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Kommunisten bei der Hamburg-Wahl: Hauptsache, ich werde nicht gehört

Zur Hamburg-Wahl stehen zehn Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei auf der Liste der Linkspartei. Doch die hat Angst vor den eigenen Kandidaten und versteckt sie vor den Medien. Hauptsache, die halten bis Sonntag den Mund. Bloß keine Sprüche mehr zur Mauer und Stasi. stern.de hat versucht, sie dennoch zum Reden zu bringen.

Von Axel Hildebrand

Es ist Wahlkampf in Hamburg. Die Zeit der großen Egos. Kein Mikrofon ist weit genug entfernt, als dass ein Kandidat oder Politiker nicht etwas hineinreden kann. Jeder brüstet sich mit dem, was er alles vorhat. Die Zahl der begleitenden Kameras ist ein akribischer Indikator für die Wichtigkeit der eigenen Person.

Hauptsache: Ich werde gehört. Hauptsache: Ich werde gewählt.

Doch die Linkspartei dreht dieses Prinzip um. Sie versteckt einen Teil ihrer Kandidaten für Bürgerschaft und Bezirksversammlungen. Und zwar nur jene, die das Parteibuch der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) haben. Zehn von ihnen kandidieren auf den Listen der Linken. In der Partei gibt es eine große Sorge: Wehe, die Kommunisten machen den Mund auf.

Das Gespenst Christel Wegner

Es geht ein Gespenst um in Hamburg und das heißt Christel Wegner. Die Frau mit den dunkelrot gefärbten Haaren war als erste Kommunistin in ein westdeutsches Landesparlament gewählt worden und prompt wieder aus der niedersächsischen Fraktion ausgeschlossen worden. Es genügte, den Bau der Mauer als "Maßnahme, um zu verhindern, dass weiterhin Westdeutsche in die DDR konnten" zu rechtfertigen. Und: "In der DDR gab es freie Wahlen."

Ein Anruf bei André Lenthe, der in der DKP ist und auf der Liste der Linkspartei für die Bezirksversammlung Harburg kandidiert. Dürfen wir kurz mit Ihnen reden, Herr Lenthe? Klar, sagt Lenthe, gerne. Doch zum vereinbarten Termin wird der 32-Jährige plötzlich einsilbig. Er hätte da noch mal Rücksprache mit der Pressestelle der Linkspartei gehalten. Die müsste der Journalist bitte noch mal anrufen. Danach sei ein Gespräch machbar. Die Pressestelle segnet das Gespräch ab, aber Lenthe hat immer noch Sorgen. Es sei ihm extra eingebläut worden, dass sich DKP-Mitglieder nur noch über die Linkspartei-Pressestelle äußern dürften. Er will auch noch mal dort anrufen. Er will keinen Ärger. Sicher ist sicher.

Die Linke muss alles absegnen

Auch ein Gespräch mit Olaf Harms, dem bekanntesten Kommunisten Hamburg, ist zunächst schwierig. Wie ein Schuljunge muss er erst beim Landesgeschäftsführer der Linkspartei anrufen. Vorher werde er nicht reden. Es gebe da jetzt so eine neue Richtlinie, sagt Harms später: Nur fünf bis zehn Minuten mit Journalisten reden, sich alle Fragen vorher vorlegen lassen und danach die Zitate absegnen lassen. Von der Linkspartei. Bloß nichts selber machen. Martin Wittmaack, der Landesgeschäftsführer, will die Anfrage schriftlich haben. Er schweigt lange. Dann sagt er: "Sie wollen nur über die DKP-Mitglieder schreiben? Das ist ja eine komische Berichterstattung." Es scheint in diesen Tagen leichter, Klaus Zumwinkel ans Telefon zu bekommen, als einen Hamburger Kommunisten.

Die Frau von der DKP versteht die Frage nicht

Im Hamburger DKP-Büro, ein weiterer Versuch, meldet sich eine Frau und das Gespräch beginnt ebenfalls mit einem langen Schweigen. Ob man mal mit DKP-Mitgliedern, die am Sonntag zur Wahlen stehen, telefonieren dürfte? In jeder anderen Partei hätten die Kandidaten sofort zurückgerufen. Schließlich ist Wahl und sie wollen bekannt werden. Doch die DKP-Frau scheint die Frage nicht zu verstehen. "Wenn in der Wahlbroschüre keine Telefonnummer angegeben sind, dann wollen sie vielleicht auch nicht reden." Das habe so seine Richtigkeit. Könnten das die Kandidaten nicht einem selber sagen? Sie schweigt. Dann sagt sie: Ich treffe heute Abend jemanden, der sich vielleicht darum kümmert. Niemand wird sich melden.

"Sonst wird alles verdreht"

Die meisten der zehn einsamen DKP-Mitglieder, die zur Wahl stehen, gehen einfach nicht ans Telefon und stellen sich taub. Bei der DKP heißt es: Sonst wird ja wieder alles verdreht. Oder aus dem Zusammenhang gerissen. Oder falsch dargestellt. Dass ein Kommunist etwas Verqueres zum Mauerbau oder der Stasi sagt, und der Journalist dies einfach aufschreibt, scheint undenkbar. Es ist eine etwas kindische Sicht: Schuld sind immer die anderen.

"Alle haben jetzt Angst", sagt Kandidat Lenthe und lacht unsicher. "Ich möchte auch nicht in so eine Schiene wie Christel Wegner geraten."

  • Axel Hildebrand