Kommentar Angela und der Fluch des Zauderbergs


Angela Merkel wird kein Schatten- , sondern ein Schemenkabinett vorstellen. Wieder präsentiert sich die Union als ein Verein von Zauderern. Für eine schwarz-gelbe Regierung unter einer Kanzlerin Merkel ist das ein schlechtes Omen.
Von Florian Güßgen

Anfang Juni, als die Union im Lichthof des Berliner Konrad-Adenauer-Hauses ihre Kandidatin präsentierte, da herrschte Euphorie. Die Mitarbeiter der Union standen auf den Emporen, auch aus dem Bundestag waren die Referenten herbeigeeilt. Sie klatschten für ihre Kandidatin, für Angela Merkel. Es herrschte Sektlaune, der Wahlsieg schien so sicher.

Die Sektlaune ist verflogen

Wenn Merkel am Mittwoch an selber Stelle ihr "Kompetenz-Team" präsentiert, wird es eine ernstere Veranstaltung werden. Die Union hat ihren Vorsprung binnen kürzester Zeit verspielt, die Sektlaune ist verflogen. Zum Teil war das absehbar. In den Umfragen Ende Mai und Anfang Juni mobilisierte die Union das gesamte Potenzial ihrer Wähler und Sympathisanten. Sie hatte ihr oberes Limit erreicht. Dass sie Einbußen würde hinnehmen müssen, war klar. Zum Teil sind die verlorenen Prozentpunkte auch auf die verbalen Ausrutscher der Kandidatin, den Brutto-Netto-Verwechsler, und die Ost-Kapriolen des quer schlagenden Bayern-Fürsten Edmund Stoiber zurück zu führen. Entscheidend jedoch ist ein anderes Defizit der Union und ihres Spitzenpersonals: Sie trauen sich nicht, sie zaudern, sie wirken so, als wollten sie die Macht nicht. Die Union leidet unter dem Fluch des Zauderbergs.

Hält Merkel die eigene Truppe für regierungsfähig

Auch an diesem Mittwoch wird das überdeutlich. Statt von einem "Schattenkabinett" zu sprechen, nennen die Konservativen ihre Experten-Gruppe "Kompetenz-Team". Allein das verwirrt. Was sind sie denn nun die Herren Kirchhof, Müller, Schäuble, Beckstein und Althaus - und die Damen Schavan, Hasselfeldt und von der Leyen? Sind sie nur schnöde Berater mit ausgewiesener Sachkompetenz, nachrangige Merkel-Berater, ein Stückchen mächtiger als jeder x-beliebige Fraktionsreferent? Oder sind sie Anwärter auf ein Ministeramt, Vorboten einer unionsgeführten Regierung? Traut Merkel diesen Leuten - ihren Leuten! - nun das Regieren zu oder nicht? Die Kandidatin beantwortet diese Frage im Prinzip negativ. Nö, signalisiert sie, regieren kann man mit denen eigentlich nicht. Statt Schatten, die den Ministern der Regierung folgen, präsentiert die Union also Schemen - Figuren, Erscheinungen, die noch weniger greifbar sind. Von Mut, von Selbstbewusstsein zeugt das nicht.

Die Führungsfähigkeit der CDU-Chefin steht in Frage

Weshalb nur stellt sich Merkel jetzt nicht hin und sagt: Ich pfeife auf Merz, ich pfeife auf Stoiber, das hier sind die Leute, mit denen ich regieren will, das sind die Minister der Regierung Merkel – und mit Kirchhof, dem Experten, habe ich sogar noch einen Überraschungskandidaten aus dem Hut gezaubert? Ein derart selbstbewusstes Auftreten, das auch die Zweifel an Merkels Führungsfähigkeit mindern würde, wagt die CDU-Chefin jedoch nicht. Wieder wirkt er, der Fluch des Zauderbergs.

Schlechtes Omen für schwarz-gelbe Regierung

Dabei wäre die taktische Ausgangslage derzeit günstig. Bisher war es Stoiber, der Merkel durch seine Weigerung, sich auf Berlin oder München festzulegen, zum personalpolitischen Zaudern zwang. Stoiber hat, trotz aller Prügel, an seiner Haltung nichts geändert. Aber er hat an Ansehen verloren. Er ist geschwächt. Merkel wäre nun in einer guten Position zu sagen: Du bist wichtig. Wir wollen Dich, aber wenn Du Dich nicht entscheiden willst, dann machen wir eben ohne Dich weiter. Hier ist mein Schattenkabinett - was dann in der Woche nach der Wahl geschehen wird, ist ohnehin ein anderes Thema. Selbst in der CSU könnten viele einen solchen Schritt wohl nachvollziehen. In den Umfragen der vergangenen Woche hat die Union keine Anteile eingebüßt. Im Gegenteil. Sie konnte sogar ein wenig zulegen. Das spricht dafür, dass die Union am 18. September doch noch mit einem blauen Auge davon kommen könnte. Dennoch, bevor sie ins Kanzleramt einzieht, muss Merkel den Fluch des Zauderbergs dringend bannen. Alles andere wäre ein schlechtes Omen für ihre Regierung.


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