HOME

Der grosse Crash: Blut und Spiele

Ein idealer Rennwagen, so formulierte es einmal Colin Chapman, der geniale Lotus-Gründer und Revolutionär der Leichtbauweise, falle zehn Meter nach der Ziellinie auseinander. Passiert das zwanzig Meter früher, kracht’s. Sei’s drum, meinte Bill France Sr., der 1992 verstorbene Ur-Vater der amerikanischen NASCAR-Serie, die Zuschauer kämen eh nur, um die Unfälle zu sehen.

Von Helmut Werb

Motorsport ohne Unfälle ist nicht denkbar. Das Ausloten aller Grenzbereiche, sowohl der menschlichen als auch der technischen, lädt ein zur Katastrophe. Deshalb hatten sowohl Chapman als auch der knorrige alte France in ihrer Weise recht – erstens: Rennwagen sind am schnellsten, wenn sie nur ein Rennen lang halten müssen (was allerdings die Tür weit öffnet für fatale Misskalkulationen). Und zweitens: dass es den Zuschauern nicht oft genug krachen kann, beweisen die Tausende von Crash-Videos, die Web-Gemeinden wie YouTube und Facebook bevölkern. Die Amerikaner im besonderen, berüchtigt als Weltmeister des scham- und herzlosen Konsums, scheinen ein Herz zu haben für verbogenes Metall auf ihren Rennstrecken.

Die Attraktion der besonders erfolgreichen NASCAR-Rennserie, eine Art Tourenwagen-Rennen auf Steroids, besteht zu einem nicht unbeträchtlichen Masse darin, dass die weit über hunderttausend Zuschauer, die pro Rennen an den Ovalstrecken erscheinen, die gesamte Strecke - und die gern und häufig kollidierenden Teilnehmer - bestens einsehen können. Das hat Tradition: im Jahr 1960 ereignete sich beim Rennen auf der damals gerade fertiggestellten Strecke von Daytona der bisher grösste Unfall in der NASCAR-Renngeschichte, als gleich in der ersten Runde 37 Fahrzeuge (aus einem Feld von 68) in einen Unfall verwickelt waren. Zweiundvierzig Jahre mussten die US-Zuschauer warten, bis der Blechschaden bei einem "Bush Series"-Rennen (so benannt nach einer Brauerei, nicht nach dem Präsidenten!) auch nur annähernd so gross war: 2002 verwandelten dreissig Rennfahrer ihre Fahrzeuge zu Schrott, als Johnny Sauter die Kontrolle nach der berüchtigten zweiten Kurve des Ovals in Talladega verlor - ein Unfall, der die gesamte Gegengerade von Talladega, immerhin anderthalb Kilometer lang, mit Autoteilen bedeckte. Nur dreizehn Racer waren danach in der Lage, das Rennen zu beenden.

Schicksalsschläge

Beim 500-Meilen-Rennen in Indianapolis im Jahr 1998 krachten immerhin noch acht Wagen ineinander. Der NASCAR-Rennfahrer Cliff Bowyer konnte die 500 Meilen von Daytona Anfang dieses Jahres offiziell noch als 18. beenden, als er - brennend! - auf dem Dach über die Ziellinie rutschte. Die amerikanische Rennwelt wurde im Februar 2001 erschüttert, als der grosse Liebling der Zuschauer, Dale Earnhardt Sr., einer der letzten Relikte der alten, rüden Südstaaten-Nascar-Zeit, in eine Mauer in Daytona raste und sich das Genick brach. Das Schicksal schlug zu, als europäische Veranstalter im Jahr 2001 versuchten, diese spektakulären US-Rennserien nach Deutschland zu bringen. In einem grässlichen Unfall verlor Alex Zanardi die Kontrolle über seinen "Mo Nunn"-Indy-Racer auf dem Lausitzring in Sachsen und raste von der Pit-Lane direkt auf die Rennstrecke - und genau in den Weg von Alex Tagliani, der Zanardi bei einer Geschwindigkeit von über 330 km/h aufspiesste. Zanardi verlor beim Unfall beide Beine, fährt aber in der Zwischenzeit für BMW wieder bei europäischen Tourenwagenrennen.

Wer könnte die schrecklichen Bilder des brennenden Formel 1-Ferraris von Niki Lauda vergessen, der sowohl das Ende für Niki Laudas Karriere bedeutete, als auch für den Formel 1-Rennsport auf der Nordschleife des Nürburgrings. Oder Jochen Rindts tödlichen Unfall 1970 in Monza, als sein revolutionär flach gebauter Lotus 72 bei Vollgas unter die Leitplanken rutschte und Rindt regelrecht enthauptete. Auch Gerhard Bergers fürchterlicher Feuerunfall beim Grossen Preis von Imola 1989 gehört zu den schrecklichsten Rennunfällen aller Zeiten. Bergers Ferrari verlor am Ende einer langen Geraden offensichtlich die Bodenhaftung, krachte voll in eine Begrenzungsmauer und fing Feuer. Glücklicherweise konnten Streckenposten Berger retten, der sich bis zum heutigen Tag nicht an den Unfall erinnern kann. In Brand geriet auch Jos Verstappens Benetton beim ’94 GP von Deutschland in Hockenheim beim Auftanken in der Box und sorgte damit für die wohl dramatischsten In-Car-Camera Bilder der damaligen Zeit. Der Hockenheimring wurde übrigens nach einem der schlimmsten Unfälle des Jahres 1968 zum wiederholten Male umgebaut und entschärft, nachdem Jim Clark in einem Formel 2-Rennen sein Leben verlor.

