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Schnauze, Wessi!: Rotkäppchen und andere Märchen

Kaufen Ostdeutsche regionale Lebensmittel, bezichtigt man sie gern der Nostalgie. Tatsächlich ist solche Gefühlsduselei auch nur eine Marketing-Erfindung des Westens. Ein Einkaufsbummel

Von Holger Witzel

Von ein paar ideologischen Retardierungen einmal abgesehen ist die Zigarettenmarke "Juwel" das letztes Stück DDR-Alltag, das mich seit Jahren durch den Westen begleitet. Statt EVP 2,50 kostet das Päckchen inzwischen umgerechnet 50 Mark Ost. Dafür sind weniger drin und die Dresdner Fabrik gehört - wie sich das gehört - natürlich auch längst zu Philip Morris. Der jeweilige Bundesgesundheitsminister druckt außen seine tödlichen Binsenweisheiten drauf. Aber sonst - und nur darauf kommt es letztlich an - sieht die Verpackung immer noch genau so schäbig aus wie früher.

Von Geburt an ahnungslose Kollegen bewundern sie deshalb oft. Ob ich gerade in London war, fragen sie etwa in Hamburg und staunen - "stylish!" - über das blassgrüne Design. Ehemalige Landsleute dagegen freuen sich jedes Mal, dass es die "Alte" überhaupt noch gibt, ganz im Gegensatz zur späteren "Juwel 72", einem üblen Tabak-Mix aus Bulgarien, den nur Parteifunktionäre und LPG-Vorsitzende mochten, die sogenannte "Schweine-Camel".

Juwel, Nudossi, Rotkäppchen - oh, stylish!

Anfangs habe ich natürlich auch andere Marken probiert. Luckies, Gitanes oder was einem 1990 "den Geschmack der Freiheit" sonst noch so vorgaukelte. Doch wie bei vielen leeren Versprechen des Westens bin ich wieder bei den kurzen Filtern der "Alten" gelandet. Und das hat nichts und wieder nichts mit Nostalgie zu tun, im Gegenteil: Gerade bei Ost-Produkten, die ihre Herkunft penetrant vor sich hertragen, ist Vorsicht geboten.

Seit sie uns beibringen wollen, das Wort Konsum auf der zweiten Silbe zu betonen, unterliegen westdeutsche Werbe-Strategen und Medien auch dem Trugschluss, hier kaufe irgendwer irgendetwas, weil irgendein Westdeutscher "Kult" darauf schreibt, "von hier" oder gar "von uns". Dabei schmiert sich kein Ostdeutscher statt Nutella lieber Nudossi auf die Bemme, bloß weil das aus Radebeul kommt oder bei Ökotests besser abschneidet - sondern weil es einfach besser schmeckt als das klebrige Grundnahrungsmittel der Nationalmannschaft. Mehr Haselnüsse. Weniger Zucker. Keine zusätzlichen Aromen. Das ist schon das ganze Geheimnis.

Spee wäscht für Henkel

Alles andere ist "Ostalgie" made in West. Offenbar traut man Ostdeutschen keine souveränen Kaufentscheidungen zu oder möchte mit den Märchen von den Ostprodukten verschleiern, dass natürlich auch die Firmenzentrale von Pflaumenmus aus Mühlhausen längst in Mönchengladbach steht und die Gewinne aus Thüringen bei einem spanischen Konzern abrechnet. Dass Bautzener Senf seit 1992 zu Develey in Unterhaching gehört und Spee schon lange wieder für Henkel Geld wäscht. Ob Ampelmännchen , saure Gurken oder "das Bier von hier" - es ist immer die gleiche verlogene Geschichte.

Ein Industriedesigner aus Tübingen zettelte die Ampelmann-Kampagne an, bis den selbst Westdeutsche "knuffiger" fanden als den strengen Kollegen zu Hause. Genauso gut hätte man behaupten können, er sehe fett aus, faul und trage einen Hut wie Honecker. Aber da war das Ampelmännchen schon eine Politikum - und "Eingetragenes Warenzeichen". Heute steht es für eine ebenso zweifelhafte wie verzweifelte Ost-Identität - und der clevere Schwabe kassiert für jede Ampelmann-Tasse Lizenzgebühren.

Lauter Nostalgie-Getöse

Wer solchen Trabi-Tinnef für etwas Ostdeutsches hält, glaubt natürlich auch, die Menschen dort hätten sich ausschließlich von Spreewald-Gurken ernährt, als wenn es die vor dem Krieg nicht gegeben hätte. Bis zum Europäischen Gerichtshof zog sich der Streit um die angebliche Ostmarke hin, begleitet von viel Nostalgie-Getöse, aber selbstverständlich geführt und gewonnen von Rheinländern, die heute mit Spreewaldhof Marktführer sind.

Westdeutsche Wirtschaftsmagazine jubeln, wenn die alte ostdeutsche Spülmittelmarke FIT klangvolle Westmarken wie Kuschelweich oder Sunil übernimmt: Na bitte, geht doch. Sogar anders rum! Tatsächlich gehört die Firma seit 1993 einem westdeutschen Manager, der sich brüstet, dass niemand mit so "ausgezeichneten Fachleuten preiswerter produzieren könne". Na und? Ist das eine Kunst im sächsischen Dreiländereck zu Polen und Tschechien?

