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Karl-Theodor zu Guttenberg: Hauptsache, Haltung!

Hängen lassen durfte er sich nie. Er sang, ritt und übte - auch wenn es wehtat. Ein gebrochener Arm ist kein Grund, den Klavierunterricht zu schwänzen. Der Weg des jungen Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg nach oben: eine Geschichte über Elite in Deutschland.

Von Axel Vornbäumen

Oben, auf der Besuchertribüne im Bundestag, sitzt die Familie: der Vater, Enoch Freiherr zu Guttenberg, die Mutter, Christiane Henkell-von Ribbentrop, sein jüngerer Bruder Philipp, seine Frau Stephanie, geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen. Unten, im Plenarsaal, hebt Karl-Theodor die Hand zum Amtseid - es ist ein bewegender Moment, keine Frage. Nur, stolz ist die Familie nicht. "Stolz auf die Leistung anderer", sagt der Vater, "steht einem nicht zu."

Nicht, wenn man Guttenberg heißt, da speist sich das Selbstbewusstsein aus anderen Quellen. Dass aus dem Filius, der mit 37 Jahren nun Deutschlands jüngster Wirtschaftsminister ist, was werden würde, das war dem Vater, der selbst ein berühmter Dirigent ist, schon sehr früh klar. "Er ist einfach ein begabter Hund", sagt der Freiherr und, nein, nicht Stolz schwingt bei diesen Worten mit, sondern aufrichtige Anerkennung. Schriftsteller hätte Karl- Theodor nach Ansicht des Vaters werden können, so eindringlich waren die Gedichte, die er in seiner Jugend verfasst hat. So kabarettreif beispielsweise auch das Stück, das der Sohn seinem Vater zum 50. Geburtstag geschrieben hatte, ein fiktiver Dialog zwischen Ludwig XIV. und Johann Sebastian Bach, "eine dermaßen freche, lustige und decouvrierende Rede", dass sich der Dirigent noch heute darüber amüsieren kann.

Doch die Musik kam als Beruf für den Sohn nicht infrage, wohl auch des Lampenfiebers wegen, das er noch heute verspürt, wenn er sich auch nur vor fünf Zuhörern ans Klavier setzen muss.

Überzeugend und klar

Reden aber, gern auch vor 3000 Leuten im Bierzelt oder anderswo, das kann er. Das rhetorische Talent, glaubt Eugen Hain, der CSU-Bürgermeister in dem kleinen oberfränkischen Ort Guttenberg, muss ihm "in die Wiege gelegt" worden sein. Hain hat den "Herrn Baron" bei den Sitzungen des CSU-Ortsvereins in der einzigen Kneipe "Zur Post" oft erlebt. Und immer war er "überzeugend, präzise und klar in der Argumentation". Schon mit 13, 14 Jahren hat Karl-Theodor "Schirmherrvertretungen" für den Vater übernehmen müssen, wenn der beruflich verhindert war. Bei den Guttenbergs war das so üblich. Baron Enoch erinnert sich, wie er selbst sogar schon im Alter von elf Jahren für den Vater hatte einspringen müssen - bei einem Begräbnis. "Was soll ich denn da sagen?", hatte er damals den Vater gefragt. "Nicht lügen!", hat der nur geantwortet.

Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg sitzt mit ausgebreiteten Armen, die Beine übereinandergeschlagen, auf der Ledercouch in seinem Ministerbüro. Er hat die Musikanlage noch nicht ausprobieren können, die sein Vor-Vor-Vorgänger Werner Müller in das Büro hat einbauen lassen. Aber er hat bereits einen Geschmack davon bekommen, was es heißt, Wirtschaftsminister zu sein. Er ist nun unter Dauerbeobachtung. Jedes Wort wird gewogen.

Halb Deutschland fragt sich, wie es eigentlich um die Kompetenz bestellt ist, ein solches Amt zu führen. "Das spornt mich an", sagt Guttenberg. Im Fernsehen nehmen ihn Stefan Raab und Harald Schmidt auf die Schippe. Die "Bild"-Zeitung hat mit der Schlagzeile "Müssen wir uns diesen Namen merken?" aufgemacht und ist bei der Aneinanderreihung der Vornamen "Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester" auf einen Witzbold hereingefallen, der im Internetlexikon Wikipedia den "Wilhelm" dazugeschrieben hatte. Es ist nicht so, dass ihn da irgendetwas nervös machen würde. Elitenforscher Michael Hartmann sagt: "Für Leute seiner Herkunft ist es überhaupt keine Frage, dass sie sich das zutrauen." Seit mehreren Jahrhunderten sei es für die männlichen Vorfahren in seiner Familie selbstverständlich gewesen, Führungsaufgaben zu übernehmen.

