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Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Die Grünen feiern - und verdrängen

Rekordergebnis für die Grünen in Schleswig-Holstein. Trotzdem haben sie ein Problem: die Piraten. NRW-Spitzenkandidatin Löhrmann bibbert schon.

Von Anieke Walter

Als die ersten Hochrechnungen zu den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein über den Bildschirm flimmern, klatscht und johlt das Publikum in der Grünen-Bundesgeschäftsstelle in Berlin: 13,8 Prozent - das historisch beste Ergebnis in Schleswig-Holstein. "Das ist genial", brüllt eine in den Raum. In der nächsten Minute knallen die Sektkorken, "Auf 14 Prozent" heißt der Trinkspruch. Dann wird Bundesvorsitzende Claudia Roth auf dem Bildschirm eingeblendet. Sprechchöre: "Claudia, Claudia, Claudia". Der Parlamentarische Geschäftsführer im Bund, Volker Beck, nippt beseelt an seinem Sektglas: "Ja natürlich bin ich sehr glücklich über dieses Ergebnis. Trotz des neuen Wettbewerbers haben wir unser bestes Ergebnis erreicht. Im Vergleich zu den letzen Wahlen haben wir noch einmal eine Schippe draufgelegt, und das ist schon ein Kunststück."

Ein Kunststück? Vor einem halben Jahr lagen die Grünen in Schleswig-Holstein noch bei 20 Prozent in den Umfragen. Sie sahen sich als Königsmacher, sie wollten die SPD auf den Thron hieven. Diese Option ist weg. Wenn überhaupt eine Regierungsbeteiligung mit der SPD möglicht ist, dann nur mit dem südschleswigsche Wählerverband SSW - die Dänen-Ampel. Der SSW, eine Vier-Prozent-Partei, wird Königsmacher. Wenn überhaupt.

Vor über einem Jahr waren die Grünen noch im Rausch. Die Atom-Katastrophe von Fukushima trieb ihnen massenhaft Wähler zu. Der Streit um Stuttgart 21, der Wunsch nach mehr Bürgerbeteiligung - die Stimmungslage öffnete ein historisches Fenster für den ersten grünen Ministerpräsidenten: Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Der Weg zur Volkspartei schien frei, in den Umfragewerten lagen die Grünen zu Ostern 2011 bei 27 Prozent. Hallo Kanzleramt. Joschka Fischer lehnte großmütig ab.

Dann der Abstieg, parallel zum Aufstieg der Piraten. Renate Künast wird nicht Erste Bürgermeisterin von Berlin. Ulrich Hubert schafft es im Saarland nur noch knapp in den Landtag. Plötzlich sind die Grünen nicht mehr hip, sie sehen alt aus. Seit Jahren die immer gleichen Gesichter an der Führungsspitze: Jürgen Trittin, Claudia Roth, Cem Özdemir, Renate Künast. Zwar kommen die Grünen bei jungen Wählern im Vergleich zu anderen Parteien immer noch gut an. Die Piraten aber sahnen ab. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus haben sie doppelt so viele Stimmen unter männlichen Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren.

Schleswig-Holsteins Grünen-Spitzenkandidat Robert Habeck, 42, war ein Hoffnungsträger seiner Partei: cool, frisch, kreativ. Habeck ist Schriftsteller und sieht sich nicht als politischer Apparatischik, sondern als Quereinsteiger. Aber es half nichts. Torge Schmidt, 23, holte bei den Wahlen in Schleswig-Holstein über acht Prozent. Das Problem der Grünen: Viele Piratenwähler sind Protestwähler. Die Grünen gehören schon zum Establishment, egal wie der Kandidat aussieht.

NRW-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann ist an diesem Wahlabend auch in Berlin. Sie wird, wie ihr Vorredner, Parteichef Cem Özdemir, mit tosendem Applaus empfangen. Löhrmann braucht am kommenden Sonntag ein historisches Ergebnis, um Rot-Grün in die kommende Legislatur zu retten. Aber das könnte im bevölkerungsreichsten Bundesland schwierig werden. "Wir haben keine Dänen die uns aushelfen könnten. Deswegen brauchen wie klare Verhältnisse", sagt Löhrmann. Es klingt wie eine Bitte. Eine flehentliche.