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Schnauze, Wessi!: Der Letzte macht das Licht aus

Gern wird angepassten Ostdeutschen bescheinigt, sie seien im Westen angekommen. Heute, am 51. Jahrestag des Mauerbaus, muss festgestellt werden: Es gibt eine neue Ausreisewelle - zurück.

Von Holger Witzel

Regelmäßig zu den Jubiläen fünf, zehn oder 27 Jahre nach Mauerbau, Mauerfall oder Ausbruch der Großmaul- und Klauenseuche 1990 wird in Umfragen und Festreden die Anpassungsleistung der kleinen Brüder und Schwestern im Osten überprüft: Sind sie dankbar genug? Endlich zufrieden? Tragen sie immer noch Socken in Sandalen oder inzwischen auch Badehosen am Strand? Das Maximalziel dabei ist ein Prädikat, das die westdeutsche Prüfungskommission "im Westen angekommen" nennt.

Der Schlagersänger XY ist "im Westen angekommen", wenn er auch in Mainz zwei Autogramme gibt, vermutlich ehemaligen Rostockern. Der Sportler YZ, wenn er die Lippen zur richtigen Strophe der alten Nazi-Hymne bewegt und auch privat nicht zu weit rechts rudert. Mal ist die SED/PDS/Linke "im Westen angekommen", weil sie ein paar DKP-Altlasten mit Mandaten resozialisiert, mal noch nicht, weil sie trotz ständiger Namenswechsel mehr Gerechtigkeit und weniger Krieg will als der neue Bundespräsident. Angela Merkel ist schon hundert oder tausend Mal "im Westen angekommen", weil sie je nach aktueller Krise die Bedürfnisse von Atomindustrie, Banken oder der CDU-Ortsgruppe Brakel berücksichtigt. Und obwohl Alibi-Ostler auf Alibi-Posten kein Maßstab sind, hat es sogar eine SED-Juristin beim Mitteldeutschen Rundfunks geschafft.

Die neue MDR-Intendantin sei "klar in der Demokratie angekommen", bescheinigte ihr zum Amtsantritt Dirk Panter, der westdeutsche Generalsekretär der sächsischen SPD. Das Ganze auch noch schriftlich beglaubigt von einem westdeutschen Reporter der SuperIllu, dem ostdeutschen Sprachrohr des westdeutschen Burda-Konzerns - mehr geht eigentlich nicht: Es war eine Art "summa cum laude" unter den Persilscheinen, wie sie sonst nur fränkische Universitäten für abgeschriebene Doktorarbeiten ihrer Fürsten vergeben.

Wollen wir das überhaupt?

Immerhin war ihr Leumund – der kleine Dirk aus dem badischen Oberachern - schon drei Jahre alt, als die 18-jährige Jurastudentin Karola Wille in die SED eintrat. Wie sie hat er im Osten studiert, allerdings erst nach 1990. Dann arbeitete er bei einer Investmentbank, bevor er – auch Westdeutsche verdienen eine zweite Chance - hauptamtlich in die sächsische Sozialdemokratie wechselte. Wer könnte eine alte SED-Genossin glaubwürdiger gegen Anfeindungen von alten SED-Opfern in Schutz nehmen?! Wenn es nicht so ein abgenutztes Bild von West-Journalisten wäre, könnte man glatt sagen, Dirk Panter sei in der DDR angekommen.

Schon gut, ich weiß – vermutlich meinen sie das in irgendeinem übertragenen Sinn: Niemand muss umziehen, um im Westen anzukommen. Es reicht, wenn sich Ostdeutsche zu Hause so systemkonform benehmen wie früher. Tolerante Migranten wie ich gestehen der BRD sogar zu, dass dort vor 1989 auch nicht alles schlecht war. Aber heute? Würde noch jemand sein Leben riskieren, um da anzukommen? Wollten wir das überhaupt?