Mit sich durchaus zufrieden

Der Terminplan ist dicht. Gerade hat er noch eine kleine Tüte Gummibärchen - "ah, mein Mittagessen!" - vom Schreibtisch seiner Sekretärin stibitzt. An diesem Freitagmorgen hat er zum ersten Mal in seiner neuen Funktion als Wirtschaftsminister vor dem Bundestag gesprochen. Er ist mit sich und seiner Performance durchaus zufrieden. "Es gab schon Anlässe, bei denen ich angespannter war", kommentiert Guttenberg den eigenen Auftritt.

Er hat ein Plädoyer zur Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft gehalten. Gut zweieinhalb Stunden hat er am Abend zuvor gedanklich am Grundkonzept der Rede gebastelt und nur Stichworte auf Zettel notiert. Er hat gewarnt, dass "ordnungspolitische Leitplanken nicht panisch abgerissen" werden dürfen und von der "ultissima ratio" gesprochen, die ein massives Eingreifen des Staates bedeute. Er hat die seiner Ansicht nach "größte Klippe" seiner kommenden Amtszeit bei dieser ersten Gelegenheit einigermaßen elegant umschifft - "dass man nicht den Eindruck macht, seinen Grundsätzen untreu zu werden". Mehr war nicht drin. Weniger sollte es nicht werden.

Eine erste turbulente Woche liegt hinter ihm. Erst am Montag, um Viertel vor sieben, war ja der Anruf von CSU-Chef Horst Seehofer gekommen, der ihm das Amt des Wirtschaftsministers antrug. Dann am Handy die kurze Rücksprache mit seiner Frau, die in solchen Situationen "eine kluge Beobachterin von Gemengelagen" ist. Es ist der Moment, in dem sich für Guttenberg die Frage stellt, ob er "politische Verantwortung übernimmt oder sich wegduckt". Selbstredend siegt die "Lust an der politischen Verantwortung, die war immer schon bei mir da". Bei der Pressekonferenz mit Parteichef Horst Seehofer in Berlin lobt der, ohnehin angetan von Umgangsformen und scharfem Intellekt seines jungen Generalsekretärs, die Charakterstärke des neuen Wirtschaftsministers in höchsten Tönen. "Das seh ich ganz genauso", ergänzt zu Guttenberg trocken. So viel ironisches Selbstvertrauen hat er allemal.

Nie aus der Bahn geworfen

Ein Leben wie auf Schienen, das scheint für Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg zu gelten: früh aufs Gleis gesetzt und bislang nie wirklich in Gefahr, aus der Bahn geworfen zu werden. Christlich erzogen, mit Abendgebet und Kinderbibel. Sonntäglicher Kirchgang in der zum Anwesen gehörenden eigenen Schlosskirche inklusive; Letzteres "schon aus disziplinarischen Gründen", wie sein Vater sagt. In der Familie, das wissen sie, hat das nicht aus allen Mitgliedern unbedingt tiefgläubige Christen gemacht, wohl aber hat es ein stabiles Wertefundament gelegt. Dazu: Heimatliebe, Geschichts- und Verantwortungsbewusstsein, frühes Musizieren, viel Sport, Reiten, Bogenschießen, Tennis, später eine Ausbildung, die dem humanistischen Bildungsideal verpflichtet war.

Am Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim, einer Schule, an der exakt 30 Jahre zuvor übrigens auch Edmund Stoiber sein Abitur machte, wählt er Griechisch und Latein als Leistungskurse. Dort hat sein Lehrer Dieter Friedel, damals Referendar, heute Rektor am Gymnasium, den "KT", wie alle Guttenberg der Einfachheit halber nannten, als "echten Idealisten" in Erinnerung. Große Denker, große Ideen, große Ideale - das interessierte den Jungen. Friedel erinnert sich, wie er mit Schülern aus der 10. Klasse "ganze Nachmittage lang gregorianische Choräle auf Lateinisch gesungen" hat. Später dann, im Leistungskurs, saßen sie "einmal die Woche in meiner gemieteten Bude, und wir haben gemeinsam Griechisch-Texte übersetzt und diskutiert", sagt der Rektor. "Diese Schüler fühlten sich immer ein bisschen als intellektuelle Speerspitze", attestiert Guttenbergs damaliger Sozialkundelehrer Rainer Janka der Gruppe.

