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Kindstötung: Weggeworfen

30 bis 40 ausgesetzte Babys werden jedes Jahr gefunden - meistens sind sie tot. stern-Mitarbeiter Manfred Karremann hat Mütter, die ihren Säugling sich selbst überlassen oder getötet haben, im Gefängnis besucht. Er sprach mit Frauen, die in ihrer Einsamkeit keinen Ausweg mehr wussten.

Von Manfred Karremann und Werner Mathes

Ein kleiner Kletterturm mit Rutsche, ein Schaukelgestell, ein Bolzplatz mit Fußballtor - der Spielplatz Eicker Wiesen in Moers. Ein heiterer Vorfrühlingstag, Samstag vor Palmsonntag. Zwei, drei Jungs hatten eine Plastiktüte vor den Füßen und kickten damit auf dem Weg neben dem Spielplatz herum - bis plötzlich aus der Tüte das Ärmchen eines Babys ragte. Eine halbe Stunde später schon war das Gelände an diesem 19. März 2005 abgeriegelt, hatten Ermittler der Mordkommission aus dem benachbarten Duisburg mit der Spurensicherung begonnen. Um 16.56 Uhr tickerte die Deutsche Presse-Agentur: "Toter Säugling auf Spielplatz gefunden."

Immer wieder schockieren solche Meldungen die Öffentlichkeit. Vor zwei Wochen fand ein Angler ein totes Baby in der Weser bei Bad Oeynhausen. Die Obduktion ergab, dass das Mädchen höchstens drei Tage alt geworden war. Von der Mutter fehlte bis Montag dieser Woche jede Spur. Im Mai entdeckte der 18-jährige Sohn einer Familie im sauerländischen Möllmicke bei Wenden drei tote Babys in der Kühltruhe der Familie. Seine Mutter, heute Mitte 40, hatte die Mädchen zwischen Ende der 80er Jahre und etwa 2001 offenbar unbemerkt zur Welt gebracht und nach der Geburt getötet. Die Leichen versteckte sie unter Tiefkühlpizzen im Eisschrank im Keller.

Da in der amtlichen Kriminalstatistik die Tötung von Neugeborenen - medizinisch: Neonatizid - nicht gesondert erfasst wird, ist man auf Schätzungen angewiesen. Nach der Auswertung von Medienberichten und Angaben einiger Landeskriminalämter kamen die Wissenschaftlerinnen Regula Bott und Christine Swientek für den Zeitraum von 1999 bis 2007 auf 203 tote Babys, also durchschnittlich 25 bis 26 pro Jahr. Dazu werden jährlich zwischen 6 und 14 ausgesetzte Kinder noch lebend geborgen.

Die Babyleichen werden nur zufällig gefunden

"Es ist immer ein Zufall", sagt Heinz Sprenger, "wenn ein kleines Ärmchen oder ein Fuß irgendwo in einer Tüte oder im Müll bemerkt wird." Sprenger ist Leiter der Duisburger Mordkommission und hat einige solcher Fälle in den vergangenen Jahren bearbeiten müssen. Er hatte auch die Mutter des toten Säuglings vom Moerser Spielplatz am Eickschenweg ermittelt, hatte knapp 2200 Frauen aus der Umgebung zu Speichelproben auffordern lassen, um deren DNA-Codes mit dem des Babys abgleichen zu können. Probe 1074 war ein Treffer - die 20-Jährige wohnte zwei Gehminuten vom Spielplatz entfernt.

Praktiker wie Heinz Sprenger gehen davon aus, "dass die Babys, die in den Akten der Mordkommissionen registriert sind, nur ein paar von Hunderten pro Jahr sind, die niemals entdeckt werden". Das vermutet auch Dr. Peter Seiffert, Chefarzt der Kinderklinik des Katholischen Klinikums Duisburg. Seiffert bezieht sich dabei auf Zahlen aus Frankreich, wo - anders als in Deutschland - anonyme Geburten erlaubt sind. Dort kann eine Mutter, die weder ihren Namen noch den des Vaters nennen will, in einem Krankenhaus ihr Kind zur Welt bringen. Hunderte von Kindern werden so jedes Jahr entbunden, sagt Seiffert. "Das könnte der Zahl entsprechen, die bei uns spurlos verschwinden." Kritiker argumentieren, dass man sich damit leicht vor der Unterhaltsverpflichtung drücken kann - und vor allem das Kind seines Rechts um Kenntnis der Herkunft beraubt. An rund 130 Krankenhäusern in Deutschland wird die anonyme Geburt dennoch praktiziert. Entsprechende Ermittlungsverfahren gegen Ärzte und Hebammen werden in der Regel eingestellt.

