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Landtagswahl in Thüringen: Alle Augen auf Ramelow

Wird die Linke erstmals im wiedervereinigten Deutschland einen Ministerpräsidenten stellen? Bodo Ramelow könnte es in Thüringen schaffen. Was Sie über die Wahl wissen müssen.

Von Lisa Ksienrzyk

Auge in Auge: CDU-Politikerin Christine Lieberknecht und Linken-Spitzenkandidat Bodo Ramelow liefern sich ein Duell um das Amt des Ministerpräsidenten.

Auge in Auge: CDU-Politikerin Christine Lieberknecht und Linken-Spitzenkandidat Bodo Ramelow liefern sich ein Duell um das Amt des Ministerpräsidenten.

Es ist geradezu absurd: Die CDU führt die Umfragen zur Landtagswahl in Thüringen klar an. Sie wird auf 33 bis 36 Prozent geschätzt. Trotzdem muss die amtierende Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht womöglich die Staatskanzlei räumen. Damit ginge eine Ära zu Ende: Seit der Wiedervereinigung stellt die CDU den Regierungschef des Landes.

Grund dafür ist eine Kehrtwende der Sozialdemokraten. Parteichef Sigmar Gabriel hat dem Thüringer Landesverband grünes Licht gegeben: Die Genossen vor Ort, derzeit in einer großen Koalition, können selbst entscheiden, welches Bündnis sie eingehen wollen. Sprich: Sie könnten auch eine Allianz mit Linken und Grünen schmieden, um Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten zu machen.

Zwar würde nach einer aktuellen ZDF-Umfrage die Mehrheit der Thüringer der aktuellen Regierungschefin den Vorzug geben. Aber die Spitzenkandidatin der SPD, Heike Taubert, ist von der Zusammenarbeit mit Lieberknecht "ernüchtert". Soll heißen: Taubert behält sich die eigene Auswahl vor: Schwarz-Rot oder Rot-Rot-Grün. Aller Voraussicht werden die Sozialdemokraten die Königsmacher in Erfurt sein.

Bodo Ramelow - wer ist das?

Der populäre Linken-Politiker Bodo Ramelow hat eine bewegte Biografie: Aufgewachsen als Halbwaise in Niedersachsen, von der Mutter verprügelt, verlässt er mit gerade einmal 14 Jahren die Schule - weil er Legastheniker ist. Nach der Wende übersiedelt Ramelow von West- nach Ostdeutschland, macht dort als Gewerkschafter Karriere. Von 2005 bis 2009 sitzt er für die Linke im Bundestag, geht dann wieder in die thüringische Landespolitik.

Im Wahlkampf tritt Ramelow bereits wie der kommende Ministerpräsident auf: gemäßigt, bodenständig, sachorientiert - und gekleidet in Anzug und Krawatte. Seine Chancen, tatsächlich Regierungschef zu werden schätzt er auf 50:50.

Ein ausführliches Porträt von Bodo Ramelow lesen Sie im aktuellen stern.

Hat die Thüringer Groko versagt?

Die Menschen im Land scheinen zufrieden zu sein. Einer Umfrage des MDR zufolge schätzen knapp drei Viertel der Thüringer die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes als gut oder sehr gut ein. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Thüringen hat das zweitbeste Bildungssystem der Republik, die Arbeitslosenquote ist mit 7,5 Prozent nicht zufriedenstellend, aber immerhin die niedrigste in Ostdeutschland. Der Schuldenabbau geht voran, die Polizei zeigt mehr Präsenz.

Gleichwohl profitiert Lieberknecht politisch nur bedingt von dieser Situation. Gleich drei Minister musste sie in der vergangenen Legislaturperiode entlassen, darunter den Sozialdemokraten Matthias Machnig (Wirtschaft), der jahrelang doppelt staatliche Gehälter bezogen hat. Noch nachhaltiger dürfte das katastrophale Missmanagement des thüringischen Verfassungsschutzes in Sachen NSU die Landesregierung beschädigt haben. Lieberknecht war immer wieder mit scharfer Kritik konfrontiert - was, vor allem, dem Linken Ramelow nutzte.

Wer (und was) hilft den klammen Kommunen?

Die Letzten in der politischen Nahrungskette sind die Kommunen - allein deshalb sind sie oft unterfinanziert. In Thüringen kommt das Problem der Demografie hinzu: Der Bevölkerungsrückgang führt zum Einnahmerückgang. Knapp 100 Städte und Kommunen konnten 2013 keinen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Um das Problem zu beheben, schlagen Linke und SPD eine Kreisgebietsreform vor, mit dem Ziel, größere Verwaltungseinheiten zu schaffen - und Personal zu sparen. Die CDU hingegen hat angekündigt, das heikle Thema nicht anzufassen. nd könnte damit bei der in diesem Punkt reformunwilligen Bevölkerung punkten.

Wie stark wird die AfD?

Ende August holte die AfD in Sachsen knapp zehn Prozent - und schaffte erstmals den Sprung in ein Landesparlament. Nach diesem Erfolg zogen die Umfragewerte der AfD auch in Thüringen und Brandenburg deutlich an. Während die Partei auf Bundesebene gerne bürgerlich und marktliberal auftritt, hat sie in Ostdeutschland eher rechtspopulistischen Charakter. CDU-Ministerpräsidentin Lieberknecht hat eine Koalition mit der AfD bereits ausgeschlossen. Der Stimmenanteil der Partei wird derzeit auf acht Prozent geschätzt.

Mitarbeit: Lutz Kinkel