Ein Korsett ist da geschnürt worden, das vor allem drei Dinge bewirkte: Haltung. Haltung. Haltung. Noch heute schwärmt Friedel von den "formvollendeten Manieren", die wie aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Einmal, bei einem Besuch, da hat "KT" die Frau des Lehrers mit seinem Höflichkeitsgebaren sogar komplett aus der Fassung gebracht. Jedes Mal, wenn sie in die Küche lief, um noch etwas Kaffee oder Kuchen zu holen, stand der Gast auf und blieb so lange stehen, bis sie wieder saß. Stil, sagen alle, die mit ihm zu tun hatten - das kann er.

Strenge, aber liebevolle Erziehung

Gab es nie pubertäre Ausbruchsversuche? Jedenfalls nicht im normalsterblichen oder gar Prinz-Harry-mäßigen Sinne. Mutter Christiane führt das noch heute auf den frühen Umgang mit Pferden zurück: "Er ist ein begnadeter Reiter, das dämpft viel ab." Bruder Philipp verweist darauf, dass Karl-Theodor von jeher der Besonnenere gewesen sei, der nach der Scheidung alleinerziehende Vater Enoch auf seine liebevolle, an festen Regeln orientierte Erziehung. Angemessene Kleidung bei Tisch wurde erwartet, Turnschuhe waren verboten. So weit gar reichte die Vorstellung von Disziplin, dass Karl-Theodor sich einmal tagelang maulend ans Klavier setzte und dabei ständig über Schmerzen klagte. Der Vater dachte, der Bub habe keine Lust zu üben. Erst Tage später stellte sich heraus, dass sich der Sohn im Stall den Unterarm gebrochen hatte. "Das mache ich mir noch heute zum Vorwurf - dafür hat er einen gut", sagt der Vater.

Doch dass im Hause derer zu Guttenberg flegelhaft aufbegehrt worden wäre, daran kann sich beim besten Willen keiner erinnern. Halt, doch: einmal! Da hatte der Vater den halbwüchsigen Söhnen gegenüber bemerkt, dass die Haartracht eines Menschen, mit Verlaub, eigentlich scheißegal sei. Anderntags waren die Haare gelb gefärbt - allerdings bei Philipp, dem Jüngeren. Karl-Theodor hat sich eine Solidaritätssträhne machen lassen, immerhin.

Eine Ausnahme, das bestätigt der Minister heute ein wenig amüsiert über den Fahndungseifer nach biografischen Holprigkeiten. Denn das Verhältnis zum Vater war derart stabil-freundschaftlich, dass heraufziehende Konflikte meist sportlich gelöst wurden. Die Frage etwa, ob nun Heavy-Metal-Musik lauter sei oder doch eher das Requiem von Verdi, wurde per Besuch in einem klassischen Konzert entschieden - zuungunsten des Vaters übrigens.

Lieber Verdi als Techno

Jahre später sollte dann Verdi bei der Eheanbahnung behilflich sein, zwischen "KT" und Stephanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen, einer Frau, der er bis dahin bei gesellschaftlichen Anlässen gelegentlich begegnet, aber eigentlich eher aus dem Weg gegangen war. Wie es der Zufall wollte, traf man sich ausgerechnet bei einer Party auf der Berliner Love-Parade. Doch mit Liebe muss das an diesem Abend, jedenfalls nach Schilderung des Ministers, noch nicht allzu viel zu tun gehabt haben. Die Party war öde, das Publikum langweilig. "Wir waren uns gegenseitig das kleinste Übel", erinnert er sich. Irgendwann fragte "KT" seine heutige Frau, ob man Techno mal gegen Verdis Requiem tauschen könne. Man konnte. Seit Februar 2000 ist das Paar verheiratet. "Das", sagt der Minister, "ist doch mal eine Facette."