Ein "Bündel von Motiven" führte zur Tat

An eine anonyme Geburt hatte auch Sabine Schüssler* (*Namen von der Red. geändert), heute 40, gedacht, bevor sie dann doch daheim niederkam, ihr Kind umbrachte und die Leiche in einer Gefriertruhe versteckte. Deswegen wurde sie im vergangenen Jahr wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt. "Für die Tat gibt es nicht nur ein einziges Motiv, sondern ein ganzes Bündel", hatte der Richter gesagt, "die Frau hatte Angst um den Bestand der Familie - außerdem war sie durch die Erziehung der beiden Kinder, die ganz allein auf ihr lag, völlig überlastet." Und: "Sie lebte in einer Traumwelt und ist eine Meisterin des Verdrängens."

Schon das erste Kind, heute elf Jahre alt, hatte sie heimlich in einer Klinik zur Welt gebracht, und als sie mit dem zweiten schwanger war, erfuhr es ihr Lebensgefährte erst kurz vor der Geburt. "Ich habe im Prinzip immer darauf gewartet, dass ich unter Druck gesetzt werde, dass ich zugeben muss, tatsächlich schwanger zu sein", sagt sie heute. Sie habe immer nur funktioniert, sei immer ruhig und still gewesen, habe nie rebelliert, sei vor Problemen lieber davongelaufen oder habe sie einfach verdrängt - ständig beherrscht von der Angst, verlassen zu werden. "Er hat zu mir gesagt, falls ich noch einmal schwanger werden sollte und ihm das verschwiege, dann trennt sich die Familie, trennen sich die Wege." Das hatte Gerhard Berger* auch vor Gericht eingeräumt: "Damals habe ich ihr gedroht, sie rauszuschmeißen."

Sabine Schüssler verbüßt ihre Strafe in einem Frauengefängnis. Sie spricht leise, zögernd, wendet immer wieder den Blick ab, wenn sie von der furchtbaren Zeit im Sommer 2005 erzählt.

Einsamkeit und Desinteresse

Sie sei "sehr einsam gewesen". Das Paar wohnte mit den beiden Söhnen in einem Dreifamilienhaus in einer kleinen Gemeinde. Die Woche über arbeitete ihr Lebensgefährte, ein Ingenieur, auswärts, und wenn er freitagabends nach Hause kam, verschwand er oft gleich in seinem Computerzimmer. Wenn sie mal gemeinsam bei Tisch saßen, beschäftigte sie sich mit den Kindern - er las. "Mein Partner interessierte sich in den letzten Jahren nicht mehr für mich", sagt sie, "er wusste wenig über mich, meine Persönlichkeit oder meine Interessen." Samstags ging Gerhard Berger zur Jagd. Dass sie wieder schwanger war, bekam er angeblich nicht mit. Sie sagt: "Ich glaube, er hat auch nichts mitkriegen wollen." Andere hätten es gewusst, so Schüssler. Die Kindergärtnerin der Buben, auch der Metzger, bei dem Sabine Schüssler immer einkaufte. "Mit denen hab ich reden können", sagt sie, "mit meinem Partner aber nicht." Warum hat sie dort keine Hilfe gesucht? "Mir fällt es sehr schwer, Hilfe zu suchen oder anzunehmen - habe mich lieber treiben lassen, einfach verdrängt: Ich bin nicht schwanger."

An jenem Samstag im Juli, als abends die Wehen einsetzten, war Berger noch unterwegs. Sabine Schüssler brachte das Mädchen, das sie Liliane nannte, allein zur Welt, in der Badewanne, während ihre Söhne schon schliefen. "Ich hab sie sofort hochgenommen, mir auf den Bauch gelegt, ein Handtuch drüber und erst mal angeguckt und gekuschelt", sagt sie. Dann nabelte sie ihr Baby ab. "Ich hab vorher schon alles hingelegt gehabt: die Nagelschere für die Nabelschnur, den Alkohol zum Desinfizieren, Windeln."