Wie leicht es geht, beweisen andere ehemalige Ausländer jeden Tag. Sie cruisen mit dicken westdeutschen Limousinen durch die Ghettos westdeutscher Großstädte und müssen sich für den Mindestbedarf westdeutscher Leitkultur nicht mal besonders verrenken. Etwas Gefühl für Rhythmus, schwere Sprache ("Fotzen") und Tradition ("Tunten vergasen") - schon bekommen sie von dem gleichen Medienkonzern einen Integrations-Bambi aufgeschwatzt, der sonst angekommenen Ostdeutschen die Unbedenklichkeit bescheinigt. Doch solange Assimilation auf Assi betont wird, kommen hier wie da selten gesamtdeutsche Gefühle auf. Das ist ja auch bei anderen Ländern nicht üblich, nur weil sie Entwicklungshilfe aus Westdeutschland bekommen. In Griechenland etwa oder Afghanistan.

Zehn Jahre Neugier, zehn Jahre Ernüchterung

In Wahrheit wollen Ostdeutsche vor allem eins: Wieder zurück. Nicht in die DDR – das wird im Westen gern verwechselt. Sondern einfach dahin, wo sie nicht ankommen müssen. Laut "Sozioökonomischem Panel" – einer jährlichen Befragung von 12.000 Deutschen – sind bereits 32 Prozent der seit 1990 Abgewanderten ein zweites Mal abgehauen. Mehr als die Hälfte derer, die noch im Westen leben müssen, zieht es ebenfalls zurück. Oder stößt sie etwas ab? Es ist eine stille Massenflucht. Ohne Botschaftsbesetzungen, aber mit einer klaren Botschaft: Der Westen hat immer zu viel versprochen.

Wohlstand und Demokratie? Ein selbstbestimmtes Leben als Verbraucher? Wer den Vergleich hat, erkennt zu viel Vergleichbares und irgendwann kratzen die appetitlichsten Kröten im Hals: Freie Wahlen schön und gut – aber wieso eigentlich nur zwischen Burn-out und Hartz IV? Zwischen Euro oder Euro? VW oder Seat? Oder kommt man mit einem BMW doch schneller im Westen an? Selbst Versuche, wenigstens äußerlich echte Westdeutsche zu werden, scheiterten oft als groteske Karikaturen. Sich verkleiden, so auftreten und trotzdem nicht unangenehmer aufzufallen, ist das eine - um den Selbstdarsteller nicht nur darzustellen, gehört mehr dazu.

Zehn Jahre Neugier, zehn Jahre Ernüchterung. Offenbar brauchte es seine Zeit, bis die meisten merkten, dass es nichts mit ihnen selbst zu tun hat. Dass Ankommen auch kein Ziel ist, nicht mal ein Weg. Inzwischen entdeckt die dritte Generation Zonenkinder ihre Herkunft wieder wie ältere vor Jahren ihre Marmelade. Das westdeutsche Marketing-Märchen von der "Ostalgie" hat damit nichts zu tun, im Gegenteil: Nach rastlosen Wanderjahren in Köln, Stuttgart oder London spüren viele, was vorher allenfalls auf ihrer jährlichen Rentenbenachrichtigung stand: "Aus dem Beitrittsgebiet" zu kommen ist gerade nach den Erfahrungen im Westen kein Makel mehr – wieder nach Hause zu wollen noch weniger.

Nicht mal ganz junge Leute wollen noch in den Westen: Zwischen 2006 und 2011, so jammern westdeutsche Unternehmen, ging die Zahl der pendelnden Auszubildenden um mehr als 60 Prozent zurück. Der Schwund an billigen Arbeitskräften ist so dramatisch, dass schon der Chef der Bundesagentur für Arbeit Alarm schlägt: "Die Westdeutschen müssen sich etwas einfallen lassen.“ Nur was? Offenbar kehren Exilanten sogar heim, obwohl sie im Osten nach wie vor weniger oder gar nichts verdienen. Hauptsache weg – wie früher aus der DDR. Sie haben herausgefunden, wie man im Westen ankommt – nämlich am Besten gar nicht. Und der Letzte macht bitte das Licht aus!