Ist es. So handlich wie ein großteiliges Puzzle setzt sich ansonsten ja alles zusammen. Er leistet seinen Wehrdienst bei den Gebirgsjägern - "Das hat unglaublich Spaß gemacht" - in Mittenwald ab, studiert an der Uni Bayreuth Rechtswissenschaften, mit Prädikatsexamen, und Politikwissenschaften in München. Im Jahr 2007 wundert sich der Vater, warum morgens um drei Uhr in der Frühe immer noch Licht in den Räumen des Sohnes brenne. "Weil ich an meiner Doktorarbeit sitze", antwortet Karl- Theodor. Den Titel erwirbt er summa cum laude. Was sonst? Er arbeitet in Frankfurt und New York und hilft nach Aussage des Vaters als Geschäftsführender Gesellschafter tatkräftig mit, den Familienbetrieb der zu Guttenbergs umzustrukturieren.

Alles wie auf Schienen. Und "das politische Engagement", sagt Enoch zu Guttenberg, "liegt auch an den Mauern hier." Der Baron zeigt auf die beiden Türen in der Bibliothek seines Schlosses, aus denen sein Großvater zweimal vor der Gestapo geflüchtet ist. Die Familie ist vom Widerstand der Vorfahren gegen Hitler geprägt. "Eine Maxime der Erziehung war, für seine Einstellung immer geradezustehen." Der eigene Vater, Karl-Theodors Großvater gleichen Vornamens, war Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Kurt Georg Kiesinger. Ein Gemälde im Schloss zeigt ihn, wie er ein Schriftstück in der Hand hält, das von Herbert Wehner unterzeichnet worden ist.

CSU statt Freie Wähler

So abseitig ist da der Schritt in die Politik nicht - nur, dass es die CSU wurde, war nicht ganz so selbstverständlich, wie man meinen könnte. Rektor Friedel weiß noch, wie "KT" eines Tages zu ihm kam und ihm von seinem Vorhaben berichtete, in die Politik gehen zu wollen - zu den Freien Wählern. "Da geht es nur um Überzeugung und Werte, um Richtig und Falsch", hat er Friedel damals erklärt. Der Lehrer riet ab. Weil es im Leben nicht nur um das Wahre und Schöne ginge, sondern auch darum, etwas zu erreichen. So wurde es die CSU.

Dort merkten sie schnell: "Er war anders als die anderen, von Anfang an." Im Ortsverein, daheim in Guttenberg und im Wahlkreis Kulmbach, vertieft er sich mit Lust am Detail in die Niederungen der Kommunalpolitik. Im CSU-Bezirksvorstand beeindruckt er, der früh seine Passion für die Außenpolitik entdeckt, seine Parteikollegen mit Sätzen wie: "Freunde, wir müssen uns beeilen, um 14.30 Uhr geht mein Flieger nach New York." Er holt Botschafter aufs Schloss und damit ein bisschen Glamour ins Oberfränkische. Er schleppt Getränkekisten bei Veranstaltungen der Jungen Union (und trägt als Minister die schwere Tasche des stern-Fotografen unaufgefordert in sein Büro). Es ist, als ob er sich zum obersten Ziel gesetzt hat, niemals auch nur leisesten Anlass für einen Arroganzverdacht zu geben. "Bodenhaftung", sagt der junge Wirtschaftsminister, "ist für mich das Spannendste. Was sind wir hier in Berlin doch oft so abgehoben."

Er ist "der Delfin im Haifischbecken", sagt sein Vater. Ihn treibt die Frage um, ob er das noch lange wird bleiben können. Der Sohn hat das fest vor. Als klar wurde, dass er sich auf das Wirtschaftsministerium einlassen würde, da haben sich viele gefragt, wie sich der neue Stern am CSUHimmel für die Zeit nach der Bundestagswahl wohl abgesichert habe. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg hält solche Gedanken für absurd. "Ich kann keine Bedingungen stellen für eine Zeit, die völlig anderen Fliehkräften gehorchen wird." Er hat seine Hände auf der Sofakante liegen, als er das sagt. Aber es sieht nicht so aus, als ob er sich festhalten müsste.

Mitarbeit: Tilman Gerwien, Jan Rosenkranz, Walter Wüllenweber

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