Sabine Schüssler überlegte: Wo bringst du das Kind jetzt hin? "Ich habe sie angezogen, in Decken eingekuschelt und im Schlafzimmer aufs Bett gelegt. Dann geschaut, ob meine Söhne schlafen." Sie hatte sich vorgenommen, das Baby irgendwo auszusetzen, "wo es auch jemand findet". "Kopflos" sei sie mit dem Kind in einer Tasche durch den Ort gelaufen, wollte es erst vor der Tür ihres Hausarztes ablegen, "doch da war alles dunkel, und ich wollte ja nicht, dass es verhungert". Deshalb setzte sie es auch nicht vor der Kirche aus, weil es dort womöglich erst am Sonntagmorgen gefunden worden wäre, "vielleicht zu spät". Weil sie sich "wieder einmal grenzenlos allein gefühlt" habe, nahm sie das Baby wieder mit nach Hause.

Verzweiflung nach der Entbindung

Ihr Lebensgefährte war immer noch nicht da, sie sei verzweifelt gewesen, "die Angst, wenn er heimkommt und das Kind sieht, dass er dann sagt: Da vorne ist die Tür". Doch Gerhard Berger sagte, wie so oft, gar nichts, als er gegen Mitternacht nach Hause kam. "Ich habe gehört, dass ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde, er stand schließlich in der Wohnzimmertür und guckte mich an, hat die Tür wieder zugemacht und ist rausgegangen. Ich wusste nicht: Hat er das Kind jetzt gesehen oder hat er es nicht gesehen?" Sabine Schüssler nahm das Baby und lief ins Badezimmer, "ich hab mich mit dem Kind auf dem Schoß auf die Toilette gesetzt, erst mal abgewartet, ob er reinkommt oder nicht".

Aber Gerhard Berger kam nicht, hatte sich wieder in seinem Computerzimmer verschanzt. Wenige Minuten später war das Baby tot. "Was da genau passiert ist, kann ich heute nicht mehr sagen - ich weiß, dass sie nicht geschrien hat", erinnert sich Sabine Schüssler, "dass ich ihr den Mund zugehalten und irgendwann realisiert habe, dass sie gestorben war oder gerade dabei war zu sterben - aber da war so ein Glucksen, das konnte ich einfach nicht hören." Deshalb habe sie dem Baby Klopapier in den Mund gestopft. "Ich habe nur gedacht: Sei endlich still, ich will, dass es vorbei ist." Bis sie begriff: "Oh Gott, jetzt hast du dein eigenes Kind getötet. Warum?"

Sie saß mit dem toten Säugling noch eine Weile auf der Toilette, während ihre Söhne schliefen und ihr Lebensgefährte vor dem PC hockte. Dann sei "so ein Bedürfnis hochgekommen, das tote Kind aus dem Blickfeld zu haben, nicht mehr dran denken zu müssen, für den Augenblick, möglichst weit weg mit dem Kind, in den Keller oder sonst wohin". Sabine Schüssler steckte die kleine Leiche schließlich in eine grüne Plastiktüte und verstaute sie in der Tiefkühltruhe im Keller.

Der Lebensgefährte findet den Leichnam

Erst Monate später, am 11. Januar 2006, fasste sie sich ein Herz und bat ihren Lebensgefährten, den Söhnen Pizza oder Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe zum Mittagessen zuzubereiten. Sie könne nicht, sie müsse in die Stadt. Als sie zurück war, hatten die Kinder gegessen. "Er hat nichts gesagt, ich wusste nicht: Hat er nur die Schublade mit den Fischstäbchen aufgemacht, oder hat er auch das Kind gefunden?" Dass er es wohl entdeckt haben musste an diesem Tag, erfuhr Sabine Schüssler erst sieben Wochen später. Als am 26. Februar 2006 die Polizei kam und sie festnahm - da hatte Gerhard Berger überraschend Anzeige erstattet.

