem habe ich Hoffnung, dass die nächste Generation ein bisschen mehr woke ist (lacht) und das dann besser und offensiver angeht. Deshalb versuche ich auch mein politisches Engagement durchzuziehen.

Was würdest du der nächsten Bundeskanzlerin, dem nächsten Bundeskanzler gerne sagen?

Tchadarou: Ich kann mir vorstellen, dass alles was wir sagen leichter gesagt als getan ist. Am Ende gibt es Realpolitik und die ist beeinflusst von Faktoren für die die Person auch nichts kann. Und trotzdem würde ich fordern, dass man einfach mehr Mut hat die richtigen Entscheidungen zu treffen, auch wenn das schmerzhaft und erstmal unangenehm ist.

Elya: Ich würde appellieren selber wirklich aktiven Perspektivwechsel zu suchen. Ich glaube, wenn das stattfindet, dass zum Beispiel Menschen, die von der Gesellschaft behindert jetzt gehört werden, ist das der Grundstein um das System des Ableismus zu verändern. Es geht darum, dass alle Perspektiven Raum bekommen und der/die Bundeskanzler:in ihre Macht dafür nutzt.

Hinweis: Im Rahmen der "Unmute Now"-Bustour stellen externe Moderator:innen jungen Menschen die wichtigsten Fragen rund um die Bundestagswahl 2021. Der stern veröffentlicht die Interview-Serie.

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