Rotkäppchen gehört den Wessis

Aber Rotkäppchen, bitte, bitte lasst uns wenigstens dieses Märchen! Hat das liebliche kleine Sektmädchen aus dem Osten nicht sogar Mumm und M&M geschluckt? Schöne Story, doch leider auch nur die halbe Wahrheit: Denn natürlich gehörte Rotkäppchen schon vorher mehrheitlich dem westdeutschen Eckes-Clan. Wie der Wolf hat man sich nur verkleidet und seinen Freyburger Minderheitsgesellschafter das Ost-kauft-West-Märchen so oft erzählen lassen, bis alle daran glaubten. Ähnlich listig nannte sich 2002 die Binding-Gruppe aus Frankfurt am Main in "Radeberger Gruppe" um. Ob ich nun Rostocker Bier trinke oder Berliner, eine der Leipziger Marken Krostizer, Reudnitzer oder Sternburger - am Ende gehört soweiso immer alles Familie Oetker aus Bielefeld.

Lassen wir uns also nichts vormachen: Nicht von Vita-Cola oder Lichtenauer Mineralwasser, dem größter Abfüller der besetzten Länder - beide blubbern für die Hassia Gruppe im hessischen Bad Vilbel. Nicht von "Riesaer Nudeln", die eine schwäbische Spätzle-Familie in den zweitgrößten Nudelhersteller Deutschlands verwandelten. Nicht von "Pfeffi"-Bonbons, die zwar mit einem Trabi werben, aber inzwischen aus Oberbayern kommen. Nicht von Leckermäulchen-Quark der niedersächsischen Frischli-Gruppe oder der Pleite von "Tiefkühl Frenzel", den sofort ein Hamburger Agrarkonzern übernahm, der mit seinen Flächen im Ostdeutschland schon vorher als größter Grundbesitzer Europas galt.

An Sentimentalität verdienen

Das Zeug mag "wie früher" schmecken. Aber wann immer sich Westdeutsche die letzten Früchte aus Volkseigentum und Treuhand-Pleiten pflückten, ging es nicht um Geschmack, Arbeitsplätze oder andere Sentimentalitäten, sondern um Absatzmärkte, Fördermittel oder Flurbereinigung. Warum sollten wir - immer nur "Verbraucher" in diesem Spiel - gefühlsduseliger sein?

Florena aus Waldheim galt lange nur als Werkbank und Ostflanke der Hamburger Beiersdorf AG. Neuerdings darf die Marke auch bundesweit werben: "Natur hautnah erleben", heißt der Claim. Im Osten hieß es noch: "Mit Florena küsst Dich keena." Das sitzt viel tiefer und hat sich bei mir sogar auf Nivea überragen, lange bevor Jogi Löw dort die Anti-Werbung übernahm.

Die kleinen Becher mit Fleisch- oder Fischsalat von "Rügen Feinkost" waren dagegen immer in meinem Korb, bis die Homann-Gruppe aus Düsseldorf den Betrieb am 1. August 2011 übernahm. Einen Tag später kündigte sie 100 einheimische Jobs und die Schließung des Rostocker Werkes an. "Wir sehen für dieses Werk keine nachhaltige wirtschaftliche Überlebensfähigkeit", sagte der Homann-Chef. Vor der Übernahme hieß es noch, man wolle mit dem Kauf das eigene Unternehmen stärken. So was merke ich mir auch.

Die meisten Ostmarken scheitern

Nur 17 Prozent aller Ost-Marken überlebten das Jahr 1990. Auch danach hatte es nicht immer mit Qualität zu tun, wenn sie für immer aus den Regalen verschwanden, sondern eher damit, wem die Regale gehörten und wie viel Druck die westdeutsche Konkurrenz machte. Bei Kathis Backmischungen aus Halle schafften sie es nicht. Die alten Schaumbad-Marke Badusan, die ein mutiger Sachse 2008 wiederbelebte, kam gar nicht erst rein. Von den Preisen, die ihm Handelskonzerne diktieren wollten, hätte er nie leben können und vertreibt nun alles selbst.

Soll ich deshalb aus Solidarität öfter baden? Soll ich wie westdeutsche Gutmenschen in diesen Tagen zur Ethikbank wechseln, weil die angeblich keinen Cent in Rüstung oder Ausbeutung investiert oder weil die Server der niedlichen Online-Bank in Thüringen stehen? Soll ich womöglich aufhören zu rauchen, weil mir meine "Juwel" nur vorgaukelt, sie sei die "Alte", aber in Wahrheit so ungesund ist wie jedes beliebige West-Produkt? Ich weiß es nicht. Aus Jesus-Latschen ("original DDR") werden schließlich auch keine Adventure-Sandalen, nur weil sie ein Ostalgie-Shop in Nordrhein-Westfalen verschickt. Eins aber weiß ich: Wenn das nächste Mal einer kommt und mit Rotkäppchen auf ostdeutsche Wirtschaftswunder anstoßen will, gibt es nur eine Antwort: Schnauze Wessi!