Offenbar hatte niemand mitbekommen, wie viel Angst die schweigsame Frau mit sich herumschleppte. Sie hatte vor der Niederkunft mit der Telefonseelsorge gesprochen und mit der Caritas, hatte sich informiert über Babyklappen und die Möglichkeit einer anonymen Geburt. "Das hätte mir ein paar Wochen Zeit gegeben, in denen ich mich wieder hätte melden und sagen können, ob ich das Kind selbst großziehen möchte." Die nächste Kinderklinik war nur einige Kilometer entfernt. Aber irgendwann war es zu spät, "weil die Zeit vorgerückt war und er mir das Messer auf die Brust gesetzt hat".

Sie geriet in Panik, alles sei auf sie eingestürzt. Wollte die Kinder nicht allein zu Hause lassen, fürchtete die Reaktion des Mannes, der bald zurückgekommen wäre. Vielleicht, sagt sie heute, wäre ihr Mädchen noch am Leben, "wenn es so was wie einen Babynotruf geben würde - dass einen jemand abholt, zur anonymen Geburt fährt und wieder heim oder eben das Baby mitnimmt, ohne Fragen".

Die Identifikation mit dem Kind fehlt

Frauen wie Sabine Schüssler befinden sich in einer psychischen Ausnahmesituation, weiß der Neurobiologe Gerald Hüther von der Universität Göttingen. Bei Müttern, die die Schwangerschaft und die Geburt als Bedrohung empfinden, komme es in der Regel zu keinerlei Identifikation mit dem Kind. Es ist möglich, so Hüther, "dass keine Bindung zum Kind vor der Geburt entsteht, wenn der Erzeuger es offenbar ablehnt".

Anke Rohde, Professorin für Gynäkologische Psychosomatik am Bonner Universitätsklinikum, hat zahlreiche Fälle von Neugeborenentötungen analysiert und kommt zu dem Schluss: "Neonatizide werden am ehesten von Frauen begangen, bei denen eine erhebliche Persönlichkeitsproblematik besteht - zum Beispiel im Sinne von fehlender Reife oder mangelnder Bewältigungsmechanismen." Die Schwangerschaft würde dann nicht selten bis zum Schluss "verleugnet" - auch sich selbst gegenüber. Wenn solche Frauen dann noch in massiv gestörten Partnerschaften leben, einsam und isoliert, kann es schnell zur Katastrophe kommen.

"Panische Angst" vor ihrem gewalttätigen Freund gab die heute 23-jährige Nadja Nickel* an, die ihr Baby eine halbe Stunde nach dessen heimlicher Geburt in einem Pappkarton bei klirrender Kälte aussetzte und es erfrieren ließ.

Das Baby legte sie im Pappkarton ins gefrorene Gras

Sie hatte das Kind am 30. Januar 2006 gegen 4 Uhr früh auf der Toilette der gemeinsamen Wohnung im bayerischen Grünbach zur Welt gebracht, während ihr vier Jahre älterer Lebensgefährte Reinhard Krüger* und ihr 14 Monate alter Sohn schliefen. "Ich habe den Säugling mit einer Nagelschere abgenabelt, ihn kurz in den Armen gehalten und hin- und hergewiegt, "holte den Pappkarton, in dem der Zimmerbrunnen verpackt war, den mir meine Mutter zu Weihnachten geschenkt hatte, und legte das Baby, in ein Handtuch eingewickelt, in den Karton." Zog sich Jacke und Schuhe an und schlich sich, die Pappschachtel mit der Neugeborenen unterm Arm, aus der Wohnung. Überquerte die Bundesstraße 388 vorm Haus, stellte den Karton hinter einem Stromverteilerkasten ins gefrorene Gras. Und lief wieder, ohne sich noch einmal umzudrehen, in die warme Wohnung des Mehrfamilienhauses auf der anderen Seite der B 388.

"Ich habe dann grob den Fußboden im Bad geputzt", sagt sie später, "weil dort Blut von der Geburt war." Um 5.30 Uhr weckte sie ihren Freund, der zur Frühschicht musste. Im Badezimmer bemerkte er Blutspuren auf dem Boden, fragte Nadja, ob sie nicht etwa doch schwanger gewesen sei und womöglich eine Fehlgeburt gehabt habe. Sie bestätigte das. Er sagte, dass sie sauber machen solle - und fuhr zur Arbeit. Weiter nichts.

