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Lafontaine gegen Bartsch: Der Linkspartei droht eine Zerreißprobe

Nach dem Wahldesaster in Nordrhein-Westfalen ist der Machtkampf in der Linken voll entbrannt. Oskar Lafontaine will es noch einmal wissen, hat aber in Dietmar Bartsch einen hartnäckigen Widersacher.

Als Oskar Lafontaine im Mai 2010 als Parteivorsitzender abtrat, hinterließ er ein bestelltes Feld. Die Linke war in 13 Landtagen vertreten und hatte bei der Bundestagswahl gerade ein Rekordergebnis von 11,9 Prozent hingelegt. In Bund, Ländern und Europaparlament stellte sie insgesamt 344 Abgeordnete, und in Nordrhein-Westfalen verhandelte sie über eine Regierungsbeteiligung.

Zwei Jahre später ist die Linke wieder aus dem nordrhein-westfälischen Landtag geflogen, eine Woche nachdem ihren Genossen in Schleswig-Holstein dasselbe Schicksal widerfahren ist. In den bundesweiten Umfragen krebst die Partei bei 6 bis 8 Prozent herum, ist von den Piraten als Protestpartei Nummer eins abgelöst worden und kann sich mit ihren klassischen Themen wie Abzug aus Afghanistan und Abschaffung von Hartz IV kaum noch Gehör verschaffen.

Oskar Lafontaine sieht sein politisches Erbe gefährdet, eine Partei links von der SPD etabliert zu haben, und will deshalb an die Parteispitze zurückkehren. Monatelang hatte er seine Genossen im Unklaren über seine Karrierepläne gelassen. Am Montag rückte er mit seinen Ambitionen raus - aber nur langsam, vorsichtig und umständlich. Er sei ja eigentlich auch für eine jüngere Führung, sagte er vor Journalisten in Saarbrücken. "Ich habe signalisiert, wenn es nicht gelingt, sich auf eine solche Lösung zu verständigen, dann bereit zu stehen, wenn die Umfeldbedingungen einigermaßen stimmen."

"Persona non grata" bei der SPD

Die Vorsicht Lafontaines ist begründet. Der Gründungsvater der Linken kann längst nicht mehr auf die uneingeschränkte Unterstützung der Parteibasis zählen. Viele halten sein langes Zögern in der Führungsfrage für arrogant. Sie wollen sich nicht vom Wort eines Einzelnen abhängig machen. Zudem besteht gerade in den ostdeutschen Landesverbänden die Furcht, mit Lafontaine ganz ins Abseits zu geraten und regierungsunfähig zu werden.

Lafontaine steht für einen strammen linken Oppositionskurs. Das radikale Parteiprogramm stammt zum großen Teil aus seiner Feder. Bei der SPD gilt der Saarländer als "persona non grata", seitdem er die Partei nach einem Zerwürfnis mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder 1999 im Stich gelassen hat. Eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten ist mit Lafontaine nur schwer denkbar.

Die große Mehrheit der Spitzenpolitiker in den ostdeutschen Landesverbänden setzt auf den Reformer und Pragmatiker Dietmar Bartsch, der schon seit Jahren auf seine Chance wartet, in die Parteispitze aufzurücken. Bartsch steht für eine Annäherung an SPD und Grüne und strebt Regierungsbeteiligungen an.

Mehr als nur ein politisches Problem

Der Machtkampf Lafontaine gegen Bartsch steht für den tiefen Graben, der auch fünf Jahre nach der Vereinigung von westdeutscher WASG und ostdeutscher Linkspartei noch durch die Linke geht. Die Wahlniederlagen der vergangenen beiden Jahre haben die Frustrationen auf beiden Seiten nur noch verschärft.

Erschwerend kommt hinzu, dass Lafontaine und Bartsch ein persönliches Problem miteinander haben. Als Parteivorsitzender drängte Lafontaine seinen Bundesgeschäftsführer Bartsch vor gut zwei Jahren aus dem Amt, weil er eine gezielte Intrige witterte. Das Verhältnis hat sich nie wieder normalisiert. Dass Bartsch und Lafontaine in dem Machtkampf zu einer gütlichen Einigung kommen, gilt als unwahrscheinlich. Und derzeit sieht es auch nicht danach aus, dass einer von beiden einen Rückzieher macht.

Aber was dann? Bei einer Kampfkandidatur würde der Partei die Spaltung drohen. Stellt man als Kompromiss eine Doppelspitze aus der zweiten Reihe auf, wäre man bei dem Modell, dass man bereits in den vergangenen beiden Jahren hatte: Klaus Ernst und Gesine Lötzsch fehlte die nötige Autorität und das nötige Geschick, die Partei zu einen. Sucht man nach einem dritten Kandidaten neben Lafontaine und Bartsch, der diese Autorität aufbringen könnte, würde man bei Gregor Gysi landen. Dass der auf einen solchen Notfall-Einsatz Lust hat, darf allerdings bezweifelt werden.

An diesem Dienstag beraten geschäftsführender Bundesvorstand und die Landeschefs über das weitere Vorgehen. Das Ende der Sitzung ist völlig offen, das Ergebnis auch.

Michael Fischer, DPA / DPA