Fauxpas mit Muscle-Car: Angeber tritt aufs Gas - und verliert Hinterachse

Tragödien und Schutzengel

Insgesamt verloren 26 Formel Eins-Piloten ihr Leben, seit die Königsklasse des Rennsports 1950 ins Leben gerufen wurde. Der letzte Unglücksfahrer, Ayrton Senna, starb 1994 beim Grossen Preis von San Marino in Imola, der wohl als der schwärzeste Tag in der Geschichte der Formel 1 eingehen wird. Beim freien Training zum Grand Prix verunglückte Rubens Barrichello, kam aber mit einer gebrochenen Nase davon. Beim Abschlusstraining einen Tag später starb Roland Ratzenberger, als der Frontflügel seines Simtek-Fords brach und das Fahrzeugs unlenkbar machte. Der 34-jährige Ratzenberger raste mit 300 km/h ungebremst in eine Betonmauer. Nur einen Tag danach, während des Rennstarts zum gleichen Grand Prix wurden mehrere Zuschauer auf der Haupttribüne durch herumfliegende Wrackteile zum Teil schwer verletzt, als Pedro Lamy im Lotus in den stehengebliebenen Benetton von JJ Lehto crashte. Nach dem Neustart kam es dann zu jener Tragödie, die den Formel 1-Sport bis heute bewegt. Mit 240 km/h raste Ayrton Senna in seinem Williams in eine Begrenzungsmauer und starb auf der Stelle.

Wie sicher die Formel 1 aber heute geworden ist, beweist der wohl grösste Unfall in der Geschichte der Rennserie, als beim legendären 1998-Regenrennen in Spa-Francorchamps David Coulthard im McLaren-Mercedes eine Massenkollision von dreizehn Fahrzeugen auslöste, was den TV-Kommentator Christian Danner zur (nicht ganz unkorrekten) Bemerkung veranlasste, da läge wohl eine halbe Milliarde Schrott auf der Strasse. Und trotzdem: alle Fahrer konnten beinahe unverletzt ihren Fahrzeugen entsteigen. Einen besonderen Schutzengel (in Form des HANS-Rückhaltesystems) hatte der polnische Formel 1-Pilot Robert Kubica Anfang dieses Jahre, als er beim GP von Kanada in Montreal mit 280 von der Strecke abkam, in eine Mauer krachte und sich mehrmals überschlug. HANS hatte dem Polen das Leben gerettet.

Die größte Katastrophe des Rennsports

Richtig Pech hatten die Zuschauer bei der grössten Katastrophe des Rennsports, als beim 24-Stunden Rennen im Jahr 1955 der Mercedes-Fahrer Pierre Levegh mit seinem 300 SLR über das Heck eines Austin Healey raste und sich mitten in die ungeschützte Haupttribüne katapultierte. Zweiundachtzig Menschen starben, mehrere Hunderte wurden zum Teil schwer verletzt. Als Folge dieser Katastrophe verbot die Schweiz jahrzehntelang sämtliche Rundrennen, und Mercedes Benz zog sich 30 Jahre lang vom Rennsport zurück. Welch grausame Ironie hingegen, dass die motorsportlichen Ambitionen von Mercedes Benz ausgerechnet in Le Mans einen weiteren Rückschlag erlitten. Im Jahr 1999 kämpfte Mercedes mit dem neuen Rennmodell CLR um die FIA GT Meisterschaft. Der neue CLR war schneller, niederer - und aerodynamisch schwieriger. In der Qualifying Session am Donnerstag vor dem Rennen flog Mark Webber mit dem CLR spektakulär von der Strecke und überschlug sich mehrmals, als er einen Audi überholen wollte.

Glücklicherweise konnte Webber dem Totalschaden mit nur leichten Verletzungen entsteigen. Doch im Rennen erwischte es den Australier - und Mercedes - noch einmal. Auf der Mulsanne-Geraden bekam der CLR wieder Unterluft, überschlug sich, landete auf dem Dach und rutschte fast zweihundert Meter, bis der vollkommen demolierte Wagen zum Stillstand kam. Doch es sollte noch schlimmer kommen. In der 75. Runde bekam auch der CLR von Peter Drumbeck aerodynamische Schwierigkeiten. In der Indianapolis-Kurve , an fast der gleichen Stelle, an der Webber am Donnerstag gecrasht war, hob sich Drumbecks Wagen in die Luft, flog bei rund 300 km/h fast zwanzig Meter in die Höhe und krachte in die Bäume neben der Strecke. Auch Drumbeck hatte Glück im Unglück - wie Webber entstieg er dem Totalschaden nahezu unverletzt. Für Mercedes Benz jedoch bedeute die Unfallserie das Ende der FIA-Ambitionen - Mercedes Benz kehrte bis zum heutigen Tag nicht nach Le Mans zurück. Bill France Senior hätte sowas nicht verstanden.

Wissenscommunity