Nadja Nickel hatte die Schwangerschaft geheim gehalten - es war bereits ihre fünfte. Nach zwei Fehlgeburten in den ersten Schwangerschaftswochen und einer medizinisch begründeten Abtreibung hatte sie dann einen Sohn geboren. Ein weiteres Kind habe ihr Freund auf keinen Fall haben wollen.

Auch der Vater wurde verurteilt

Wegen Totschlags durch Unterlassen wurde er im Februar des vergangenen Jahres zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Er sei, warfen ihm die Richter vor, seiner Obhutspflicht nicht nachgekommen, habe deshalb nichts unternommen, um das 30 Meter vor dem Wohnhaus des Paares bei minus zehn Grad erfrierende Kind zu retten. Denn das Mädchen, so der Staatsanwalt, hätte noch innerhalb von einer bis zwei Stunden gerettet werden können. Nadja Nickel muss eine zehnjährige Haftstrafe verbüßen - wegen Totschlags.

Als sie den Säugling ausgesetzt hatte, saß sie im Wohnzimmer und starrte die Decke an. Warum hat sie, als ihr Freund aus dem Haus war, das Baby nicht wieder in die warme Wohnung geholt? Das verstehe sie heute selbst nicht mehr, sagt sie. "Ich hatte keine Gedanken mehr, als ob ich im Koma gelegen hätte." So habe sie sich auch gefühlt, als sie an dem Morgen ihren kleinen Sohn versorgte. "Ich habe nur noch versucht, ihn zu füttern, mit ihm zu spielen - aber nicht mal das Spielen hat geklappt, weil ich so vollkommen weg war."

Erst drei Tage später, am 2. Februar 2006, fiel einem Rentner aus der Nachbarschaft der Pappkarton mit der Aufschrift "Tischbrunnenzauber" hinter dem Stromverteilerkasten an der B 388 auf. Darin lag, in ein blaues Handtuch gehüllt, das steif gefrorene Baby.

Die Tat bis heute verdrängt

Nadja Nickel wurde schließlich durch einen DNA-Test überführt, dem sich alle Frauen des kleinen Ortes zwischen 14 und 50 Jahren unterziehen mussten. Als die Polizei bei ihr die Speichelprobe nahm, hatte sie die Tat "verdrängt und gar nicht mehr in den Kopf kommen lassen". Neurobiologe Gerald Hüther kennt das: "Sie bleibt dabei, dass das nichts mehr mit ihr zu tun hat, weil sie anders psychisch gar nicht überleben kann." Offenbar bis heute. Im Gefängnis, wo Nadja Nickel ihren Schulabschluss nachholt, erzählt sie auch von ihren schulischen Erfolgen - unbefangen wie ein Teenager. Als hätte sie noch gar nicht realisiert, was sie getan hat.

Am 25. Februar 2006 war das tote Baby namenlos beigesetzt worden, neun Tage später wurden Mutter und Vater verhaftet. Ihr einjähriger Sohn, der kein Schwesterchen haben durfte, kam in die Obhut eines Jugendamts. Die Großmutter hat das Baby nachträglich taufen lassen - auf den Namen Joele-Veronique.

Hätte Joele-Veronique gerettet werden können? Vielleicht. Vielleicht auch das Kind, dessen Leichnam später monatelang in einer Gefriertruhe lag, das Mädchen, das Sabine Schüssler erstickte. Die heute nicht ausschließt, dass ihr Kind noch leben könnte, wenn sie es anonym zur Welt hätte bringen können.

Sie wusste nicht, wie viele andere, dass es den Notruf für solche Situationen längst gibt, seit über acht Jahren: 0800/456 07 89, kostenlos, bundesweit, rund um die Uhr (siehe auch Kasten links). Leila Moysich vom Projekt Findelbaby des Hamburger Vereins SterniPark e. V.: "Selbstverständlich hätten wir veranlasst, dass Frau Schüssler abgeholt und für sie eine anonyme Geburt in einer Klinik arrangiert wird. Natürlich hätten wir auch das Baby übernommen - keine Fragen, keine Zeugen, keine Polizei." Acht Wochen wäre der Säugling dann in einer Pflegefamilie untergekommen. Wenn sich in dieser Zeit die Mutter nicht meldet und es doch zurückwill, ist das Kind zur Adoption freigegeben. In diesem Monat hätte das Mädchen seinen dritten Geburtstag feiern können.

Mitarbeit: Marina Karremann

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(