Klimaschutz Lieber nach Sylt als auf die Seychellen?


Verzichten für den Klimaschutz, fordern Politiker. Die Deutschen sollen Urlaub in der Heimat statt im fernen Ausland machen, um klimaschädliche Flugreisen zu vermeiden. stern.de fragt nach Ihrer Meinung: Verzichten Sie für den Klimaschutz auf Fernreisen?

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast sagte der "Berliner Zeitung": "Es gibt viele wunderbare Ferienregionen in Deutschland, die es zu erkunden lohnt." Sie forderte die deutsche Autoindustrie auf, von klimafreundlichen Modellen der japanischen Konkurrenz zu lernen. "Das Umweltauto muss "in" sein. Es muss stylisch sein", sagte Künast der "taz" (Samstag). Auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) kritisierte die deutschen Autobauer. Die Kunden wollten umweltbewusst und mobil sein. "Ich kann noch nicht erkennen, dass die Autohersteller diesen Mentalitätswechsel in seiner vollen Bedeutung erkannt haben", sagte er der "Welt am Sonntag". Die Autoindustrie müsse mehr für das Klima tun und "rasch umdenken".

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erneuerte in der "Berliner Zeitung" seinen Appell an die Deutschen, für Flüge eine freiwillige Abgabe zu zahlen, mit der Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern unterstützt werden. Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer konterte, Gabriel müsse mehr tun als "mit wohlfeilen Worten" nur auf ein verändertes Verbraucherverhalten im Flugverkehr zu setzen. "Seine Aufgabe als Umweltminister ist es, sich politisch für eine europaweite Besteuerung von Kerosin einzusetzen", sagte Bütikofer in Berlin.

Verheugen warnt vor Aktionismus

Der frühere Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP, Klaus Töpfer, forderte Deutschland und die EU auf, größere Anstrengungen beim Klimaschutz zu unternehmen. Was Berlin und Brüssel anstrebten, seien keine ehrgeizigen Ziele, sondern Minimalziele, die ohne ökonomische Belastung zu erreichen seien, sagte er den "Nürnberger Nachrichten" (Samstag). Generell müssten die Europäer ihr Energie verschwendendes Konsumverhalten verändern, auch im Hinblick auf andere Länder. "Unser derzeitiger Lebensstil ist sicherlich kein globaler Exportartikel."

EU-Industriekommissar Günter Verheugen warnte vor Hysterie. Zwar müsse der Klimawandel "an allen Fronten" bekämpft werden, sagte er der "Bild am Sonntag". "Wir dürfen aber auch nicht in hysterischen Aktionismus verfallen." Europa verursache "nur einen relativ geringen Teil der weltweiten CO2-Belastung - Tendenz sinkend". Verheugen: "Und an den CO2-Emissionen wiederum haben Pkw einen außerordentlich kleinen Anteil." Die Autoindustrie - "ein Kronjuwel der europäischen Industrie" - dürfe nicht zum "alleinigen Sündenbock" gemacht werden. "Unsere wichtigste Aufgabe wird sein, dafür zu sorgen, dass sich die USA, China, Indien und Russland beim Klimaschutz genauso engagieren wie wir."

Ist die Handy-Produktion klimaschädlich?

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD), mahnte zu einem sachlichen Umgang mit der "Menschheitsherausforderung" des Klimawandels. So sage der Entwurf für den zweiten Teil des UN-Klimaberichts nicht aus, dass die Klimakatastrophe nicht mehr zu verhindern sei. "Richtig ist, dass der Klimawandel einen zeitlichen Vorlauf von vier bis fünf Jahrzehnten hat, so dass eine weitere Zunahme der Extreme bis Mitte des Jahrhunderts nicht mehr gestoppt werden kann. Aber es ist möglich, eine Begrenzung des Anstiegs auf 2 Grad zu erreichen und damit das Schlimmste zu verhindern." Dafür müsse aber "sofort ein radikaler Kurswechsel bei der Energieversorgung, in der Landwirtschaft, beim Chemieeinsatz und in der Abfallpolitik beginnen", erklärte Müller.

Nach einem Bericht der "Saarbrücker Zeitung" warnt die Forschungseinrichtung der Vereinten Nationen in Bonn (UNU) vor erheblichen Klimaschäden durch die Produktion von Computern, Fernsehern und Handys und das häufige Ersetzen älterer Modelle durch neue. In einer bislang unveröffentlichten Analyse werde festgestellt, dass beim Herstellen eines Computers samt Bildschirm fünf Mal so viel an fossiler Energie verbraucht und an Kohlendioxid ausgestoßen wird wie bei der Produktion eines Autos.

DPA DPA

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